Leben im Jemen

Text: Eugen Sorg
Fotos: Nathan Beck

31. August 2010

Wie im falschen Film: Wie wird man Filmkritikerin in einem Land, in dem Frauen der Kinobesuch verboten ist? Und wie nur bewahrt man sich dabei so viel Enthusiasmus und gute Laune? Eine Begegnung mit Huda Jafar, 26 Jahre, aus Jemens Hauptstadt Sanaa.

Vor vierzig Jahren gab es im südarabischen Jemen fünfzig Kinos. Wenn im Hurricane in der Hafenstadt Aden oder im Hadda in der Kapitale Sanaa der neueste Streifen aus Hollywood oder Kairo anlief, bildeten sich vor den Kassen lange Schlangen. Die Leute waren filmverrückt. Dies sehr zum Missfallen der religiösen Kräfte, welche durchsetzten, dass Frauen der Zutritt verboten wurde. Und als 1986 das Hadda von einem Eiferer in die Luft gesprengt wurde, brach die kleine einheimische Filmindustrie zusammen. Heute stehen noch drei Filmtheater im Land mit 24 Millionen Einwohnern.

Es war daher eine Überraschung, als ich anlässlich eines Aufenthalts in Sanaa in der englischsprachigen Zeitung «Yemen Observer» über ein Filmsymposium las, das kürzlich hier stattgefunden hatte. Und noch mehr überraschte mich, dass darin auch eine einheimische Referentin erwähnt wurde, eine junge Filmkritikerin namens Huda Jafar, die in einem Vortrag anhand von westlichen und arabischen Beispielen über den Zusammenhang von Politik und Filmplots gesprochen hatte. Wie kam eine Frau dazu, im Jemen Filmkritikerin zu werden, in einem Land praktisch ohne Kinos und ohne Filmregisseure? In einer erzkonservativen orientalischen Gesellschaft, wo man die weiblichen Familienangehörigen wie das Familiengold vor allen fremden, begehrlichen Blicken versteckt?

Über den «Yemen Observer» stellte ich den Kontakt zu Huda Jafar her, und sie willigte ein, sich mit mir in einer Cafeteria zu treffen. Als ich dort ankam, sass sie bereits da, vor sich eine Tasse Tee und einen Laptop, aber ohne Begleitung eines männlichen Verwandten, wie es zu erwarten gewesen wäre, sondern allein. Im Gegensatz zu den meisten Frauen in Sanaa war ihr Gesicht bis auf die Haare nicht verschleiert. Sie wirkte zurückhaltend, etwas unsicher, ein Eindruck, der im Gespräch jedoch schnell verflog. Sie war wach und gescheit und voller Neugierde. Fragen, über die sie noch nie nachgedacht hatte, schüchterten sie nicht ein, sondern schienen sie im Gegenteil zu beflügeln. Ohne naiv zu sein, nahm sie das Kino ernst. Es eröffnete ihr den Blick auf andere Welten, innere und äussere, von denen sie vorher kaum etwas geahnt hatte. Ein guter Film, sollte sie einmal sagen, sei wie ein guter Freund. Und sie war offensichtlich bereit, wie für einen guten Freund auch für ihr geliebtes Kino persönliche Risiken einzugehen.

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