Reportage

Die Frauenflüsterin: Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy im Interview

Text: Lisa Feldmann, Sven Broder; Fotos: Gianni Occhipinti

Die Frauenflüsterin: Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy im Interview
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Die prickelnde Jagd nach dem richtigen Mann: Das war bisher der Stoff der Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy. Jetzt, mit ihrem ersten Sachbuch, spricht sie den Schwangeren und jungen Müttern aus dem Herzen.

Wie sie da so ankommt, temperamentvoll und pünktlich wie zum Kita-Abholtermin, kann man sich nicht vorstellen, dass ihre erfolgreiche «Brigitte»-Kolumne «Problemzonen» heisst und in all ihren Büchern – öfter denn je in ihrem neuesten – ihr Körper, dessen Gewicht und Form und alle damit verbundenen seelischen Abgründe das zentrale Thema zu sein scheinen. Misstrauisch fragt man sich, ob das wohl alles ein Marketing-Gag ist, nach dem Motto: Tue lieber ein wenig übergewichtig und neurotisch, dann mögen dich deine Leserinnen lieber. Aber dann bestellt Ildikó von Kürthy einen Salat und Mineralwasser, ein Menü, das die Kellnerin ihres Lieblingscafés in Hamburg offensichtlich auswendig kennt, und schon ist man mittendrin im Biotop Bauchnabel.

ANNABELLE: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, Ihr Bauchnabel sähe nach zwei Geburten aus «wie das Triefauge von Karl Dall». Hatten Sie nie die Befürchtung, so viel Intimität könnte peinlich werden?
ILDIKÓ VON KÜRTHY: All das, was während der Schwangerschaft und danach mit mir passierte, körperlicher und psychischer Natur, das erleben viele Frauen genauso. Und weil es so allgemein bekannt ist, verliert es dieses Intime, Peinliche.

Ihre Romanheldinnen heissen Cora, Amelie oder Vera; alle um die dreissig, sympathisch bis nervig neurotisch, auf der Suche nach dem richtigen Mann. Nun haben Sie sich zur Heldin gemacht: Ildikó, verheiratet, um die vierzig, auch neurotisch, aber schwanger. Sind Sie mit Ihren Figuren älter geworden?
Ja, und mit mir die Leserinnen. Und eigentlich spricht nichts dagegen, dass wir uns alle bis in die Kiste begleiten. Da kommt ja noch was: Wechseljahre, jüngere Frauen, fiese Krankheiten …

Die «Süddeutsche» nannte Ihre Romane einmal Schmunzelliteratur eines spät berufenen Teenagers. Trifft Sie das?
Nein. Kritik kommt fast immer aus dem Feuilleton, wo ich sowieso nicht hingehöre. Da verstehe ich dann die Aufregung auch nicht.

«Unter dem Herzen. Ansichten einer neugeborenen Mutter» ist Ihr erstes Sachbuch. Zugleich Ihr ehrlichstes Buch?
Ehrlich, was die weibliche Gemütslage betrifft, war ich immer. Doch diesmal konnte ich mich nicht hinter meinen Heldinnen verstecken, weil es wirklich um mich ging; um meine Schwangerschaft und das erste Jahr mit Kind.

Dabei schöpfen Sie aus allem, was die Natur für Schwangere bereithält an Extremsterfahrungen.
Ein Kind bedeutet immer auch Krise. Je früher man sich das klar macht, desto weniger ist man später überrascht. Ich habe jedenfalls mit Schlimmerem gerechnet.

Die Frauen erkennen sich in Ihnen wieder, so wie sonst in Ihren Romanfiguren.
Dann lachen sie über sich, und schon geht es ihnen ein bisschen besser mit all ihren Malaises. Diese Resonanz bekomme ich immer wieder.

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Müttern geht die Ironie ja gern flöten.
Total. Und man muss gut aufpassen, als Mutter nicht selber in diese humorbefreite Zone zu geraten. Ich mache ja immer gern Witze über mich, bevor sie ein anderer macht.

Derjenige, der sich den weiblichen Körper und seinen Werdegang ausgedacht hat, war kein Feminist, schreiben Sie. Wieso hadern Sie so mit Ihrem Körper?
Schreibt man übers Kinderkriegen, drängt sich das Thema auf, weil die körperlichen Veränderungen schlicht gigantisch sind; nicht nur weil man dick und weich wird, auch weil man erfährt, was der Körper zu leisten vermag. Man wird plötzlich ein biologisches Wesen.

