Marathon in NYC - Sarah rennt

Text: Jim Kämmerling und Sarah Buschor
Fotos: Katja Heinemann

31. Januar 2012

annabelle-Moderedaktorin Sarah Buschor hatte einen Traum: Einmal den New York Marathon laufen. Weil diese 42.195 Kilometer so anders sind als überall sonst auf der Welt. Protokoll einer atemberaubenden Erfahrung.

2 Tage vor dem Marathon

15.55 Uhr
Sarah hat den Flug nach New York fast hinter sich. Acht Stunden, mehr oder weniger durchgeschlafen. Nur einmal wacht sie kurz auf, genau in dem Moment, als nach fünf Stunden überm Meer endlich Land in Sicht ist. Neufundland. Sarah zückt ihr iPhone und hält den Augenblick fest. Übermorgen ist der grosse Tag. Sie wird zum ersten Mal einen Marathon laufen – und dann gleich den New Yorker, die berühmteste Strecke der Welt.

«Cabin crew, ready for landing in a few minutes.» Das Flugzeug zieht eine grosse Schleife über New York, am Horizont sieht Sarah das Häusermeer, die berühmten Strassenquadrate und eine kleine grüne Fläche namens Central Park. Von hier oben sieht die Marathonstrecke gar nicht so lang aus …

16.15 Uhr
Immigration. Vier Stunden muss Sarah dafür anstehen! So eine Menschenschlange hat sie hier noch nie gesehen – alle mit Laufschuhen an den Füssen. Klar, sie ist nicht die Einzige, die zum Marathon anreist. 47 000 Läufer aus aller Welt werden erwartet. Endlich ist sie an der Reihe. Der Beamte will viel wissen: wie lange sie schon rennt, wie oft sie rennt, was sie sonst so sportlich macht. Offenbar will er ein Gefühl dafür kriegen, ob hier eine als Marathonläuferin verkleidete Schweizer Terroristin vor ihm steht. Am Ende lächelt er und gibt gütig seinen Stempel.

20.30 Uhr

Taxi, Taxi! Sarah freut sich auf die Fahrt Richtung Manhattan, die man aus vielen Filmen kennt. Es ist dunkel geworden. In der Ferne leuchtet die Skyline. Wieder ein Moment, um das iPhone zu zücken. Aber Manhattan muss noch einen Tag auf Sarah warten. Heute wird sie in Brooklyn übernachten, bei Emiko, einer guten Freundin.

23.30 Uhr
Der Jetlag macht sich bemerkbar. Sarah zwingt sich, wach zu bleiben. Sie schaltet die innere Uhr auf die amerikanische Zeitzone um – und kocht mit Emiko gut gelaunt Pasta. Die beiden Freundinnen haben sich jede Menge zu erzählen. Plötzlich fallen die Augen zu. Gute Nacht, New York!

Der Tag davor

6.30 Uhr
Sarah ist früh wach, macht sich erst mal einen Kaffee. Dann schickt sie ein SMS an Jim. Das bin ich. Ich soll Sarah bei ihrem Abenteuer begleiten. Ich bin ihr Schatten, das ist der Plan.

Mich interessiert, was ein zierliches Modemädchen dazu bringt, den härtesten Marathon der Welt zu rennen. Eine spannende Sache, denn: Ich kenne Sarah gar nicht. Wir werden uns gleich zum ersten Mal begegnen.

9.15 Uhr
Cafe Gitane. Hier trifft sich die Szene. Hier frühstücken all die verkaterten Typen, die man in der Nacht davor an einer der «wichtigen» Partys getroffen hat. Sarah kommt zur Tür rein. Sie gibt mir schon den New Yorker Hug. Die Umarmung gilt ganz New York, glaube ich. Wir verstehen uns auf Anhieb und quasseln gleich drauflos. Vermutlich wird im Cafe Gitane zum ersten Mal übers Marathonlaufen geredet.

Sarah erzählt, was sie schon alles erlebt hat. Sie war joggen in der Nähe des Columbus Circle. Dort ist das Zielgelände der Laufstrecke. An der Tafel, wo dramatisch «Nur noch 200 Meter» draufsteht, ist sie locker vorbeigerannt. Das wird morgen anders sein. Dann hat sie an der Stelle bereits 42 Kilometer hinter sich. Unglaublich!

Sarah ist ja keine Hochleistungssportlerin, sondern Moderedaktorin. Jeans, Lederjacke, flache Schuhe – so, wie sie vor mir sitzt, würde man nicht vermuten, dass sie morgen zum Gewaltmarsch quer durch die Stadt ansetzt. Zwei Jahre lang war sie bei der deutschen «Vogue», dann beschloss sie, zurück nach Zürich zu ziehen, um bei annabelle zu arbeiten. Sarah weiss, was sie will. Ich mag ihre Bescheidenheit. Wir bestellen noch mal zwei Latte (ausgesprochen: Lattey), das Lieblingsgetränk der New Yorker.

Wir verabreden uns für heute Nachmittag, dann kommt die nächste Station auf dem Weg zum grossen Tag.

17.30 Uhr
Sarah holt ihre Startnummer. Wir fahren zur Vergabestelle an der 38. Strasse. Menschenmassen, Verkehr, Polizei, Billboards mit «Do it»-Slogans. Hier trifft sich nun das fitte New York. Das New York, das New-Balance-Schuhe und tief sitzende Yankee-Mützen trägt – und morgen durch die Stadt rennt. Wir gehen in die grosse Halle rein, und fremde Menschen begrüssen uns, nicken uns zu. Sarah registriert sich und bekommt ihre Startnummer 40-976. Jetzt ist sie Teil der grossen New Yorker Familie, die sich morgen um 6 Uhr treffen wird. Jetzt wäre ich plötzlich auch gern dabei.

20 Uhr
Abendessen mit einem Freund von Sarah, der zufällig auch gerade in der Stadt ist. Pasta und ein Glas Rotwein. «Ich kann Pasta schon bald nicht mehr sehen », sagt Sarah. «Seit Wochen esse ich nur Pasta, wegen der Kohlehydrate.» Kräfte sammeln.

22.10 Uhr
Ab ins Bett. Beim Einschlafen denkt Sarah: Ich glaube, ich realisiere erst jetzt wirklich, was ich mir vor ein paar Wochen an einem lauen Spätsommerabend eingebrockt habe.

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