Sie nannten ihn Kokosnuss

Illustration:Illumüller
Erstellt: 22. Januar 2010

22. Januar 2010

Wie lustig sind Spitznamen? Ein autobiografisches Bekenntnis von Mikael Krogerus.

Mein Spitzname in der Primarschule war Kokosnuss. Ich war gerade mit meinen Eltern von Finnland nach Deutschland gezogen, und keiner meiner Mitschüler konnte das weiche skandinavische k in meinem Vornamen Mikael aussprechen. Was dazu führte, dass mein Name zum deutscheren Mika verkürzt und durch hanseatisch-dialektale Lautverschiebung zu Mikker pervertiert wurde; dann setzte sich zeitweilig Snickers durch, das später, als wir anfingen, die Nachnamen als Spielfeld für Diskriminierungen zu entdecken, durch Kokosnuss verdrängt wurde. Eine Anspielung auf meinen Familiennamen Krogerus. Meine Lehrer blieben bei Mikael. Sie sprachen es sehr deutsch aus. Mi-k-k-k-a-el. Es klang wie eine Salve aus einer Maschinenpistole.

Einen dieser Lehrer nannten wir Egge (richtiger Name Eggerling) ein hagerer, sarkastischer Mann mit einer Hippie-esken Langhaarfrisur und einer Schwäche für Cabriolets. Egge spekulierte einmal über den nationalsozialistischen Hintergrund unseres Abwarts Schell (Spitzname Schelle), weil dieser während Bauarbeiten an der Schule ein Kartonschild mit der Aufschrift «Zur Turnhalle über die Rampe» aufgestellt hatte. Als wir nach langem Nachdenken verstanden hatten, dass Egge auf die Rampe in Auschwitz anspielte, nannten wir ihn Balder, nach dem respektlosen TV-Komiker Hugo Egon Balder. Zu den Lehrern, deren Spitznamen mir in Erinnerung geblieben sind, gehören Roastbeef (richtiger Name Rosbigalle, ein kaltherziger Physiklehrer, der angeblich ausserhalb der Schule durchaus umgänglich war, ungefähr so, wie man auch von Pol Pot gehört hat, dass er privat ein geistreicher Kerl gewesen sein soll) und der übergewichtige Mathelehrer Tweddy (richtiger Name Twesten, dessen kontemplative Art, die Tafel zu wischen, bevor er einen von uns nach vorn holte, mich die Angst vor dem Tod lehrte). Dann war da der schrankgrosse Uwe Normann; was er unterrichtete, weiss ich nicht mehr. Zeichnen. Vielleicht Mathematik. Oder Geometrie. Er fing bei uns 1991 an, im Jahr, als die USA im Irak einmarschierten. Uwe Normann war leicht zu provozieren und seine Kontrollverluste waren episch. Bald hiess er nur noch Stormin’ Norman, nach dem US-General Herbert «Stormin’ Norman» Schwarzkopf, der die Operation «Desert Storm» im Golfkrieg geleitet hatte.

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