«Rot ist nicht gleich Rot»

Rebecca Minkoff setzt Nagellack-Trends

Interview: Silvia Binggeli und Niklaus Müller; Foto: Roderick Aichinger

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«Die Nagellackfarbe kann das Tüpfelchen auf dem i eines Outfits sein»: Rebecca Minkoff, Global Color Designer von Essie und Modedesignerin

Schauspielerin Jenna Elfman trug nach 9/11 dieses T-Shirt von Rebecca Minkoff – und machte so die Designerin weltberühmt.

«Es gibt so viele Nuancen»: Rebecca Minkoff und die Welt der Essie-Farben

Aus Minkoffs Herbst-Winter-Kollektion 2016

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Sie kreiert Nagellackfarben für Essie und ist eine der bekanntesten US-Modedesignerinnen: Rebecca Minkoff. annabelle hat die 36-Jährige in New York getroffen und mit ihr über Farbfindung, No-Gos auf den Nägeln und Glück im Unglück gesprochen.

Der Gebäudekomplex im New Yorker Chelsea-Viertel ist von aussen wenig attraktiv. Drinnen wartet ein mürrischer Concierge und telefoniert ewig mit seinem Vorgesetzten, um sicherzustellen, dass wir auch alle nötigen Bewilligungen für den Zutritt mitbringen. Unser Fotograf musste im Vorfeld schriftlich bestätigen, dass er ausreichend versichert ist, falls es beim Shooting zu Schäden im Haus kommen sollte. Wir sind in den USA, dem Land der tausend Absicherungen. Genauer in New York, der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten.

Schaden anrichten wollen wir nicht, nur Rebecca Minkoff treffen, die Modedesignerin, die sich in den letzten Jahren mit ihren tragbaren, erschwinglichen Kreationen in der Szene einen Namen gemacht hat. Im letzten Jahr entsprach der Umsatz ihres Unternehmens rund 100 Millionen, das Magazin «Fortune» wählte sie zu einer der einflussreichsten Geschäftsfrauen unter vierzig.

Rebecca Minkoff begann ihre Karriere mit gut zwanzig, rückblickend gesehen mit einem Senkrechtstart. «Einfach war das aber damals ganz und gar nicht», wird sie später erzählen. Sie hatte Glück im Unglück: Nach 9/11 trug die Schauspielerin Jenna Elfman (bekannt aus der TV-Serie «Dharma & Greg») auf der Couch des Talkmasters Jay Leno ein von Minkoff designtes T-Shirt mit der Aufschrift «I love New York». Minkoff wurde als Designerin mit einem Schlag bekannt und begehrt.

Vom mürrischen Concierge gehts mit dem Lift nach oben ins Headquarter der Designerin. Sie ist eine gross gewachsene schöne Frau, die einem nett und unaufdringlich die Hand reicht. Minkoff trägt ein leger-schickes Kleid. Sie ist etwas müde, eben hat sie an der New York Fashion Week ihre neue Kollektion gezeigt – die tags darauf schon im Laden zu kaufen ist. Minkoff hat als eine der ersten Modedesigner das mittlerweile in der Modeszene vielerorts gepriesene neue See-Now-Buy-Now-System eingeführt, heute sehen, heute kaufen. Die zweifache Mutter spricht, ohne lange abzuwägen, eine Frau ohne Dünkel, dafür mit Vorwärtsdrang. Nun will sie neben der Mode- auch die Beautywelt erobern.

annabelle: Rebecca Minkoff, Sie entwerfen erfolgreich Mode und Accessoires. Und seit einiger Zeit als Global Color Designer auch Nagellackfarben für Essie. Wie kam es dazu?
Rebecca Minkoff: Essie hat sich an meinen Modeschauen immer um die Nägel der Models gekümmert. Irgendwann fragten sie mich, ob ich nicht Lust hätte, für sie Farben zu entwickeln. Natürlich hatte ich! Farben sind für mich in der Mode sehr wichtig. Die Idee, für die Konsumentinnen zusätzlich zur Mode auch die Nagelfarben zu designen, war naheliegend und klang spannend.

