Die Freizeit nehm ich mir

24. März 2008

Ich habe kein Hobby. Wie die meisten meiner Freundinnen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich eins haben möchte. Ein Hobby, das klingt irgendwie verstaubt, nach Modelleisenbahn und Briefmarkensammeln, nach einer Beschäftigungstherapie für Menschen, die nicht zu leben wissen, oder für solche, die unterbeschäftigt sind. Aber stimmt dieses Klischee tatsächlich? Im Lexikon steht, dass ein Hobby nichts anderes als eine Freizeitbeschäftigung ist, die man regelmässig und mit einem gewissen Eifer betreibt. Rudert jemand also einmal pro Monat über den See, so hat er noch kein Hobby. Wenn er dies aber jede Woche tut, eine Ruderzeitschrift abonniert hat und auch noch Turniere besucht, schon.

Insgeheim habe ich mich auch schon nach einem Hobby gesehnt. In jeder freien Minute in die Natur raus, um abgefahrene Käferarten zu sammeln, diese dann präparieren und den Freundeskreis mit makaberen Käferschaukästen beeindrucken, warum eigentlich nicht? Ich hätte ein richtiges Projekt, etwas, worauf ich mich jederzeit freuen könnte. Nie mehr Langeweile. Und ich müsste ja nicht sagen, Käfersammeln sei mein Hobby. Ich könnte, wie heute üblich, sagen, ich habe eine Käfersammlung, und bescheiden hinzufügen: «Aber ich mache das nicht professionell, sondern nur so für mich.» Oder von einer Leidenschaft oder Passion sprechen. Eigentlich gibts, objektiv betrachtet, nichts, was gegen ein Hobby spricht. Warum also schlage ich meine freie Zeit so oft mit Zeitschriftenlesen und Fernsehen tot?

Laut einer Univox-Studie aus dem Jahr 2005 befinde ich mich zumindest in guter Gesellschaft: Fernsehen, Radio hören und Zeitung oder Zeitschriften lesen sind die drei häufigsten Freizeitaktivitäten der Schweizerinnen und Schweizer. 80 Prozent der Befragten sehen fast täglich mindestens eine Stunde fern. 71 Prozent hören fast täglich mindestens eine Stunde Radio, 59 Prozent lesen fast täglich Zeitungen oder Zeitschriften. Und wie ich sind viele dieser Mediennutzer unzufrieden: 34 Prozent geben an, sie möchten lieber weniger fernsehen. Auf Rang vier der Freizeitbeschäftigungs-Hitliste folgt übrigens «sich mit der Familie beschäftigen», danach Surfen im Internet, Faulenzen, Shopping, Lesen, Sport treiben und erst auf Rang zehn Heimwerken und Handarbeiten.

Der Zürcher Soziologe Hanspeter Stamm gehört gemeinsam mit Markus Lamprecht zu den wenigen Schweizer Forschern, die sich des Soft-Themas Freizeit angenommen haben. Ich will von ihm wissen, ob wir unsere Freizeit dem Medienkonsum opfern. «Der Medienkonsum ist tatsächlich ein Zeitvernichter», sagt er. Allerdings würden die meisten vor allem an den Wochentagen fernsehen, im Internet surfen oder Zeitschriften lesen. Weil man diese einfachen Aktivitäten auch noch ausüben kann, wenn man müde ist. «Ich kenne jedoch niemanden, der das ganze Wochenende vor der Kiste sitzt oder Fernsehferien macht.» Doch warum kenne ich kaum jemanden, der sich am Wochenende oder in den Ferien einem Hobby widmet? Ist das Hobby vielleicht vom Aussterben bedroht?

«Das Gegenteil ist der Fall», sagt Hanspeter Stamm. «Denn wir hatten noch nie mehr Zeit und Geld zur Verfügung, um einem Hobby nachzugehen.» Hobbys seien eine relativ junge Erfindung, die ersten aktiven Freizeitbeschäftigungen seien erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgekommen. Damals begann das Bürgertum, seine freie Zeit mit Lesen, Hausmusik, Karten- und Brettspielen, Häkel- und Strickarbeiten bewusst zu gestalten. Auch das Vereinswesen erlebte einen Aufschwung, allerdings waren die Turn- und Schützenvereine, die Musik- und Gesangsvereine noch den Männern vorbehalten. Dasselbe galt für die «zwielichtige» Vergnügungsindustrie mit ihren Theatern, Variétés und Showbetrieben.

