Pädophilie: Absolut tabu

Text: Silvia Tschui
Illustrationen: Shout

22. Juni 2010

Marco (37) ist pädophil. Aber in sexueller Absicht ein Kind anfassen, das könnte er nie tun, sagt er.

Ist Marco ein «Schwein, das auf den elektrischen Stuhl gehört!!!»? Marco hat ein System verinnerlicht. Eine grüne Karte bedeutet Sicherheit. Ein Kind anlächeln. Mit den Händen im Zug Schattenwürfe tanzen lassen, einen Hund, einen Vogel. Sich darüber freuen, dass das Kind zurücklächelt. Wenn sich später beim Aussteigen die Hand des Kindes wie  selbstverständlich in die seine schiebt: Liegt das jetzt noch im Bereich der grünen Karte? Marcos Herz klopft, er erschrickt, lässt los, entzieht sich. Eine grüne Karte bedeutet: im Matheclub einmal pro Woche mit Jungs knifflige Aufgaben zu lösen. Dass er «als erfahrener Knobler den Jüngeren etwas beibringen darf». Wenn Marco mit einem Buben über einem Problem sitzt, dann stottert er nicht.

«Wer diese miesen Ratten beschützt, ist mitschuldig!!!» Die Kommentare, stets mit drei Ausrufezeichen versehen, stammen nicht etwa aus der «Bild»-Zeitung, sondern aus dem Forum von «Spiegel online». Es war die Berichterstattung zu den Missbrauchsfällen an der deutschen Odenwaldschule im Frühjahr, welche diese Reaktionen hervorrief. «Die öffentliche Wahrnehmung verurteilt Männer mit einer sexuellen Präferenz, die auf Kinder ausgerichtet ist, allein auf Grund der Neigung. Die reine Fantasie wird mit einer unmittelbar bevorstehenden Handlung gleichgesetzt», sagt dazu der renommierte deutsche Sexualtherapeut Christoph J. Ahlers. Dies sei falsch und unfair: «Es handelt sich ja nicht um eine Personengruppe, die – ausser dass sie sich von Kindern angezogen fühlt – durch einheitliche Persönlichkeitsstrukturen gekennzeichnet ist: Es gibt Arschlöcher und es gibt Liebevolle, es gibt Verantwortungsvolle und Rücksichtslose.»

Marco ist ein Kernpädophiler und würde damit, wenn er jemals straffällig geworden wäre, zum ersten von drei Täterprofilen gehören. Kernpädophile sind Männer – und vereinzelt Frauen, doch hierzu später mehr –, die ihr sexuelles Interesse seit der Pubertät ausschliesslich auf Kinder ausrichten. «Ich fühle mich zehn- bis elfjährigen Jungen am stärksten verbunden», sagt Marco. «Das war die Zeit, in der ich in zwei verschiedene Kinderheime musste. Geborgenheit gab es damals nur im Gedanken, dass ich nicht allein litt, dass es andere Jungen gab, die dasselbe erlebten.» Unmenschlich sei es gewesen, kalt und grausam. Marco bleibt bei Schlagworten, will nicht näher auf die Erfahrungen in den Heimen eingehen. Im Alter von 14 Jahren darf er wieder nach Hause, zur Mutter und drei Schwestern.

Seine Fixierung auf Buben bleibt. Unwiderruflich, unheilbar, bis ans Lebensende. Im Fachblatt «Archives of General Psychiatry» publizierte eine Forschungsgruppe der Universität Magdeburg im Juni 2007 ihre Resultate der «Hirnpathologie pädophiler Straftäter»: Die rechte Seite der Amygdala, eines auch als Mandelkern bezeichneten zentralen Gebiets des Gehirns und Entstehungsort von Emotionen, sozialen Bindungen, sexueller Prägung und Erregung, ist bei pädosexuellen Straftätern deutlich in der Grösse reduziert. Auch wenn neurologische «Neuverschaltungen» einzelner Nervenzellen in einem Gehirn durchaus möglich sind – das Wachstum einer Amygdala ist nach der natürlichen, altersgemässen Entwicklung unwiderruflich abgeschlossen. Hirnforscher gehen davon aus, dass eine Störung in der sexuellen Ausrichtung nur schon rein biologisch-neurologisch nicht umkehrbar ist.

