Die Mütter der Kompanie
Noch nie war der Anteil der Frauen in der Landesregierung so gross. Hat dies den Bundesrat und seine Arbeit verändert? Eine Zwischenbilanz.
Die schwatzen und gestikulieren, lesen Zeitung – und tun so, als gäbe es diese Frau gar nicht. Als stünde sie nicht vor ihnen im Ratssaal: Ruth Dreifuss, die erste linke Bundesrätin, die ihnen, den bürgerlichen Männern, kurz zuvor, im März 1993, von zornigen Frauen auf dem Bundesplatz aufgenötigt wurde. «Wie sich die Männer unserer Ruth gegenüber aufgeführt haben damals, das war demonstrativ verachtend», erinnert sich Rosmarie Zapfl, Ex-CVP-Nationalrätin und heute Präsidentin des Frauenlobbyverbands Alliance F. «Wie sie extra Lärm machten, damit man nicht versteht, was sie sagt!»
Ruth Dreifuss, diese widerspenstige Gewerkschafterin, die per Zufall in die Landesregierung rutschte, nachdem die Bürgerlichen der Feministin Christiane Brunner ein verruchtes Leben angedichtet und die Sozialdemokraten den an Brunners Stelle gewählten unglücklichen Francis Matthey zum Verzicht gezwungen hatten.
Als Ruth Dreifuss ihrer Parteikollegin Christiane Brunner vorgezogen wird, sitzt auch Ueli Maurer in der berüchtigten rechten Saalhälfte. Erst seit knapp zwei Jahren ist er damals im Nationalrat, ein Hinterbänkler noch. Drei Jahre später wird er Präsident der SVP, weil sich kein anderer findet, der den Job machen will. Von da an kreuzen sich seine Wege immer öfter mit jenen von Christiane Brunner, denn sie übernimmt die Führung der SP Schweiz. Man begegnet sich als politische Kontrahenten in Fernsehdebatten und auf Podien. Und immer öfter auch abseits des Scheinwerferlichts. Brunner und Maurer, beide aus einfachen Verhältnissen stammend, aber komplett verschieden sozialisiert – er der konservative gelernte Buchhalter, sie eine 68er-Anwältin –, lernen sich kennen und schätzen. Von der Öffentlichkeit unbemerkt entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.
Während sich Christiane Brunner aus der Politik verabschiedet und nach Genf zurückgezogen hat, sitzt Ueli Maurer heute im Bundesrat und führt das männerdominierte Verteidigungsdepartement. Und macht dort, was seine Genfer Freundin nicht erstaunt, sonst aber kaum jemand von ihm erwartet hätte: Er befördert eine Frau in die oberste Hierarchie. Alle Männer hätte er haben können für den Posten als Generalsekretär. Reihenweise scharwänzelten Kader aus der Armeewelt um den neuen Chef und brachten sich ins Gespräch. Sie alle wollten wichtigster Mitarbeiter und Vertrauter des Verteidigungsministers werden. Doch Ueli Maurer wies sie ab und setzte zum ersten Mal überhaupt eine Frau an die Spitze des Generalsekretariats, die 55-jährige Chemikerin Brigitte Rindlisbacher, Mutter zweier Töchter. «Ich bin überzeugt, dass eine Kaderfrau dem VBS gut tut», begründete er im letzten Juni seine Wahl. «Es gibt eine andere Sicht der Dinge.» Er freue sich, dass die beste Bewerberin eine Frau sei, «denn ich arbeite gern mit Frauen zusammen».
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