Was, wenn die Hose tot ist? - Ein Mann und seine Frau brechen das Schweigen

Text: Helene Aecherli

15. Mai 2009

Walter Raaflaub (67): „Ich wagte mich meiner Frau nicht mehr zu nähern, weil ich ihr den Penis nicht mehr bieten konnte.“

„3500 – so viele Männer erkranken jährlich in der Schweiz an Prostatakrebs. Eine grosse, oft schweigende Masse, deren Ängste und Leiden selten oder nur sehr spärlich an die Öffentlichkeit dringen. Prostatakrebs und damit verbundene Potenzstörungen und Inkontinenz sind noch immer ein Riesentabu. Zudem weichen Hausärzte und Urologen diesen Themen gelegentlich aus oder, schlimmer, bagatellisieren sie, was die Situation für die Betroffenen noch schwieriger macht. Deshalb ist es mir von Anfang an ein Anliegen gewesen, offen über die Krankheit und ihre Auswirkungen auf mein Leben zu reden. Aus diesem Grund habe ich auch ein Buch darüber geschrieben**.

Bald sieben Jahre ist es her, seit mir mein Arzt mitteilte, dass ich Prostatakrebs habe. Die Diagnose traf mich wie ein Hammerschlag, aber ich hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Es folgte bald die zweite Operation, die radikale Prostatektomie, bei der die ganze Prostata mit der Kapsel, den anliegenden Samenbläschen und den örtlichen Lymphknoten entfernt wird. Noch auf der Intensivstation kam es zu einer Komplikation. Später dann die Erleichterung: keine Metastasen. Der Krebs war gebannt. Zumindest vorläufig. Zurück blieben die Folgen der Komplikation: totale Inkontinenz und Impotenz. Das heisst, ich „seichte“ von da an unablässig vor mich hin, konnte ohne Windeln nicht mehr leben und brachte erst noch keinen mehr hoch. In der Hose war es nass - und tot.

Wie gross das Ausmass der Impotenz und Inkontinenz nach einer krebsbedingten Prostataoperation  ist, hängt neben der Erfahrung der Chirurgen auch davon ab, ob der Krebs bereits beide Seiten der Prostata befallen und allenfalls schon die Kapsel erreicht hat. Wenn ein urologisches Aufklärungsgespräch ehrlich und vollständig ist, muss es auch den Hinweis enthalten, dass der Eingriff je nach Radikalität deutliche Potenz- und Kontinenzstörungen verursachen könnte. Eine vollständige Inkontinenz und Impotenz, wie ich sie erlitt, tritt jedoch nur in ganz seltenen Fällen ein. Pech für mich, ein solcher Fall zu sein, weil es nach der radikalen Operation zu einer schweren Blutungskomplikation gekommen war - wie sie theoretisch nach jedem Eingriff möglich ist.

Zugegeben: So lange mich die Angst vor dem Krebs im Bann hielt, machte ich mir keine Gedanken  über meine Sexualität. Wenn der Körper am Sterben ist, oder man wenigstens davon ausgeht, dass man bald abtreten muss, dann stirbt auch die Lust auf Sex. Aber sobald ich realisierte, dass mir der Krebs eine Atempause lässt, dass ich eine zweite Chance erhalte, begann ich mich wieder mit Sex zu beschäftigen. Dass ich überhaupt daran denken konnte, bewies: Ich lebe noch.

Was aber, fragte ich mich, wenn ich tatsächlich nie mehr eine Erektion habe? Wie würde meine Frau reagieren? Was hätte ich dann überhaupt noch für einen Wert als Ehemann? Wie kann ich mit meiner Frau Sex haben, wenn es unten ständig läuft und ich Windeln tragen muss?