Kommentar lesen (4)
es ist mir egal, was die "armen" pädophilen in unserer gesellschaft "schweres" durchmachen müssen! ich habe mit diesen leuten kein mitleid und denke dass sie strafrechtlich verfolgt werden müssen ! wie kann man denn menschen in die gesellschaft integrieren, die gern sex mit kindern hätten ?? da es sich um einen trieb handelt , welcher früher oder später befriedigt werden muss.. auf kosten unschuldiger kinder , die sich nicht gegen die körperliche kraft des erwachsenen wehren können, halte ich (und alle vernunftbegabten menschen) es für unmöglich pädosexuelle zu tolerieren !!!!!! ich glaube nicht, dass sie ihre triebe dauerhaft unter kontrolle haben. und in dem fall wo die kontrolle versagt, ist wer der leidtragende ????? doch wohl nicht der pädokriminelle, in unserem rechtsstaat !!
Was für ein Artikel! Genau so was macht mich zur treuen Leserin, kein Schickimickischnörkel, nix künstlich hochstilisiert oder super dramatisch abgehandelt sondern ein schwieriges Thema, das notabene nicht wegzudiskutieren ist, gut recherchiert und sachlich beschrieben...das ist Jounalismus wie ich ihn gern mehr hätte... Dankeschön!
Mhh, irgendwie hat die Kommentarfunktion meine Absätze verschluckt. Ich hoffe, der Text ist trotzdem lesbar. Alles liebe! Kim
Hallo Silvia, ich nehme mir mal das Recht heraus, Dich zu dutzen, ich finde so lässt es sich so besser über etwas so persönliches sprechen. Ich bin selbst pädophil und will mich als erstes einmal bedanken für den sehr sachlichen Text. Die meisten Texte über Pädophile erwecken immer nur den Eindruck eines notgeilen Triebtäters, der kleine Kinder auf brutalste Weise vergewaltigt. Selten bleibt es sachlich, objektiv - Du hast es geschafft, Dich nicht auf eine Seite zu stellen, sondern diese Thematik eher neutral zu betrachten. Hut ab! Ich finde, dass das größte Problem bei der Thematik ist, dass man Pädophilie immer wieder auf das sexuelle reduziert. Ich habe mich selbst lange gar nicht als pädophil gesehen, weil ich das, was man allgemein unter dem Wort "Pädophilie" versteht, nicht mit mir in Verbindung bringen konnte. Klar existiert auch eine sexuelle Komponente und ich finde Kinder - fast ausschließlich Mädchen - sehr erotisch. Aber wäre es nur das sexuelle, dann hätten wir etwa einen Anteil pädophiler Männer von ca. 25%, denn soviele sind durch Kinder sexuell erregbar. Das kann es also nicht sein. Ich fühle mich in allen Bereichen zu Kindern stark hingezogen, vor allem aber auch sozial und emotional. Seit etwa 2 Jahren bin ich in ein Heute 8-jähriges Mädchen verliebt. Sexuelle Ambitionen habe ich dabei nicht, alleine die soziale Nähe zu ihr gibt mir bereits alles was ich brauche - Liebe, Wärme, Geborgenheit und emotionale Befriedigung (nicht sexuelle!). Ich liebe es sie zu beobachten, wie sie sich in ihrer kindlichen Welt bewegt, auf neue Dinge reagiert und neues entdeckt, wie sie lernt und selbst beobachtet, ich liebe ihren schönen Körper, ihre Nase, ihre wunderschönen Augen, ich liebe ihre kindliche Philosophie und Phantasie. Sie interessiert mich als ganzer Mensch, mit allen Stärken und Schwächen. Wenn es ihr nicht gut geht, dann geht es mir auch nicht gut, manchmal habe ich sogar das Gefühl stärker zu leiden als sie selbst. Aber trotz des starken Hingezogenfühlens respektiere ich auch ihren Willen, dränge mich nicht auf und versuche sie auch nicht zu etwas zu überreden. Sie ist mein Ideal, was aber noch lange nicht heißt, dass ich auch ihr Ideal bin. Lange Zeit hatte ich sehr zu kämpfen mit meiner Pädophilie. So wie man immer wieder über Pädophile spricht, war ich einfach nie. Trotzdem habe ich eine Zeit lang, aufgrund des allgemeinen Bildes, mich selbst als potentiellen Kinderschänder gesehen. Heute weiß ich, dass das einfach nur Quatsch ist. Ich konnte noch nie und werde nie ein Kind vergewaltigen und genauso werde ich nie Erwachsenensexualität in die kindliche Sexualität hineininterpretieren. Man muss sich dabei einfach nur eine Frage stellen: "Würdest Du der Person, die Du über alles liebst, weh tun wollen?" - ich nicht! Aber ich machte eben eine sehr schwere Phase durch und hatte ein stark negatives Selbstbild. Beiträge wie Deiner geben mir aber Hoffnung, dass auch Menschen wie ich vielleicht irgendwann mal akzeptiert werden. Und vielleicht kann ich ja dann auch mal mit Freunden oder Familie darüber sprechen. Im derzeitigen Umfeld geht das aber einfach nicht, dafür habe ich viel zu viel Angst, alles was ich habe zu verlieren. Ich denke die beste Prävention ist mit den Pädophilen zu sprechen und nicht über die Pädophilen - und eben dabei noch sachlich zu bleiben. Gar nicht mal so einfach, was ich durchaus nachvollziehen kann. Damit erreicht man aber eben auch nur den kleinsten Täteranteil, die meisten sind (wie Du schon geschrieben hast) gar nicht pädophil oder pädosexuell. Wir sollten uns eben noch etwas einfallen lassen, wie man gerade die abscheulichsten Fälle (die, bei denen dem Täter das Kind egal ist, Fälle unter Druck, Zwang und Gewalt) präventiv verhindern kann - und das ohne Pädophilie zu stigmatisieren. Auch nicht so einfach, aber die Hoffnung aufgeben wäre da der falsche Weg. Alles liebe! Kim
Kommentar hinzufügen
Weiterempfehlen
Sie können mehrere Adresse einfügen, trennen Sie diese einem Komma.