Beauty-Reportage

Zu Besuch im Cosmetic Valley

Redaktion: Niklaus Müller, Foto: iStock

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Wie die Made im Speck fühlte sich Beauty-Chef Niklaus Müller an der Trendpräsentation des Kosmetikherstellers Intercos in der Nähe von Monza. Er wollte herausfinden, wie die Region in Norditalien zu einem Make-up-Eldorado geworden ist.

In der Lombardei boomt die Beautybranche. Zwischen Mailand, Bergamo und Crema stellen über 500 Firmen Make-up-Produkte für die ganze Welt her. annabelle-Beautychef war zu Besuch bei den zwei grössten Produzenten.

Der Haupteingang ist nicht einfach zu finden. Seit fünf Minuten renne ich von einem Fabrikgebäude zum nächsten, und das alles bei knapp 35 Grad. Obwohl mein Taxifahrer überzeugt war, dass im ersten Gebäude der Haupteingang zur Firma Ancorotti Cosmetics sei, finde ich den Empfang erst nach zweimaligem Nachfragen. Bei 13 Gebäuden insgesamt bin ich froh, dass ich ihn überhaupt noch entdecke. Die Firma Ancorotti liegt etwas ausserhalb der Stadt Crema und ist ein wichtiger Teil des sogenannten italienischen Cosmetic Valley – eine Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley. Denn zwischen Mailand, Crema und Bergamo gibt es über 500 Firmen, die mehr als 60 Prozent der gesamten Make-up-Produkte weltweit herstellen sollen. Für einen Beauty-Redaktor Grund genug, eine Recherchereise in die Lombardei zu unternehmen, wo mehr als 18 000 Personen in der Kosmetikindustrie arbeiten. Insgesamt ist Italiens Handelsbilanz für Kosmetik inzwischen höher als die für Teigwaren, und das will etwas heissen! Kurze Zeit später sitze ich im Büro des Firmengründers Renato Ancorotti, der auch König der Mascaras genannt wird. 1984 gründete er die Firma Gamma Croma und begann, damals noch in einer Garage, die ersten Make-up-Produkte herzustellen. Wie erklärt er sich den Make-up-Boom in dieser Region? «Das Ganze begann eigentlich mit Dario Ferrari von Intercos.

Intercos ist inzwischen die wichtigste Firma der Welt für die Herstellung von Make-up-Produkten. Dario hatte diese Vision. Anschliessend kamen andere Firmen dazu. So auch wir.» Der 61-Jährige erinnert sich noch gut an die Anfänge, als die einzelnen Firmen in der Region begannen, den Kosmetikhäusern verschiedene Dienstleistungen anzubieten, beispielsweise das Zusammenmischen von deren Lippenstift- oder Wimperntuscheformeln. So konnten die Kosmetikhäuser Zeit und Geld sparen, weil sie keine eigenen Maschinen dafür kaufen mussten. Im Lauf der Jahre wurden die Firmen in der Region immer besser und schneller beim Herstellen der Produkte und perfektionierten auch die Formeln, kreierten sogar ihre eigenen. Nachdem er 2009 seine neue Firma gegründet hatte, spezialisierte sich Renato Ancorotti auf Mascaras. «Heute stellen wir fast fünf Millionen Wimperntuschen pro Jahr her. Entweder entwickeln wir die Formel und senden sie dann en gros an die Kunden, oder wir füllen sie in Verpackungsmaterial ab, das uns die Kunden senden, oder wir machen gleich alles selber, was immer öfter der Fall ist», sagt Ancorotti über sein Starprodukt.

Inzwischen sind Ancorottis Mascaraformeln derart ausgeklügelt, dass ihn viele darum beneiden. «Mascara ist das komplizierteste Make-up-Produkt, was die Herstellung angeht. Das Zusammenspiel von Formel, Bürste und Verpackung ist entscheidend. Alles muss harmonieren. Ein Lippenstift bleibt ein Lippenstift, egal wie man ihn verpackt. Dasselbe gilt für Lidschatten oder Puder. Aber bei Mascara muss alles stimmen, und wir arbeiten praktisch täglich daran.» Mit wir meint er seine Tochter und inzwischen mehr als 320 Mitarbeiter, darunter Forscher und Wissenschafter, die in seinen Labors arbeiten. Und das Geschäft läuft: Dieses Jahr prognostiziert Renato Ancorotti einen Umsatz von 100 Millionen Euro, was 35 Prozent mehr ist als letztes Jahr. Neben Mascaras bietet Ancorotti auch sämtliche anderen Make-up-Produkte an: Lippenstifte, Puder, Fonds de teint, Lidschatten und so weiter. Inzwischen können sich Kunden innert kürzester Zeit ganze Make-up- Linien herstellen lassen, eine Dienstleistung, die besonders kleine Kosmetikhäuser, Newcomer oder immer mehr auch Parfumerieketten und Warenhäuser beanspruchen. Könnte im Prinzip auch annabelle eine eigene Make-up-Linie lancieren? «Ja, klar», meint Renato Ancorotti, «man müsste sich zuerst überlegen, wie man die Linie platziert: Massenmarkt, Prestige oder etwas dazwischen, also Mastige. Anschliessend entwickeln wir die entsprechenden Marketingpläne und machen Vorschläge zu Produkten und Verpackungen.» Und wo sind denn genau die Unterschiede zwischen Massenmarkt, Mastige und Prestige? «Das fängt bereits bei den Verpackungen an. Metall kostet viel mehr als Plastik. Ich vergleiche das immer mit einem Fiat 500 und einem Ferrari. Beide fahren, aber natürlich gibt es Unterschiede. Innen wie auch aussen. Beim Make-up ist es dasselbe.»