Sie könnten mit gutem Beispiel vorangehen und aufrufen: Frau, steh zu deinem Body!
Das wäre nicht richtig. Ich kann keinen glaubhaften Aufruf starten und sagen: Jenseits der vierzig spielt die Figur keine Rolle. Bei mir ist das nicht so. Leider. Aber wenns mir gelingt, werde ich die Botschaft gern verkünden!

Viele Frauen fühlten sich gerade als Schwangere erstmals richtig schön.
Ich auch! Mit der Schwangerschaft kam die Zeit der tiefen Ausschnitte und der tiefen Blicke – ein ganz neues Lebensgefühl für mich. Ich fühlte mich aber auch schön, weil ich unvergleichlich war. Ich konnte mich neben Dicke oder Dünne stellen, egal: Ich war schwanger. Also raus aus dem Spiel. Super entspannend!

Wie geht Ihr Mann mit Ihren Problemzonen um?
Der hält sich da klug und vornehm zurück.

Apropos Problem: Ildikó von Kürthy ist mit einem Journalisten verheiratet. Der nicht ahnen konnte, dass aus seiner Arbeitskollegin beim «Stern» über Nacht die erfolgreichste Frauenversteherin Deutschlands werden sollte. Und nun damit leben muss, dass die sogar vor der eigenen Haustür nicht haltmacht. Wo es doch bestimmt schon vorher Freunde gab, die fragten: Sag mal, bist du das, der grantelnde Ex-Mann im letzten Roman? Und nun weiss die gesamte Kürthy-Gemeinde, wie er auf den positiven Schwangerschaftstest reagiert hat. Und dass es da noch «Renovierungsmassnahmen charakterlicher Natur» gibt.

Sind die noch pendent oder inzwischen umgesetzt?
Ein wenig steht noch aus. Aber im Wissen, dass das nicht klappen wird. Das nennt man resignative Reife: In dem Moment, wo man keine Lösung mehr sucht, sind es auch keine Probleme mehr. Entweder man lebt dann mit diesen Unzulänglichkeiten, oder man geht.

Sind Sie ein anderes Paar, seit Sie Eltern sind?
Ich habe eine emotionale und charakterliche Dimension kennen gelernt an meinem Mann, mit der ich so nicht gerechnet hatte. Er ist ein glücklicherer Mensch geworden. Das ist rührend und schön. Sein Gedulds- und Aufmerksamkeitskontingent ist mit der Vaterschaft jedoch nicht grösser geworden. Man merkt, wo es nun hapert: bei mir. Ich kriege nicht mehr so viel davon ab.

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Man muss teilen können, wenn Kinder ins Spiel kommen.
Ja, was ich als typisch egozentrisches Einzelkindweibchen nicht gewohnt bin. Aber ich bin selber schuld. Ich habe mir die Konkurrenz selber ins Haus geholt.

Ihre Bücher haben sich über sechs Millionen Mal verkauft. Man fragt sich, ob insbesondere Männer es so toll finden, dass Sie als so erfolgreiche Frauenflüsterin fungieren.
Meist bekomme ich von Männern das Gegenteil zu hören: «Ich dachte, nur ich hätte so ein neurotisches Exemplar zuhause. Jetzt, da ich weiss, dass alle Frauen so sind, bin ich beruhigt. Und ich weiss, es nützt nichts, die Frau zu wechseln.»

Das ist die eine Seite, die andere ist: Dieses typische «Weibergetue» wird durch Frauen wie Sie erst legitimiert. Würde ein Mann Romane schreiben, in dem alle Figuren nur Bier trinken, Fussball schauen und Blondinen nachgeifern, würden Sie vermutlich auch nicht aufatmen und sagen: Schön, ich dachte, nur meiner ist so.
Stimmt. So habe ich das noch gar nie gesehen.

Frauen sind grundsätzlich nie zufrieden, weder mit sich noch mit ihrem Mann. Das sagt Vera Hagedorn, die Heldin Ihres letzten Romans. Hat sie recht?
Ich erlebe das so, ja. Aber ich hoffe auch, dass ich nie zufrieden sein werde, denn das hat auch etwas von Stillstand. Ich will keine Nörglerin sein, klar, aber doch immer unzufrieden genug, um noch einen Antrieb zu haben, etwas zu verändern, zu verbessern, neu zu machen.

Sie sind relativ spät, mit 38 Jahren, zum ersten Mal Mutter geworden. Hatten Sie je ein schlechtes Gewissen deswegen Ihren Kindern gegenüber?
Ich wäre gern früher Mutter geworden. Und ich möchte es nicht noch einmal erleben, so lange auf ein Kind warten zu müssen. Jetzt empfinde ich es aber als sehr günstigen Zeitpunkt. Ende zwanzig, Anfang dreissig passt es ja immer gar nicht. Ich finde, man sollte entweder früh Kinder kriegen, bevor es richtig losgeht. Oder dann, wenn man sich schon etwas entspannter zurücklehnen kann. Ich habe nicht das Gefühl, viel zu verpassen – und mein Mann schon gar nicht.

