Heimweh
Text: Nina Grygoriew
Illustration: Rahel Nicole Eisenring
Erstellt: 15. Dezmeber 2009
15. Dezember 2009
Haben nur Spiesser und Langweiler. Falsch, findet annabelle-Autorin Nina Grygoriew. Ehrenrettung für ein verpöntes Gefühl.
Wer Fernweh hat, möglichst weite Reisen macht oder gleich ganz auswandert, ist lässig, mutig, neugierig und weltoffen. Wer Heimweh hat, ist weinerlich, desinteressiert, langweilig und spiessig. Fast reaktionär. Heimweh hat man höchstens bis zwölf. Und auch dann ist es eigentlich schon so peinlich, dass man es besser verschweigt.
Dafür, dass Heimweh so uncool und offensichtlich nur etwas für Landeier ist, scheint es allerdings ein ziemlich weit verbreitetes Phänospiel men zu sein: Amazon bietet 5215 Fachbücher, Romane, Biografien und Filme, die sich in irgendeiner Form mit diesem Gefühl beschäftigen. Die Autoren haben da Heimweh nach Afrika, Masuren oder Schweden, und Baudelaire hat sich genauso nach der Heimat verzehrt wie Heine und Brentano. Heidi sehnt sich im berühmten Roman von Johanna Spyri über Hunderte Seiten nach Berghütte und Milch aus dem Holzkübel, obwohl sie ein luxuriöses Leben in Frankfurt geniessen könnte, der Ausserirdische E. T. kämpft zwei lange DVD-Stunden gegen den Tod durch Heimweh.
Beim Internetmusikanbieter iTunes ein ähnliches Bild. Über 800 Songs und Alben finden sich unter den Stichworten Heimweh oder Homesick, von Heimat oder Homecoming ganz zu schweigen. In Sachen Heimweh unterscheidet sich der Hardrocker kein Stück vom Volksmusiker.
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