Natasha Walter: Sexismus sells!

Text: Barbara Achermann
Fotos: Bohdan Cap

22. Juni 2010

1998 verkündete die britische Publizistin Natasha Walter, Sexismus sei für die Frauenbewegung kein Thema mehr. 2010, in ihrem neuen Buch, ist er das Hauptthema. Was ist passiert, Frau Walter? Ein Gespräch über Internetporno, Castingwahn und Poledance-Stangen fürs Kinderzimmer.

Die Reitschule in Bern ist eine Art Rütli der Schweizer Frauenbewegung. Seit den Achtzigerjahren treffen sich dort Feministinnen. Heute finden im autonomen Kulturzentrum nebst Infoveranstaltungen über Mädchenbeschneidung oder Workshops zum Thema «Häusliche Gewalt» auch so genannte Poledance-Stunden statt. Indem sich Frauen wie Nachtclubtänzerinnen an der Stange räkeln, trainieren sie, so behaupten zumindest die Veranstalterinnen, «den Ausdruck individueller, weiblicher Stärke». Ist das die neue Frauenpower? Oder zementieren die Studentinnen der Stange ihre Rolle als Objekt männlicher Begierde? Angesprochen auf die Berner Kurse, schüttelt Natasha Walter den Kopf und lacht. Die langen Haare fallen ihr ins Gesicht, die hohen Wangenknochen springen noch höher. «Was für eine brillante Metapher für mein Buch!» Aber im Ernst, sie finde es einfach nur tragisch, dass so etwas wie Poledance heute für Emanzipation stehe. Die Sexindustrie vereinnahme die feministische Rhetorik, und die Frauenbewegung ziehe mit.

Der Sexismus ist zurück, schreibt die 43-jährige Journalistin und Publizistin in «Living Dolls. The Return of Sexism». Das sorgfältig recherchierte und kurzweilige Buch hat in England eine angeregte Debatte über Prüderie und Porno ausgelöst und wird momentan auf Deutsch übersetzt. Es beginnt mit einer Reportage über eine schlüpfrige Veranstaltung namens «Babes on the Bed», die erfolgreich durchs Königreich getourt ist. Junge Engländerinnen, von der Studentin bis zur Hausfrau, werfen sich auf der Bühne in explizit sexuelle Posen und ziehen sich gratis aus. Eine Horde alkoholisierter Männer kürt das «heisseste Küken» des Abends. Die Gewinnerin, meist eine knapp Volljährige mit Silikonbrüsten, darf für das Männermagazin «Nuts» Nacktmodell stehen. «Kauft sie, nehmt sie nach Hause und onaniert auf sie», sagt der Moderator am Ende der Show. Was für Schweizer Ohren nach einem irritierenden Randphänomen klingt, scheint in England bereits Mainstream. Natasha Walter erwähnt eine Studie (die allerdings etwas zweifelhaft ist, weil sie von einer Telefongesellschaft durchgeführt wurde), gemäss der über die Hälfte aller jungen Engländerinnen Glamourmodel werden möchte, was so viel heisst wie Nackt- beziehungsweise Halbnacktmodell. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» zitierte eine Umfrage mit ähnlichem Resultat: In Italien ist der beliebteste Beruf unter weiblichen Jugendlichen Velina – so nennt man im Berlusconi-Land die meist im Bikini auftretenden Fernsehassistentinnen.

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