Pädophilie: Absolut tabu
Marco (37) ist pädophil. Aber in sexueller Absicht ein Kind anfassen, das könnte er nie tun, sagt er.
Ist Marco ein «Schwein, das auf den elektrischen Stuhl gehört!!!»? Marco hat ein System verinnerlicht. Eine grüne Karte bedeutet Sicherheit. Ein Kind anlächeln. Mit den Händen im Zug Schattenwürfe tanzen lassen, einen Hund, einen Vogel. Sich darüber freuen, dass das Kind zurücklächelt. Wenn sich später beim Aussteigen die Hand des Kindes wie selbstverständlich in die seine schiebt: Liegt das jetzt noch im Bereich der grünen Karte? Marcos Herz klopft, er erschrickt, lässt los, entzieht sich. Eine grüne Karte bedeutet: im Matheclub einmal pro Woche mit Jungs knifflige Aufgaben zu lösen. Dass er «als erfahrener Knobler den Jüngeren etwas beibringen darf». Wenn Marco mit einem Buben über einem Problem sitzt, dann stottert er nicht.
«Wer diese miesen Ratten beschützt, ist mitschuldig!!!» Die Kommentare, stets mit drei Ausrufezeichen versehen, stammen nicht etwa aus der «Bild»-Zeitung, sondern aus dem Forum von «Spiegel online». Es war die Berichterstattung zu den Missbrauchsfällen an der deutschen Odenwaldschule im Frühjahr, welche diese Reaktionen hervorrief. «Die öffentliche Wahrnehmung verurteilt Männer mit einer sexuellen Präferenz, die auf Kinder ausgerichtet ist, allein auf Grund der Neigung. Die reine Fantasie wird mit einer unmittelbar bevorstehenden Handlung gleichgesetzt», sagt dazu der renommierte deutsche Sexualtherapeut Christoph J. Ahlers. Dies sei falsch und unfair: «Es handelt sich ja nicht um eine Personengruppe, die – ausser dass sie sich von Kindern angezogen fühlt – durch einheitliche Persönlichkeitsstrukturen gekennzeichnet ist: Es gibt Arschlöcher und es gibt Liebevolle, es gibt Verantwortungsvolle und Rücksichtslose.»
Marco ist ein Kernpädophiler und würde damit, wenn er jemals straffällig geworden wäre, zum ersten von drei Täterprofilen gehören. Kernpädophile sind Männer – und vereinzelt Frauen, doch hierzu später mehr –, die ihr sexuelles Interesse seit der Pubertät ausschliesslich auf Kinder ausrichten. «Ich fühle mich zehn- bis elfjährigen Jungen am stärksten verbunden», sagt Marco. «Das war die Zeit, in der ich in zwei verschiedene Kinderheime musste. Geborgenheit gab es damals nur im Gedanken, dass ich nicht allein litt, dass es andere Jungen gab, die dasselbe erlebten.» Unmenschlich sei es gewesen, kalt und grausam. Marco bleibt bei Schlagworten, will nicht näher auf die Erfahrungen in den Heimen eingehen. Im Alter von 14 Jahren darf er wieder nach Hause, zur Mutter und drei Schwestern.
Seine Fixierung auf Buben bleibt. Unwiderruflich, unheilbar, bis ans Lebensende. Im Fachblatt «Archives of General Psychiatry» publizierte eine Forschungsgruppe der Universität Magdeburg im Juni 2007 ihre Resultate der «Hirnpathologie pädophiler Straftäter»: Die rechte Seite der Amygdala, eines auch als Mandelkern bezeichneten zentralen Gebiets des Gehirns und Entstehungsort von Emotionen, sozialen Bindungen, sexueller Prägung und Erregung, ist bei pädosexuellen Straftätern deutlich in der Grösse reduziert. Auch wenn neurologische «Neuverschaltungen» einzelner Nervenzellen in einem Gehirn durchaus möglich sind – das Wachstum einer Amygdala ist nach der natürlichen, altersgemässen Entwicklung unwiderruflich abgeschlossen. Hirnforscher gehen davon aus, dass eine Störung in der sexuellen Ausrichtung nur schon rein biologisch-neurologisch nicht umkehrbar ist.
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