Die Arbeiter mussten sich damals noch mit mageren ein bis zwei Stunden Freizeit pro Tag begnügen. Mehr freie Zeit hatten sie erst zur Verfügung, als in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts die Samstagsarbeit abgeschafft wurde und zusätzliche Ferien eingeführt wurden. Ausserdem verlängerte sich die Lebenserwartung stetig. Mit der Zunahme der freien Zeit vergrösserte sich auch das Freizeitangebot: Plötzlich konnte man nicht nur im traditionellen Fussballverein tschutten, sondern auch in der Alternativliga, im Frauenfussballverein, in der Halle und am Töggelikasten. Die Freizeit war definitiv keine Restzeit mehr, viele Menschen identifizierten sich nun sogar mehr mit diesem Teil des Lebens als mit der Arbeit.

Damit ist auch die Freizeitindustrie zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Heute gibt ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt ganze 12.5 Prozent seines Budgets für Unterhaltung, Erholung, Kultur, Gaststätten und Hotels aus. Das ist der drittgrösste Ausgabeposten im Haushaltsbudget nach Wohnen und Energie sowie Steuern und Gebühren.

An Zeit und Geld sollte es also grundsätzlich nicht fehlen. Doch stimmt das auch für meine jetzige Lebenssituation? Freizeit, so scheint es mir, habe ich als Mutter eines Kleinkindes nämlich kaum mehr. Der deutsche Freizeitpapst Horst W. Opaschowski bestätigt: Mit der Geburt des ersten Kindes bekomme die persönliche Freizeit einer Mutter – und man möchte ergänzen: auch so manchen Vaters – den Charakter einer «Zwischendurch-Freizeit» und sei nur noch bedingt planbar. Ausserhäusliche Freizeitaktivitäten, schreibt er weiter, gehen rapide zurück. Erst mit dem Schuleintritt der Kinder nimmt die persönliche Freizeit der Mütter, die meist gar nicht oder Teilzeit berufstätig sind, wieder zu. Und damit auch die Lust, diese Freizeit sinnvoll zu gestalten.

Dieses Phänomen spiegeln die Teilnehmerzahlen der Migros-Klubschule, der grössten Hobbyfabrik der Schweiz: 71 Prozent aller Kurse werden von Frauen besucht. Informatikkurse, die vorwiegend von Männern besucht werden, sogar mitgerechnet.

Ein Blick in die Geschichte der Klubschule zeigt, wie sehr die Hobbys vom Zeitgeist bestimmt sind. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg starteten die ersten Kurse, Sprachkurse, die bei der Schweizer Bevölkerung nach Jahren der Isolation auf grosse Nachfrage stiessen. Ab 1946 kamen auch die ersten Freizeitkurse wie Malen, Zeichnen, Basteln und Nähen ins Programm. In den Achtzigerjahren waren Informatikkurse, Yoga und allerhand esoterische Kurse en vogue. Letztere wurden dann in den nüchternen Neunzigerjahren auf die einigermassen etablierten Disziplinen Astrologie, Tarot, Handlesen und Numerologie reduziert.

In unserer gesundheitsbewussten Zeit sind Entspannungssportarten wie Yoga und Tai Chi oder Pilates äusserst beliebt. Auch Standardtänze boomen. Das Interesse an fremdländischen Tänzen wie Salsa, Bauchtanz und Flamenco, die während der Hochzeit der multikulturellen Euphorie der Renner waren, hat dagegen abgenommen. Ebenfalls weniger gefragt sind Kurse in Basteln, Nähen, Stricken, Töpfern und Musizieren. Was sich laut Attila Kocsis von der Klubschule ebenfalls geändert hat: Heute
sind Kurse mit wenig Stundeneinheiten gefragt und Freizeitanlagen, in denen man selbstbestimmt trainieren kann. «Ein Abo in einem Fitnesscenter ist unverbindlicher als eine Vereinsmitgliedschaft.»

Wer die Zeitschriftenauslagen am Kiosk betrachtet, kommt zum Schluss, dass es typische Männer- und typische Frauenhobbys geben muss. Auf der einen Seite reihen sich neben den Erotikmagazinen die Auto-, Motorrad- und Segelzeitschriften. Auf der andern Seite, gleich neben den Frauenzeitschriften, Magazine, die sich dem Wohnen und Einrichten, Garten, Handarbeiten und Yoga widmen. Die Zahlen der Univox-Studie bestätigen den Eindruck. Genau die Hälfte der befragten Männer geht einmal pro Monat zu einer Sportveranstaltung, aber nur 34 Prozent der Frauen. Von den Personen, die fast täglich in einem Buch lesen, sind 21 Prozent Frauen, aber nur 15 Prozent Männer.