Was genau fasziniert Sie an Nagellacken?
Es gibt so viele Nuancen einer einzelnen Farbe. Rot ist nicht gleich Rot, sondern es gibt Hunderte Variationen davon. Gestern trug ich zum Beispiel ein Burgunderrot, heute ein Knallrot. Die Auswahl ist riesig.

Sie wechseln jeden Tag Ihren Nagellack?
Nein. Normalerweise verwende ich Gellack und wechsle die Farbe nur alle zwei Wochen. Aber ich sitze ja jetzt an der Quelle (lacht).

Wie genau kreieren Sie neue Farben?
Ich fange mit einem Moodboard an, suche dafür Fotos auf Pinterest und beginne, sie zusammenzustellen. Wenn ich noch gar keine Idee oder Inspiration habe, gehe ich gern in Buchhandlungen und sehe mich dort um. In der Regel weiss ich, in welche Richtung ich gehen möchte, und sammle passende Bilder zu meiner Vision. Zu diesen Farben suche ich dann Stoffproben. Oft verwende ich Leder, denn dieses Material enthält verschiedene Nuancen der gleichen Farbe. Oder auch Pantone-Farbkarten und Farben von spezifischen Trendreports.

Wie viele verschiedene Kollektionen entwerfen Sie jährlich für Essie?
Sechs. Und jede Kollektion enthält sechs Farben, also insgesamt 36 Farben pro Jahr. Dazu kommen meine insgesamt sechs Modekollektionen.

Da könnte man farblich leicht durcheinandergeraten! Lassen Sie sich für die Nagellackfarben von denselben Dingen inspirieren wie für Ihre Modekollektionen?
Nicht wirklich. Manchmal gibt es Überschneidungen. Aber ich versuche, die beiden Bereiche getrennt zu halten. Wie in diesem Herbst: Für die Farben meiner Winter-Modekollektion war die Inspiration der amerikanische Südwesten, für die Essie-Kollektion Swinging London und die Biba-Boutique der Sechziger- und Siebzigerjahre.

Bestimmen Sie auch die Namen der Nagellacke?
Ich schlage Namen vor. Die müssen dann aber rechtlich abgeklärt werden wegen der Trademarks. Manchmal klappt es mit meinen Vorschlägen. Oft muss das Essie-Team doch noch andere suchen.

Trifft man Sie im Labor des Nagellackspezialisten?
Ich arbeite eng mit dem Labor zusammen, übergebe ihnen zirka zwölf Farben, aus denen die Spezialisten Nagellacke machen. Die schauen wir uns dann gemeinsam an und diskutieren, welche Änderungen wir noch möchten. Manchmal mischen wir auch bestehende Farben. Regelmässig kommen im Vorfeld schon Inputs vom Labor, etwa wenn sie neue Konsistenzen oder Effekte entwickelt haben.

Sind Nagellacke Modeaccessoires?
Ja, unbedingt! Die passende Nagellackfarbe kann das Tüpfelchen auf dem i eines Outfits sein. Und heute sieht man ja die Nägel permanent durch das ständige Bedienen der Smartphones.

Wie findet eine Frau ihre perfekte Nagellackfarbe?
Sie findet sie immer wieder neu, indem sie experimentiert, ganz nach Lust und Laune.

Welche Farben kommen Ihnen nicht auf die Nägel?
Mit Gelbtönen tue ich mich schwer. Sie passen meist nicht zur Hautfarbe. Bei Schokoladenbraun sollte man ebenfalls aufpassen.

Wie lange im Voraus arbeiten Sie an den Lacken?
Ungefähr ein Jahr. Ich präsentiere jetzt bald die Winterkollektion 2017/18.

