Wie ist es eigentlich

Beni Thurnheer: Wie ist es eigentlich, ein langweiliges Fussballspiel zu kommentieren?

Aufgezeichnet von Sven Broder; Bild: Copyright SRF/Oscar Alessio

Beni Thurnheer: Wie ist es eigentlich, ein langweiliges Fussballspiel zu kommentieren?
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«Stell doch de schiiss Kommentar ab! Das sagen viele. Aber machen tut es niemand. Dass sich Fans über mich aufregen, ist ihr gutes Recht.»

BENI THURNHEER Sportreporter, Winterthur (62)

Stell doch «de schiiss» Kommentar ab! Das sagen viele. Aber machen tut es niemand. Dass sich Fans über mich aufregen, ist ihr gutes Recht. Ein Kommentator, der polarisiert, ist besser als einer, der gar keine Emotionen auslöst. Aber mich auf stumm schalten? Nein, mit dem Ton ginge auch die Stadionambiance verloren – da kannst du grad so gut ganz abstellen. Deshalb ist noch der schlechteste Kommentator besser als keiner.

Ich habe bestimmt 1000 Livespiele kommentiert und genau 102 WM-Partien. Die 100. war der Viertelfinal Holland gegen Brasilien – aber das wusste ausser mir keiner. Vor bald vierzig Jahren, als ich angefangen habe, galt für Sportkommentatoren die Devise: Lass deinen Gefühlen freien Lauf. Die Zuschauer dürfen ruhig merken, wenn dich ein Spiel angurkt. Heute, wo man als Fernsehstation froh ist, überhaupt die Übertragungsrechte zu bekommen, ist das anders. Da ist jeder Match per se ein Event. Aber leider – nein, zum Glück! – ist beim Fussball auch die grösste Affiche noch keine Garantie für ein tolles Spiel. Jeder Match beginnt bei 0:0 – und alles ist möglich. Wirds langweilig, dann verdränge ich das. Das Ziel ist, hundert Prozent von dem, was ein Spiel hergibt, auszuschöpfen. Und nicht das wenige auch noch «kaputt z schnurre». Irgendwas Spannendes findet sich ja immer. Ich muss die Leute deswegen aber nicht neunzig Minuten volltexten. Ich darf mal dreissig Sekunden schweigen. Das ist okay. Ich kann das. Sie glauben mir nicht? Ich habe auch im Alltag nicht das Bedürfnis, alles zu kommentieren. Ehrlich!

Das Grundproblem vieler Frauen, die nicht verstehen können, dass man neunzig Minuten lang kommentieren kann, wie 22 Männer einem Ball nachlaufen, ist dieses: Sie checken nicht, dass es ums Hier und Jetzt geht, um das Livefeeling. Die Ungewissheit: Was passiert im nächsten Moment? Ich würde mir nie Basel gegen Luzern drei Wochen später noch mal ansehen. Dann hätte ich das Feeling, das viele Frauen beim Fussballschauen haben: Gähn! Ist dir absolut egal, wer gewinnt, dann musst du dir ein Spiel nicht anschauen. Das ist völlig sinnlos.

Die wichtigste Regel beim Kommentieren: Bild schlägt Ton. Alles, was du sagst, sollte etwas mit dem zu tun haben, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Läuft nichts, kann man seine Randgeschichten loswerden. Etwa dass Messi nur zum FC Barcelona kam, weil er an Wachstumsstörungen litt. Diese Geschichte habe ich jetzt drei Jahre nicht mehr erzählt, vielleicht könnte ich sie wieder mal bringen, wenn Messi grad ein Kopfballduell gewinnt. Es gibt Spiele, da habe ich bis zum Schluss alles erzählt, was ich weiss, weil auf dem Feld nichts lief. Solche Übertragungen beende ich dann mit Sätzen wie: «Fussballspiele zu kommentieren, ist eine wahre Freude. Aber heute war es auch ein bisschen Arbeit.» Die Leute meinen ja, wir hätten beim Fernsehen ein Archiv, das auf Knopfdruck alles Wichtige für uns ausspuckt. Aber das stimmt nicht. Ich sammle jahrein, jahraus alle Infos, die ich irgendwann mal brauchen könnte. Die Vorbereitung auf die Europameisterschaft begann im Januar. Zu jedem Spieler stelle ich ein Kärtchen zusammen. Das meiste habe ich dann aber im Kopf. Wie Kurt Felix sagte: Man kann nur etwas aus dem Ärmel schütteln, wenn man vorher etwas hineingesteckt hat.

Ich finde ja, Freundschaftsspiele der Schweizer Nati gegen tendenziell schwächere Teams sollte man nicht live übertragen. Die sind fast immer langweilig. Zudem stehen in der zweiten Halbzeit zehn neue Spieler auf dem Platz, und nichts funktioniert mehr. Da ist es schwierig, dem Gezeigten etwas Positives abzugewinnen. Dann fokussiere ich auf einzelne Spieler, frage: Drängt sich einer auf?

Böse Zungen behaupten, ich würde mir ab und zu in der Pause einen Schnaps gönnen, um das Mundwerk zu lockern. Aber Alkohol ist in unserem Job das absolute Superverbot. Zudem rede ich eher weniger, wenn ich Alkohol getrunken habe. Ich esse auch keine Wurst in der Pause. Und aufs WC gehe ich wohlweislich immer vor dem Spiel. In den vierzig Jahren als Livekommentator hatte ich schon alles: Grippe, eine blutige Wunde, sogar mal volle Hosen – ich habe immer durchgebissen. Nur einmal bin ich an ein Spiel zu spät gekommen, weil der Zug im Schnee stecken blieb. Aber zum Glück sass der Schiedsrichter im gleichen Zug. Etwas zu verpassen, das ist mein grösster Horror. Ein Albtraum, der immer wieder kommt: In einer Stunde bin ich auf Sendung, und ich habe meine Kleider zuhause vergessen. Also renne ich los. Aber es kommt immer was dazwischen – und am Schluss bin ich zu spät. Dann wache ich auf. Schweissgebadet.

— Die Fussball-Europameisterschaft 2012 findet vom 8. Juni bis 1. Juli in Polen und in der Ukraine statt – leider ohne die Schweiz.

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