Applaus fürs Klatschen
«Ohne Klatsch funktioniert unsere Gesellschaft nicht», sagt Buchautor Christian Schuldt. Er weiss auch, warum es Männer anders als Frauen tun.
annabelle: Christian Schuldt, in Ihrem Buch bezeichnen Sie Klatsch als «Gleitmittel der Gesellschaft». Was meinen Sie damit?
Christian Schuldt: Klatsch und Tratsch sind unerlässlich für das reibungslose Funktionieren des menschlichen Miteinanders. Über Klatsch werden die Regeln und Werte verbreitet, die in der jeweiligen Gemeinschaft oder Gesellschaft gelten. Es geht hier also nicht bloss um einen unterhaltsamen Zeitvertreib, sondern auch um die Festigung sozialer Bündnisse.
Wie entsteht Klatsch, und worum geht es dabei normalerweise?
Er entsteht meistens aus der Diskrepanz zwischen dem, was eine Person nach aussen darstellen möchte, und dem, was sie in Wirklichkeit ist. Bei moralischen Fehltritten etwa dient der Klatsch dazu, diese Regelverstösse anzuprangern und zugleich den Gruppenzusammenhalt zu bestätigen, der auf diesen Regeln aufbaut.
Gibt es dabei Regeln, die beim Klatsch beachtet werden sollten?
Klatsch ist immer eine kommunikative Gratwanderung. Man darf nicht zu wenig klatschen, weil man sonst in Gefahr gerät, sich sozial zu isolieren. Man darf aber auch nicht zu viel oder zu abwertend klatschen, weil man dadurch selbst zum Thema wird. Zugleich müssen gute Klatschgeschichten immer unterhaltsam und spannend erzählt sein und ein exklusives Wissen verbreiten. Optimalerweise über die jeweiligen Alphatiere der Gruppe, seien es Chefs oder Prominente. Das Internet hat für ganz neue Klatschrisiken gesorgt. Denn im Schutz der virtuellen Anonymität lassen sich Klatsch, Tratsch und Gerüchte einfacher und schneller denn je verbreiten. Und entsprechend
schwerer aus der Welt schaffen.
Kann man überhaupt auf Facebook oder Twitter der Versuchung widerstehen?
Nein. Das sind zum Grossteil reine Klatschverbreitungsformate.
Interessieren sich Frauen stärker für Klatsch als Männer?
Nein. Bei beiden Geschlechtern beträgt der Klatschanteil an Gesprächen je rund zwei Drittel. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede, was die Art und Weise des Klatschens betrifft. Frauen organisieren sich tendenziell in Netzwerken, in denen sie sich mit ihresgleichen solidarisieren. Sie klatschen deshalb gemeinsam über andere ausserhalb dieses Netzwerks. Männer organisieren sich eher hierarchisch und nutzen Klatsch, um ihre Position innerhalb dieser Hierarchie zu verbessern und Konkurrenten in ein schlechtes Licht zu rücken.
Christian Schuldt: Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2009, 200 Seiten, ca. 30 Franken

























