Margarete Mitscherlich - Ikone des Feminismus
“Ich denke manchmal, ich sollte Angst vor dem Tod haben, aber ich habe keine” - Ikone des Feminismus, Koryphäe der Psychoanalyse, moralische Instanz: Margarete Mitscherlich hat mit 93 ein Buch über ihr Leben und ihr Lebenswerk geschrieben. Ein Gespräch über Männer, Macht und Mut – und den heutigen Stand der Emanzipation.
Die Grande Dame der Psychoanalyse empfängt ihren Gast um drei Uhr nachmittags, nachdem sie Mittagsruhe gehalten hat. Geschminkt, hübsch frisiert und in einem «fotografierfähigen» Hosenanzug öffnet Margarete Mitscherlich die Tür ihrer Wohnung in Frankfurt am Main, die Hand leicht auf ihre Gehhilfe gestützt, «meinen Rolls-Royce», wie sie liebevoll sagt. 93 Jahre alt ist sie. Eine zierliche Frau, die mit ausgesprochen wachen Augen vergnügt in die Welt schaut. In ihrem Wohnzimmer fügen sich die farbigen Einbände der Edition Suhrkamp, alles geisteswissenschaftliche Standardwerke, zu einem bunten Regenbogen im Büchergestell.
Von Margarete Mitscherlich selbst ist soeben ihr neues Werk, ein persönliches Buch über Leben und Lebenswerk, erschienen. Nach dem Krieg schrieb sie mit ihrem Mann, Alexander Mitscherlich, das epochale Werk «Die Unfähigkeit zu trauern» und gab damit einen wichtigen Gedankenanstoss zur Aufarbeitung der Nazivergangenheit. 1960 war sie Mitbegründerin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, wo sie noch heute ein Arbeitszimmer hat. Mitte der Achtzigerjahre schrieb sie «Die friedfertige Frau», das schnell zur Nachttischlektüre der Frauenbewegung avancierte. Margarete Mitscherlich schmeisst ein ergonomisches Sitzkissen auf einen Freischwinger von Marcel Breuer und nimmt Platz.
annabelle: Margarete Mitscherlich, arbeiten Sie eigentlich noch als Psychoanalytikerin?
Margarete Mitscherlich: Ich werde ja dauernd angerufen, ich kann gar nicht anders.
Hat man nicht irgendwann genug von den Problemen fremder Leute?
Nein, ich habe das immer gern gemacht, ich lerne ja auch immer etwas von meinen Patienten. Natürlich gab es welche, die mich geärgert haben, aber die haben mich Gott sei Dank in der Regel bald wieder verlassen.
Die Psychoanalyse hat heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Warum wollen sich jüngere Menschen nicht mehr auf die Couch legen?
Die psychoanalytische Lehre ist ins Bewusstsein der Gesellschaft übergegangen. Jeder Taxifahrer kennt den Ödipuskomplex, redet davon, dass jemand etwas projiziert oder verdrängt. Die Menschen sehen die Welt heute durch die freudianische Brille und halten es für überflüssig, sich auf die Couch zu legen.
Aber diese Wald-und-Wiesen-Psychologie ersetzt doch keine Analyse.
Natürlich nicht. Aber die Menschen glauben, sie könnten sich selbst analysieren.
Schmerzt Sie diese Entwicklung?
Ob es mich schmerzt, ist doch völlig wurscht. So ist die Welt. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Psychoanalyse ganz untergehen wird.
- SEITE 1 | 2 | 3 | 4 | 5
- Nächste Seite ›




