Und wie sieht der Unternehmer die Zukunft? «Ich glaube, man wird sich noch viel mehr um die Inhaltsstoffe kümmern. Bereits heute verwenden wir nur unproblematische Stoffe, aber künftig wird das durch die Gesetzgebung noch viel weiter gehen.» Um für alles gerüstet zu sein, hat Renato Ancorotti eben ein neues Gebäude gekauft, das ihm weitere 21 000 Quadratmeter für Fabrikation, Lager und Abfüllung seiner Make-up-Produkte garantiert – und das die Suche nach dem Haupteingang dann noch komplizierter machen wird.

Einen Tag später habe ich in Agrate Brianza, einem Vorort von Monza, bedeutend weniger Probleme, die Réception der Firma Intercos zu finden. Nicht, weil das Fabrikgelände kleiner wäre, sondern weil alles viel besser ausgeschildert ist. Dario Ferrari, Gründer und Besitzer der Firma Intercos, empfängt mich in seinem riesigen Büro. Der Grandseigneur der italienischen Kosmetikhersteller und Herr über 15 Fabriken in neun Ländern inklusive elf Forschungszentren ist inzwischen 74 Jahre alt, sieht aber bedeutend jünger aus. 1972 gründete er die Firma, nachdem er bereits in seiner Jugend mit Kosmetik zu tun gehabt hatte. Seine Mutter war Nadia Avalle, eine Chemikerin, die sich in der Schweiz auf die Herstellung von Hautpflegeprodukten spezialisiert hatte. Nach seinem Studium hatte Ferrari die Idee, auf Auftragsbasis Make-up-Produkte für Kosmetikhäuser herzustellen. Eine Idee, die nicht nur seiner Firma eine Zukunft gab, sondern auch einer ganzen Region. Inzwischen macht Intercos 700 Millionen Euro Jahresumsatz und beschäftigt 5000 Angestellte weltweit.

Denn nur Italien war Ferrari nicht genug. Schon bald gründete er auch Niederlassungen in der ganzen Welt, zuletzt in Kalifornien und Südkorea. «Im Moment sind dies die interessantesten Kosmetikregionen. Von dort kommen extrem viele Innovationen, und es herrscht eine enorme Kreativität. Lange Jahre war es sehr ruhig, sehr langweilig. Aber diese zwei Regionen sorgen für neue Impulse», sagt Ferrari. Impulse, die Intercos sofort aufnimmt und verarbeitet. Denn nach 45 Jahren im Business geht es Ferrari nicht mehr nur darum, Produkte herzustellen, sondern auch darum, selber Trends zu setzen und diese seinen Kunden anzubieten. Dazu gehört für Ferrari auch, Millionen in die eigene Forschung zu stecken. «Die Kosmetikwelt ist eine kleine Welt. Die grossen Chemie- und Pharmamultis sind nicht wirklich an Kosmetik interessiert. Deshalb entwickeln wir immer mehr unsere eigenen Inhaltsstoffe. Wenn wir wirklich innovativ sein wollen, müssen wir das tun», sagt Ferrari in Bezug auf die Ausrichtung seiner Firma. «Ich glaube, wir haben eine sehr gute Ausgangslage. Die meisten neuen Kosmetikmarken der letzten 25 Jahre sind ohne eigene Fabrikation oder Forschungslabors entstanden. Sie machen nur Marketing, Branding, Verkauf und Werbung selber. Den Rest bekommen sie von uns.»

Als Beispiel für seine Innovationen nennt Dario Ferrari einen Puder, Prisma Shine, der in den eigenen Labors entstanden ist und den er patentieren liess, zudem einen wasserabweisenden Puder, neue Gelformeln oder ummantelte Pigmente, die ganz neue Farbschattierungen erlauben. «Die Herstellung von Make-up ist ein spezielles Business. Man braucht viel Erfahrung und Fingerfertigkeit. Es gibt sehr viele aufwendige Produktionsschritte, denn die Herstellung ist für Lippenstifte, Puder, Fonds de teint, Lipliner und Mascaras ganz unterschiedlich», erklärt Ferrari. «Ausserdem muss alles immer schneller gehen. Schnelligkeit ist im Moment das Zauberwort. Inzwischen gehen wir zu unseren Kunden und sagen ihnen, was sie nächstes Jahr verkaufen werden. Wir können nicht auf ihre Ideen warten.» Und tatsächlich: Intercos ist mittlerweile auch berühmt wegen seiner alljährlichen Trendpräsentation für die Kunden. In einem riesigen Showroom zeigt die Firma die neusten Trends und Farben sowie die dazu passenden Make-up-Produkte des nächsten Jahrs. Ein Erlebnis, das mir Dario Ferrari zum Schluss meines Besuchs in Agrate Brianza gewährt. Der Showroom ist ein Paradies für jeden Beautyfan: In verschiedenen Sektionen werden Trends mit Namen wie City of Brights, Naked Nation, Valley District, Good, Renaissance oder Glass vorgestellt. Sie reichen von den neusten Nude-Make-up-Farben (Naked Nation) über Neuheiten für die Naturkosmetik (Good) bis hin zu üppigen Make-up-Looks im Retro-Stil (Renaissance). Alles mit Fotos, Illustrationen, aber auch Produktmustern in passender Verpackung. Produkte, die schon bald in der einen oder anderen Form in Schminktäschchen und auf Gesichtern von Frauen der ganzen Welt auftauchen werden. Und deren Ursprung eigentlich im Norden Italiens liegt, wo sie der Pasta bereits den Rang abgelaufen haben.

Niklaus Müller

Kosmetik und Schönheit haben den annabelle-Beautychef schon immer fasziniert. Aber auch andere schöne Dinge des Lebens interessieren den Basler: gutes Essen, Musik, Film und Reisen.

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