Und was haben Sie sich für nächsten Frühling ausgedacht?
Klare Farben, die ein wenig an Südkalifornien erinnern.

Was finden Sie spannender: Nagellackfarben zu kreieren oder Mode zu entwerfen?
Beides ist toll, aber sehr unterschiedlich. Bei Essie kümmere ich mich als Color Designer bloss ums Kreative. Bei meinem Modelabel geht die Verantwortung viel weiter. Da entwerfe ich zwar auch, kümmere mich aber ebenso ums Geschäftliche.

Sie haben in sehr jungen Jahren Ihr eigenes Label aufgebaut.
Ja, ich war gerade 21. Am Anfang musste ich kämpfen. Aber ich hatte auch Glück damit, dass mein «I love New York»-T-Shirt gleich nach den Anschlägen von 9/11 sehr bekannt geworden ist. Plötzlich kannten die Menschen meinen Namen. Nach vier Jahren kam die Taschenkollektion dazu. Der The-Morning-After-Bag wurde ein Hit.

Sie arbeiten mit Ihrem Bruder zusammen. Fluch oder Segen?
Beides. Einerseits kennen wir uns in- und auswendig und vertrauen uns voll und ganz. Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander, auch privat. Andererseits ist man eben Familie und verliert dann sehr schnell die Distanz. Die Gefahr, nur noch übers Geschäft zu reden, ist gross.

Das Modebusiness ist im Umbruch. Blogger und digitale Möglichkeiten bringen Trends sofort unter die Leute. Deshalb bringen nun viele Marken ihre Kollektionen gleich am Tag nach der Show in den Laden – nicht wie früher erst ein halbes Jahr später. Sie haben das System vor einem Jahr als eine der ersten eingeführt.
Ja, und für uns war das eine sehr gute Entscheidung. Wir machen seither fast 200 Prozent mehr Umsatz. Die Blogger zeigen die Kleider unserer Show und wecken Begehrlichkeiten, die Kundinnen können sie nun sofort kaufen. Das ist genial. Am Tag unserer letzten Modeschau hatten wir den besten Umsatz aller Zeiten.

Inwiefern haben sich die Wünsche der Kundinnen verändert?
Durch die Social Media, besonders Instagram, wurde alles viel schneller und direkter. Die Kundin will alles sofort sehen und auch gleich kaufen können. Durch das neue System wird es zudem schwieriger, Kleider oder Accessoires zu kopieren, also gehen die Kundinnen eher wieder direkt zu den Designern und kaufen Originale.

Produziert werden Kleider allerdings nicht von heute auf morgen.
Da haben wir immer noch ein halbes Jahr Vorlaufzeit. Aber das ist kein Problem. Wir zeigen den Einkäufern nach wie vor im September die Frühlingskollektion. Und was sie einkaufen, wird dann später an der Show präsentiert. Das funktioniert gut. Die Modeschau ist nun das Ende der Saison und nicht mehr wie früher der Anfang.

Für wen entwerfen Sie?
Ich sehe meine Arbeit oder meine Mode nicht als künstlerische Verwirklichung. Ich mache Kleider, die Frauen tragen sollen, wollen und können. Im Gegensatz zu anderen Designern, die sich mit Haut und Haaren in ihre Kreationen stürzen, habe ich dadurch wohl auch eine gesunde Distanz. Ich bin ziemlich pragmatisch.

Designerin, Geschäftsfrau, Mutter: Wann sind Sie einfach nur Rebecca?
Ich liebe es zu reisen. Dort kann ich auftanken. Aber auch Zeit mit meiner Familie, meinen Kindern zu verbringen, gibt mir neue Energie. Dann denke ich keine Minute an meine Arbeit. Wann ist die nächste Auszeit geplant? (lacht) Nächstes Wochenende. Da verbringe ich einen Tag im Spa.

Silvia Binggeli,
Chefredaktorin
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