Ich hatte Renata gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich kaum Lust auf Sex verspürte. Ich wagte nicht, sie zu verführen, weil ich wusste, dass ich ihr den Penis nicht mehr bieten konnte. Mein Zustand quälte mich derart, dass ich sogar Selbstmordgedanken hatte und mich innerlich von meiner Frau zurückzog. Dabei blendete ich vollkommen aus, dass wir in der Zeit vor der Diagnose viele sexuelle Spielarten praktiziert hatten und keineswegs auf die Penetration fixiert gewesen waren. Doch das schlaffe Etwas in meiner Hose beherrschte mich, bestimmte mein Selbstverständnis als Mann. Es raubte mir jegliche sexuelle Initiative. Ohne Erektion keine Anmache. Ich fühlte mich auf ein Nichts reduziert. Ein Schlappschwanz, der sich erst noch bis sechs Mal pro Tag selbst die Windeln wechselte.

Dieser Zustand dauerte so lange, bis meine Frau einen Eklat verursachte. Die Distanz zwischen uns beelendete sie. Sie sehnte sich nach meinen Zärtlichkeiten, nach meiner Aufmerksamkeit, nach der gewohnten Auseinandersetzung mit mir, die uns als Paar vor der Diagnose so stark gemacht hatte. Ihre Trauer rüttelte mich auf. Ihr Ausbruch war unsere Rettung. Wir beschlossen, uns den Sex in unserer Beziehung zurückzuerobern - wenn nötig eben auch mit Hilfsmitteln.

Ich begann mit Penis-Pumpen zu hantieren und spritze mir vor dem Geschlechtsverkehr künstliches Prostaglandin in den Penis, um ihn hart zu machen. Anfänglich mit mässigem Erfolg, aber mit der Zeit wurden wir immer besser, wurden ein eingespieltes Team. Oft zog ich mich eine halbe Stunde vor dem Sex ins Bad zurück und machte den Penis bereit. Den ständig tropfenden Urin hielt ich mit Kondomen in Schach. Die künstlich hergestellten Erektionen liessen zwar nach dem Akt nicht nach, sondern hielten zum Teil noch stundenlang an, was mir Schmerzen bereitete (heute spritze ich mir ein älteres Präparat, und das funktioniert tipptopp). Der Schmerz war es mir wert. Denn guter Sex, auch wenn er selten ist und geplant werden muss, schafft mehr Nähe, als neunzig Tage friedliches Zusammenleben – selbst nach dreissig Jahren Ehe.

2007 hatte ich ein biochemisches Rezidiv. Das heisst, der Krebs könnte sich zurückmelden, könnte  irgendwann doch noch Metastasen bilden. Aber im Moment habe ich Ruhe und stehe dem Leben optimistisch gegenüber. Vor dreieinhalb Jahren habe ich mir einen künstlichen Blasenschliessmuskel einsetzen lassen. Er hat meine Lebensqualität zusätzlich sehr positiv beeinflusst. Inkontinent bin ich nicht mehr, nur noch impotent. Aber das haben meine Frau und ich mittlerweile im Griff - buchstäblich.“


Renata Raaflaub (59): „Sex ist die Glasur auf der Torte, aber nicht die Torte selbst. Die ist die Beziehung zueinander.“

„Der Krebs ist unser stiller Begleiter geworden, der heute zu unserem gemeinsamen Leben gehört, wie alles andere auch. Es ist nun einmal so und nicht anders. Vielleicht werde ich meine Gelassenheit verlieren, wenn der Krebs eines Tages Metastasen machen sollte. Diesen Gedanken habe ich ständig im Hinterkopf. Eine Krebsdiagnose nimmt einem für immer die Unbeschwertheit. Und wenn es so weit ist, wird es dann auch ein Schock sein.

Als mir mein Mann sagte, dass er Prostatakrebs habe, war ich nicht überrascht. Als Ärztin habe ich diese Diagnose sogar fast erwartet. Doch packte mich in diesem Augenblick eine grosse, egoistische Angst: Die Angst, meinen Mann zu verlieren und ohne ihn weiterleben zu müssen.