Woher diese Unterschiede rühren, möchte ich vom Freizeitforscher Hanspeter Stamm wissen. «Vor allem daher», antwortet er, «dass Frauen früher nur sehr beschränkte Möglichkeiten hatten, in ihrer Freizeit überhaupt etwas zu unternehmen.» Sport hielt man bis in die Sechzigerjahre nur für junge Männer geeignet, da sie dort ihre überschüssige Energie loswerden und gleichzeitig ihre lehrfähigkeit stärken konnten. Frauen dagegen durften keinen Kilometer rennen, weil es, so glaubte man, ihre Gebärfähigkeit beeinträchtigen könnte. «Aber die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verwischen sich immer stärker», sagt Hanspeter Stamm. «Heute betreiben gleich viele Frauen wie Männer Sport. Und typische Männersportarten wie Fussball oder Frauensportarten wie Walking werden je länger desto mehr auch fürs andere Geschlecht attraktiv.»

Es gibt heute wichtigere Kriterien für die Wahl eines Hobbys als das Geschlecht. Hobbys helfen, die eigene Identität zu modellieren, eine Antwort zu geben auf die Frage: Wer bin ich eigentlich? Intellektuelle sind vor einigen Jahren massenweise Fussballfans geworden, weil sie sich nach Emotionen, einem einfachen Männerbild und der Authentizität der Unterschicht sehnten. Heute entdecken sie das Wandern, das ihrem Lebensstil eine gewisse Naturverbundenheit und Pureness verleiht. Junge Frauen stricken wieder und demonstrieren damit nicht nur eine Schwäche fürs Nostalgische, sondern auch einen emanzipierten, spielerischen Umgang mit Geschlechterklischees. Der nach mehr Prestige gierende Mittelstand kopiert dagegen die Hobbys der Oberschicht. So kam es, dass sich diese neue Hobbys zulegen musste, nachdem die Golfplätze von ihren Buchhaltern überrannt worden waren. Als Alternativen scheinen sich etwa Polo oder Pferdezucht zu bewähren.Vielleicht sollte ich also Bogen schiessen, um mir einen intellektuell-philosophischen Touch zu verpassen?

Oder mir gleich jenes Hobby zulegen, das die grössten Möglichkeiten der Selbstinszenierung bietet: Shopping. Gemäss der Univox-Studie ist diese Freizeitaktivität noch beliebter als Lesen und Sport. Und hat – da sie vor allem bei den Jungen hoch im Kurs steht – Potenzial. Von David Bosshart, dem Leiter der GDI-Denkfabrik, möchte ich wissen, wie eine so alltägliche Verrichtung wie Einkaufen überhaupt zum Hobby werden konnte. «Einkaufen war so lange ein Müssen, wie es nichts anderes bedeutete als Essen und Trinken anschleppen», antwortet er. «Shopping dagegen ist so beliebt, weil es inspiriert und man sich mit jeder Kaufentscheidung besser kennen lernt.»

28 Prozent der Frauen kaufen beinahe täglich ein, aber nur 13 Prozent der Männer. Eine Binsenwahrheit. Doch warum dieser Unterschied? David Bosshart hält Frauen im Einkaufen nicht nur für kompetenter als Männer, weil sie früher allein dafür zuständig gewesen seien. «Mode und Accessoires, insbesondere Schuhe und Handtaschen, haben eine besondere Funktion übernommen: Frauen demonstrieren mit ihnen finanzielle Unabhängigkeit und Autonomie.» Auch müssten sich Frauen im Lauf ihres Lebens immer wieder an neue Situationen anpassen. «Mit der Kleidung unterstreichen sie die Rolle, die sie gerade einnehmen. Sie ziehen sich sexy oder sportlich an, tragen Business- oder Schwangerschaftsmode.»

Nun ja, spielplatztaugliche Mode einkaufen versetzt mich nicht gerade in Euphorie. Und die teuren Handtaschen und Schuhe sprengen zurzeit leider das Budget. Ich glaube, ich muss mich damit abfinden, dass mein Leben vorläufig hobbylos bleibt. Was immerhin den Vorteil hat, dass genügend Zeit bleibt, um Zeitschriften zu lesen und fernzusehen. Mit andern Worten: um nichts zu tun.

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