Er ist noch mal zehn Jahre älter als Sie.
Ja, und Männer können ja gar nicht zu alt sein. Es kehrt eine gewisse Ruhe ein auf dem Spielplatz, wenn da nicht mehr ständig der Gedanke ist: Ich müsste eigentlich noch dringend Aktien kaufen. Zumal das Berufsleben immer noch sehr steinzeitlich auf den «Single-Mann» ausgerichtet ist. Er darf schon Vater sein, aber dann bitte mit einer Frau, die ihm den Rücken frei hält.

Von der Steinzeit in die Moderne, ein weiter Weg.
Ein ungeheuerlich weiter Weg, weil sich die Gesinnung ändern muss – auch bei der Frau. Frauen möchten heute alles haben: Karriere, Kinder, Mann, Leidenschaft. Das ist fatal, weil das nicht geht. Auch Männer konnten nie alles haben: Die haben auf ihre Kinder verzichtet. Ist ja auch schlimm.

Bei Ihnen zuhause hält eher der Mann der Frau den Rücken frei, oder?
Ja. Mein Mann bringt morgens die Kinder in die Kita und holt sie nachmittags ab. Ich sehe sie abends und am Morgen … und am Wochenende sind sie bei der Oma. (lacht)

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Sie sind kein Fan der «neuen Weiblichkeit» à la Eva Herman. «Das Eva-Prinzip» halten Sie für das schlimmste Buch der Welt.
Ja, weil man eh immer ein schlechtes Gewissen hat, das ist bei Müttern quasi Werk-immanent. Egal, wie man sein Leben organisiert hat. Wenn ich dann lese, dass Kinder, die beim Abschied in der Kita nicht weinen, innerlich aufgegeben, resigniert haben, könnte ich kotzen! Neulich hat eine Mutter, die ihr Mädchen mittags abgeholt hat, zur Tochter einer Freundin von mir gemeint: «Gell, du armes Ding, du würdest auch gern nachhause, aber deine Mama möchte halt lieber arbeiten.» So gemein!

Es gibt auch das Gegenteil. Mütter, die sich schämen, weil sie nur Hausfrau sind.
Ja, die dann sogar lügen und so tun, als hätten sie noch einen Job nebenbei. Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Vollzeitmutter ist in der Tat eine diskutable Berufswahl. Wer nach der Geburt zwei, drei Jahre zuhause bleibt, bleibt in der Regel zehn bis zwölf Jahre zuhause – oder schafft den Wiedereinstieg ins Berufsleben gar nie mehr. Was nicht nur gesellschaftspolitisch Unsinn ist, sondern auch gefährlich, wenn man sich die Scheidungsraten vor Augen hält.

So viel Gesellschaftskritik hätte man Ildikó von Kürthy gar nicht gegeben! Vielleicht, weil sie mit ihren Büchern quasi das Private als einzig denkbare postmoderne Lebensform postuliert. Genau damit aber eine ganze Gruppe ebendieser Gesellschaft in Bewegung bringt. Wer mal an einem Madonna-Konzert war oder in einer «Sex and the City»-Filmpremiere, kennt das Phänomen: Da sind plötzlich lauter Frauen um die vierzig versammelt – gut gelaunt, in Cüpli-Stimmung, in Gesellschaft der besten Freundinnen –, denen man ansieht, dass es in ihrem Leben einen Moment gab, wo der Song «Express Yourself» mehr wert war als zwei Jahre Selbsthilfegruppe. Und Carrie Bradshaws Sicht der Dinge wichtiger als die des Ehemanns. Und dann waren da vielleicht auch noch Kürthy-Romane wie «Mondscheintarif» oder «Freizeichen» …

Sie gehen allein nach Berlin, um zu schreiben. Fühlen Sie sich dann, fernab der Familie sozusagen, von allen guten Geistern verlassen?
Jedenfalls spielt Alkohol bei mir immer eine grosse Rolle, wenn ich mal vor die Hütte komme. In Berlin habe ich das so gemacht; jeden Abend in den Ausgang, Mengen von Alkohol trinken bis morgens um drei, lang schlafen, dann im Pyjama an den Computer und schreiben.

Ritter-Sport-Schokolade und Sekt: Beides taucht in Ihrem Buch oft vor. Ihre beiden Raketenantriebe?
Ich wüsste nicht, auf was ich lieber verzichten würde. Aber klar schreibe ich nicht betrunken. Zwar schreibt man dann gern und denkt, uoh, ist das geil! Aber anderntags bleiben von zwei Seiten nur zwei brauchbare Sätze übrig.

