Jonathan Safran Foer - Fleisch und Blut

Text: Barbara Achermann
Foto: Getty

06. August 2010

Seine Grossmutter kocht ihm Hühnersuppe ohne Huhn, einzig der Hund kriegt noch Fleisch: Jonathan Safran Foer, Wunderkind der US-Literaturszene, ist überzeugter Vegetarier – und hat ein packendes Buch darüber geschrieben. annabelle traf ihn in Jerusalem.

Um die Wahrheit zu sagen, dieser amerikanische Schriftsteller, Jonathan Safran Foer, der ist rein gar nichts Besonderes. Er ist schrecklich klein, trägt eine Brille, und seine Haare stehen auf seinem Kopf wie eine Pelzmütze. Als ich ihn sah, war ich maximal unterwältigt.» So schreibt Foer über Foer. Er stilisiert sich zum Antihelden, hier durch die Stimme eines ukrainischen Übersetzers. Die Passage stammt aus seinem ersten Roman «Alles ist erleuchtet», mit dem der Autor im Alter von 25 Jahren zum erfolgreichsten literarischen Aufsteiger der USA wurde. Für sein Debüt erhielt er wichtige Auszeichnungen und sehr viel Kritikerlob. Jetzt, mit 32, erscheint sein drittes Werk auf Deutsch, «Tiere essen», ein kluges Sachbuch, das jeden Leser zum Vegetarier macht. Zumindest für ein paar Stunden. Um nochmals die Wahrheit zu sagen, der New Yorker Autor ist so klein nun auch wieder nicht. Aber das mit der Brille stimmt. Und die Haare sind ungekämmt. Er ist bleich, trägt fransige Stoffschuhe, Shorts, einen Dreitagebart und kommt halb rennend, halb schlurfend aus seiner Schreibstube. Eben noch wartete man in Ehrfurcht auf den Jungstar, nun empfindet man fast Mitleid. «Schreiben», erklärt er, «das ist wie Zähne ziehen.» Und präzisiert nach einer rhetorischen Pause: «Wie Zähne aus dem Penis ziehen.»

Wir treten auf die Terrasse. Vor uns liegt die Altstadt von Jerusalem in der gleissenden Mittagssonne. Die weissen Kalksteine reflektieren das Licht wie Scheinwerfer. Der Anblick schmerzt, Jonathan Safran Foer will wieder reingehen: «Ich ertrage das nicht.» Eine Episode wie aus seinen Büchern: Der neurotische Protagonist kapituliert gleich zu Beginn. Und verteidigt sich postwendend: Er möge Leute, die Schwächen haben. An seiner Frau liebt er am meisten die Zahnlücke zwischen ihren Schaufeln. Foer lacht bübisch. Er ist ein  angenehmer Gesprächspartner, der sich selber nicht ganz ernst nimmt.

Wir setzen uns in die klimatisierte Lobby des Mishkenot Sha’ananim. In diesem jüdischen Kulturzentrum verbringt er den Sommer, zusammen mit seiner Frau Nicole Krauss, ebenfalls Schriftstellerin, aber nicht annähernd so erfolgreich, und den beiden Söhnen Sasha und Cy.

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