Heft 18/15

Dufte Welt: Die Geschichte sinnlicher Parfums

Redaktion: Niklaus Müller, Olivia Goricanec, Gianna Bärtsch

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Düfte von 1919 bis 1953

Düfte von 1975 bis 1992

Düfte von 1993 bis 2006

Verführungskunst: Eine Geschichte der betörend-sinnlichen Parfums.

Wer sinnliche Parfums liebt, kann sich auf diesen Duftherbst freuen: Es warten zahlreiche neue Kreationen darauf, entdeckt zu werden. Das Wissen um die betörende Wirkung eines verlockenden Dufts ist so alt wie die Verführung selbst. Bereits Kleopatra und andere Femmes fatales der Geschichte bedienten sich dieses Mittels, um ihre Weiblichkeit mit allen Sinnen erfahrbar zu machen.

Als die moderne Parfumindustrie entstand, also vor etwa 125 Jahren, und Parfumeure zum ersten Mal auch mit synthetischen Inhaltsstoffen zu arbeiten begannen, eröffneten sich ganz neue Dimensionen olfaktorischer Kreativität. Man war nicht mehr ausschliesslich auf die bekannten Blütendüfte angewiesen, sondern konnte ganz neue Kombinationen und Fantasiegebilde kreieren. Dank dieser neuen schöpferischen Freiheit kamen nach dem 1. Weltkrieg Parfums auf den Markt, die mit Tabak- und Ledernoten verführten. Düfte wie Tabac Blonde von Caron (1919) oder Cuir de Russie von Chanel (1924) richteten sich an die jungen Frauen der wilden Zwanzigerjahre, die öffentlich rauchten, ihre Haare abschnitten und freche Bubiköpfe trugen. My Sin (1924), Jeanne Lanvins provokatives und sinnliches Parfum, traf mit Namen und Charakter genau den Nerv der Zeit. Und als Jacques Guerlain 1925 das Parfum Shalimar kreierte, dieses würzig-orientalische Gesamtkunstwerk, erreichte die erste Welle der verführerischen, opulenten und «gefährlichen» Düfte ihren Höhepunkt. Inhaltsstoffe wie Vanille, Tonkabohne, Amber und Moschus sorgten für balsamische Wärme und verschwenderische Intensität – ein verrucht-ausgelassener Tanz auf dem Vulkan, den die Dreissigerjahre mit Wirtschaftskrise und dem Beginn des 2. Weltkriegs schnell und unerbittlich beendeten.

Ende der Vierzigerjahre liessen die Lebensumstände wieder Raum für Feminität und die Lust auf Verführung. Marcel Rochas wünschte sich bereits mit dem Parfum Femme (1944) die perfekte Frau zurück, und ChristianDior huldigte ihr mit seinem modischen New Look und dem Duft Miss Dior (1947). Und sogar im prüden Amerika entdeckte man die verführerische Wirkung des Dufts: Mit Youth Dew kreierte Estée Lauder 1953 ein üppig-orientalisches Badeöl, das nicht nur Männern den Kopf verdrehen konnte, sondern auch den Grundstein zu ihrer Kosmetikkarriere legte. In den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Zeit, in der Arbeitswille und Tüchtigkeit als erstrebenswerte Tugenden galten, wurde die Femme fatale von einem eher klassischen Frauenbild abgelöst. Und es sollte zwanzig Jahre dauern, bis sie nach Vietnamkrieg, Ölkrise und dem Entstehen der Frauenbewegung Mitte der Siebzigerjahre in einer modernen Version wiederauferstand: Die Discowelle machte Frauen zu Göttinnen der Nacht, die selbstbewusst ihre Sinnlichkeit inszenierten und mit opulenten Düften unterstrichen – mit Halston von Halston (1975), Opium von Yves Saint Laurent (1977) oder Magie Noire von Lancôme (1978).

Die Discoqueen dankte Anfang der Achtziger ab, doch die opulenten Düfte blieben und prägten die Parfumwelt jenes Jahrzehnts. Coco von Chanel (1984), Poison von Dior (1985) oder Obsession von Calvin Klein (1985) folgten dem Credo «Duft und Verführung gehören zusammen wie Tag und Nacht, und eine Prise Sex schadet nie». Eine Erfolgsformel, die auch Thierry Mugler für Angel (1992) und Jean Paul Gaultier für Classique (1993) nutzten – den für einige Zeit letzten Düften für Liebhaberinnen barocker Opulenz. Denn die Neunzigerjahre waren modisch von Reduktion und Schlichtheit geprägt, die auch den Charakter der Parfums kennzeichneten.

Erst vor etwa zehn Jahren eroberte der Typus der Femme fatale die Duftwelt zurück, mit Flowerbomb (2005) von Viktor & Rolf oder Tom Fords Black Orchid (2006) erlebten die sinnlich-warmen Duftnoten ein Revival, das diesen Herbst seine Fortsetzung findet. Mit warmen, sehr weiblichen und geheimnisvollen Kreationen, welche die verführerische Kraft des Parfums zeitgemäss neu inszenieren.

Niklaus Müller

Kosmetik und Schönheit haben den annabelle-Beautychef schon immer fasziniert. Aber auch andere schöne Dinge des Lebens interessieren den Basler: gutes Essen, Musik, Film und Reisen.

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