Glücklicherweise dominierte die Furcht vor dem Krebs nur in den ersten drei Monaten. Danach drängten sich die Probleme um die Inkontinenz und Impotenz in den Vordergrund. In jener Zeit veränderte sich mein Mann extrem. Er wurde depressiv, besprach nichts mehr mit mir, zog sich von mir zurück, auch körperlich. Wollte ich zärtlich werden und mich zum Beispiel verspielt auf seine Knie setzen, wich er mir aus. Das hat mich zutiefst verletzt. Irgendwann habe ich mich dann ebenfalls zurückgezogen und bin nicht mehr auf ihn eingegangen. Wir, die wir immer so interessiert aneinander gewesen waren, einander alles erzählten, was wir erlebt haben, lebten schweigend aneinander vorbei. Nie hätte ich gedacht, dass dies jemals geschehen könnte. Alles Schöne, das uns in unserer Ehe verbunden hatte, schien plötzlich verflogen zu sein.

Als mir mein Mann eines Abends beim Schminken dreinredete, platze mir der Kragen. Ich weinte nur noch. Ich hielt unsere Pattsituation einfach nicht mehr aus. Danach hat Walter das Gespräch mit mir gesucht und war sehr offensiv dabei. Das hat den Bann gebrochen und möglicherweise sogar unsere Beziehung gerettet. Und ich erkannte, dass wir aufgrund einer Verkettung von Missverständnissen in diese Krise geraten waren.

Erst zu jenem Zeitpunkt ist mir klar geworden, wie wichtig der Sex für das Selbstbewusstsein meines Mannes ist. Ich war überrascht darüber, dass er nicht gewagt hatte, mich zu verführen, weil er glaubte, mir sexuell nichts mehr bieten zu können. Dabei wollte ich ja nur, dass er zärtlich zu mir ist, denn ich wusste ja um seinen Zustand. Ich war überrascht darüber, dass er sich mir gegenüber wegen seiner fehlenden Erektionsfähigkeit schuldig fühlte. Denn wir wollten ja primär den Krebs besiegen. Das war das Wichtigste. Nie im Traum wäre es mir eingefallen, Walter zu verlassen, weil er impotent ist. Ich habe ihn ja nicht der Sexualität wegen geheiratet. Selbst die Windeln haben mich nicht gestört. Sie betrafen mich ja nicht. Nur einmal war mir seine Inkontinenz wirklich zuwider: Als wir mal Sex haben wollten, tropfte und tropfte es, und wir konnten nirgendwo ein Präservativ finden. Mein Mann raste zwar ins Dorf, um sich eine Packung zu kaufen. Doch als er nach einer Dreiviertelstunde endlich zurückkehrte, war meine Lust längst verflogen.

Sex ist wichtig für mich. Eine schöne Ergänzung, aber nicht etwas, das zwingend sein muss. Sex ist wie die Glasur auf einer Torte, aber nicht die Torte selbst. Die Torte ist die Beziehung zueinander. Und die stand für mich immer im Vordergrund.

Dennoch muss ich gestehen, dass uns ohne Sex etwas verloren gegangen ist. Viele werden sich nun fragen, ob unsere Sexualität trotz Pumpen und Spritzen noch erotisch ist. Sie ist es. Knisternde Erotik erleben wir immer wieder. Zwar ist es manchmal schon sehr schade, dass wir nicht mehr spontan miteinander schlafen können. Wenn ich Lust habe, muss ich das einige Stunden vorher ankündigen. Umgekehrt ist es natürlich auch so. Und da kann es eben auch geschehen, dass ich dann, wenn wir Sex haben könnten, keinen Appetit mehr darauf habe. Handkehrum gibt mir die Vorbereitungszeit auch die Gelegenheit, mich in meiner Phantasie genüsslich auf das Liebesspiel einzustimmen. Und das ist doch auch nicht so schlecht, oder?“

Informationen:
www.totehose.info

** Walter Raaflaub: „Tote Hose . Worüber Männer schweigen.“ Ein Tagebuch. Wörterseh Verlag, 3.Aufl. 2007, 317 Seiten, Fr. 34.90

Kommentar hinzufügen
Weiterempfehlen
Sie können mehrere Adresse einfügen, trennen Sie diese einem Komma.