Ganz schön ehrlich, denkt man. Würde man selbst vielleicht nicht so deutlich sagen, wie selbstverständlich man gern trinkt. Dabei tut man es natürlich doch. Wieder so ein Moment, wo man ein bisschen bezaubert ist von Ildikó von Kürthy. Wo man sich gleich mal abschauen möchte, so selbstbewusst mit den eigenen Schwächen umzugehen. Und überhaupt: welche Schwächen? Es geht noch weiter. Das neue Buch hat sie ihrer Mutter gewidmet. Und sie zitiert einen Brief ihres Vaters, der blind war und deshalb immun gegen kindliche Flirtversuche.

Gründet darauf Ihr ausgeprägtes Sprachtalent?
Vermutlich, ja. Jedenfalls habe ich nie gelernt, mit was anderem als Sprache auf mich aufmerksam zu machen. Ich konnte mich nie nur auf mein süsses Äusseres verlassen. Bei uns zuhause zogen kokette Blicke, Schmollmündchen und liebreizendes Lächeln nicht. Deshalb habe ich heute auch deutliche Mankos, was den Einsatz weiblicher Waffen in Flirtdingen betrifft.

Sie haben Ihre Eltern früh verloren. Ihr Vater starb, als Sie 24 waren. Ihre Mutter zwei Jahre später. Wie sehr hat Sie das geprägt?
Mir wurde erst als Mutter richtig bewusst, wie früh meine Eltern gestorben sind. Mit der Geburt meiner Kinder sind sie mir noch einmal verloren gegangen. Ich bedauere sehr, dass wir zusammen nicht so weit gekommen sind, dass ich sie all das fragen kann, was mich heute, auch als Mutter, aufrichtig interessiert.

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Ihr Vater war Pädagogikprofessor. Wie war das, von einem Fachmann erzogen zu werden?
Schwierig. Als Heranwachsende hätte ich mir gewünscht, sein Fachgebiet wäre Autohandel oder Teilchenphysik.

Im Buch ist eine Aufzeichnung abgedruckt, in der sich Ihr Vater – leicht verzweifelt – Gedanken macht über die Erziehung seiner damals pubertierenden Ildikó. Er schreibt: «Wohlwollende Distanz wäre eine Haltung, die vielleicht beides beinhaltet: Anteilnahme und Freilassen.» Hats funktioniert?
In der Erziehung hat mein Vater zu sehr nach Lehrbuch gehandelt, zu wenig nach Instinkt. Die zwei, drei Mal, wo es dann aus ihm herausbrach, der ganze Erziehungskummer, da war ich wie vom Donner gerührt. So grosse menschliche Reaktion war ich nicht gewohnt.

Wie erziehen Sie Ihre Kinder?
Ich bin das andere Extrem, zu instinktiv. Die paar Knöpfe, die Kinder drücken können, funktionieren bei mir immer. Ich gehe gleich hoch. Da fehlt mir das, was mein Vater zu viel hatte: dieser nüchterne, pädagogische Blick.

Sie haben sich ein Mädchen gewünscht, aber nur Buben bekommen. Hartes Brot?
No Hello Kitty, hallo Käpt’n Sharky! Ich finde es tatsächlich schwieriger, Buben zu haben. Sie sind lauter, prolliger, schwieriger zu handhaben. Ein männlicher Säugling hat mehr Testosteron als ein erwachsener Mann. Man muss sich mal vorstellen, was die abzubauen haben auch an Wildheit. Und, was ich so interessant finde: Jungs kommen männlich zur Welt. Meine beiden Buben sind so, wie Männer früher noch sein durften; wie in Actionfilmen. Mein Sohn rennt ins Restaurant und schreit: «Meine Faust hungert nach Gerechtigkeit!» Da denkst du doch, der spinnt! Doch das wirklich Blöde ist: Actionhelden sind out, selbst in Hollywood sind die Helden heute weich gespülte Labertaschen.

Mädchen spielen mit rosa Barbiepuppen.
Ja, aber das wird nicht stigmatisiert. Jungsverhalten gilt als störend. Ich bekam schon zu hören: «Ildikó, ich werde nie mehr einen Kurs besuchen, wo deine Jungs dabei sind.» Aber schubst eine kleine Pissnelke meinen Sohn vom Schwebebalken, sagt die Mutter: «Also die Gwendolin, die weiss schon ganz genau, was sie will.» Macht das mein Junge, ist er ein gewaltbereiter Schwererziehbarer. Es ist heute ja schon für erwachsene Männer schwierig, eine Haltung zu finden, die männlich ist und trotzdem modern. Und dann hast du zuhause diese Actionhelden, die mit gerümpfter Nase betrachtet werden. Die sind nicht modern, die sind Biologie.

Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass Ihnen als Frau ein Kind fehlte zum Glück. Sind Sie jetzt tatsächlich glücklicher?
Ich will nicht sagen, ja, erst jetzt ist mein Leben rund. Das würde mein altes Leben abwerten. Aber vermutlich stimmt es: Wie immer, wenn so ein grosser Wunsch in Erfüllung geht – man ist danach glücklicher.

Ein erfüllter Kinderwunsch hat nicht zwangsläufig zur Folge, dass man glücklicher ist.
Das stimmt. Aber man fragt nicht ständig, was wäre wenn. Und keine Frau, so unglücklich sie mit ihrem Leben, ihrem Job oder ihrem Mann auch ist, bereut, dass sie Kinder bekommen hat.

Geht es im Leben nicht letztlich einzig und allein darum, glücklich zu sein?
Das ist ein Satz, den viele Frauen, insbesondere Mütter, nicht so unterschreiben würden. Sie versuchen, primär ihre Kinder glücklich zu machen. Wenn sie unzufrieden sind, sagen sie: Na ja, das ist gerade so eine Phase, die Kinder sind noch klein, ich lebe ja jetzt nicht mehr nur für mich. Das ist fatal: Denn das Beste, auch die beste Früherziehung für ein Kind, ist eine glückliche Mutter. Das Beste für einen Mann ist eine glückliche Frau. Und eine glückliche Frau ist die, die ihr Leben lebt und liebt.

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Aber mit Kindern ist das etwas schwieriger durchzusetzen also ohne.
Zweifellos ist man als Mutter deutlich fremdbestimmter. Aber man muss auch Prioritäten setzen. Ich habe eine Freundin, deren Kind schrie zehn Monate durch. Irgendwann war sie knapp vor dem Durchdrehen, hatte keine Kraft mehr, langsam ging es auch auf Kosten des Kindes. Ich hätte nie so lange gewartet. Ich hätte mein Vermögen in eine Rundumbetreuung investiert, um endlich ein wenig zu schlafen.

Haben Sie noch kinderlose Freundinnen?
Es werden leider immer weniger. Obwohl man sich mit mir noch problemlos verabreden kann, mitten in der Woche zum Saufen, weil ich anderntags ausschlafen kann. Mitziehen können da, leider, meist nur die Kinderlosen. Und ich.

Dafür langweilen Sie sich auf dem Spielplatz, wo die Gespräche nur um Kinder kreisen?
Nein, ich bin froh, dass es Orte gibt, wo es völlig in Ordnung ist zu sagen: Mein Sohn hat grünflüssigen Durchfall, was soll ich tun?

Haben Sie sich eigentlich schon ein Konzept zurechtgelegt für den Moment, da Ihr Sohn seine erste Freundin mit nachhause nimmt?
Vermutlich werde ich ihm kleine Löcher in die Kondome stechen, damit ich noch in den Genuss eines Enkelkinds komme. Aber schwierig wirds garantiert. Junge verliebte Männer machen sich ja auch so oft zum Deppen. Das wird als Mutter nicht leicht zu ertragen sein.

Werden Ihren Söhnen die Frauenromane ihrer Mutter helfen, um die eigenartige Gemütswelt der Frau besser zu verstehen?
Das bringt nichts. Du kannst als Mann alle Frauenromane dieser Welt lesen und stehst dann doch wie der Ochs vorm Berg. Ausserdem werden sie sich für die Bücher ihrer Mama garantiert schämen, wie sich das gehört.

Ildikó von Kürthy

Unzählige Leserinnen haben sich in Ildikó von Kürthys Romanheldinnen wiedererkannt. Die Bücher der in Hamburg lebenden Autorin wurden über 6 Millionen Mal verkauft und in 21 Sprachen  übersetzt. Ihr erster Roman «Mondscheintarif» (1999) wurde 2001 unter der Regie von Ralf Huettner für das Kino verfilmt. «Unter dem Herzen. Ansichten einer neugeborenen Mutter» ist  ldikó von Kürthys erstes Sachbuch. Sie ist 44 Jahre alt und mit dem Journalisten Sven Michaelsen verheiratet. 2006 brachte sie ihren Sohn Gábor zur Welt. 2010 folgte Leonard.

Ildikó von Kürthy: Unter dem Herzen. Wunderlich-Verlag,
304 Seiten, ca. 20 Franken

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