Italienische Hochzeit: Mit Strumpf und Stil

Text: Marc Zollinger
Fotos: Ornella Cacace

13. September 2011

In Italien ist Heiraten mehr als Ja sagen. Viel mehr! Denn da wird mit der grossen Kelle angerichtet. Unser Autor weiss, wovon er schreibt: Als Kellner bei einem römischen Caterer hat er schon an die hundert Hochzeitsgesellschaften bedient.

«Uno svizzero?» Und dann lachen alle am Tisch. Dass ausgerechnet einer aus dem hoch geachteten Land des Geldadels ihnen das Essen serviert, finden die Italiener ausgesprochen lustig. Normalerweise läufts ja umgekehrt. Fast alle haben einen Verwandten oder Bekannten, der einst die Alpen überquerte, um als Pizzabäcker oder Kellner zu arbeiten.

Nach meinem Outing wird die Arbeit meist zum Kinderspiel. Die Gäste scherzen und löchern mich mit Fragen. Ihre Aufmerksamkeit gilt dann nicht mehr meiner Arbeit – ob ich beim Rotwein-Einschenken Spuren auf dem blütenweissen Tischtuch hinterlasse, wie die Nudeln auf dem Teller liegen und wohin die Sauce spritzt. Als Svizzero, davon sind sie überzeugt, arbeite ich sowieso genau und sauber. Sollte sich dennoch ein Malheur ereignen, merkt es niemand, weil alle viel zu sehr daran interessiert sind zu erfahren, warum ich so dumm gewesen bin, das Paradies auf Erden zu verlassen. Den Grund lasse ich meistens erraten. Die Männer tippen auf Geschäftliches oder Probleme mit der Justiz. Meist klappt es im dritten Anlauf. Und fast immer ist es eine Frau, die es ausspricht: «Amore!»

Kellner aus Liebe

«Si!», rufe ich und füge pathetisch an: «Es war eine Römerin, die mich alle Sicherheiten der Welt zurücklassen liess, um Glück und Freiheit zu finden.» Liegt die Herzkarte auf dem Tisch, ist der Rest des Fests ein Heimspiel.
Nicht immer jedoch kann ich meinen Joker ausspielen. Sitzen Anwälte, Politiker oder andere Vertreter der oberen Kaste an der Tafel, bleibe ich stumm. In feinen Gesellschaften ziemt es sich nicht, mit dem Cameriere zu sprechen. Das kann man in einer Trattoria tun, aber nicht an einer Hochzeit.
Am heikelsten sind die Tische, an denen die Eltern des Brautpaars sitzen. Sie haben nämlich sehr viel Geld ausgegeben, um ihren Kindern den Traum einer Märchenhochzeit zu erfüllen. Im Durchschnitt kostet diese in Italien 50 840 Euro, wie die Konsumentenschützer von Federconsumatori berechnet haben. Wenn so viel investiert wurde, muss einfach alles stimmen.

Es ist die dritte Saison, in der ich als Kellner für Colasanti arbeite, ein nobles Römer Catering-Unternehmen. Inzwischen dürften es hundert Hochzeiten sein, die ich auf diese Weise erlebt habe. Das ist immer grosses Kino. Die Italiener mögen zwar von der anhaltenden Finanzkrise in die Enge getrieben worden sein, steht eine Hochzeit bevor, leben dennoch alle auf wundersam grossem Fuss. Feiern in einer Turnhalle? Impossibile! Self-Service statt Bedienung? Dann lieber gar nicht heiraten.

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