Volksmusik: Goran Kovacevic - Ein Virtuose auf vielen Hochzeiten
Goran Kovacevic spielt den Ländler ebenso leidenschaftlich wie serbische Turbofolklore.
Wenn Goran Kovacevic sein Akkordeon umarmt – denn so sieht es aus, wenn er darauf spielt –, gleicht das einem Hochzeitstanz. Einem Pas de deux mit seiner Braut, dem Instrument, mit der er in immer schnelleren Drehungen von Appenzell nach Zagreb, von Paris nach New York, von der Innerschweiz nach Buenos Aires wirbelt.
Goran Kovacevic (39) ist Schweizer. Sohn serbischer Eltern, die in den Sechzigern als Gastarbeiter nach Schaffhausen kamen. Seine ersten Akkordeonlehrer waren Autodidakten aus dem Balkan, die mit der Seele musizierten, nicht nach Noten. In der Primarschule dann der «richtige» Unterricht, Schweizer Volksmusik als «Pflichtlektüre». Den Spagat zwischen den Stilen schaffte er spielend, denn so ist er aufgewachsen: Als Secondo, als Pendler zwischen Ost und West.
Es folgte das Studium am Konservatorium Winterthur und an der staatlichen Schule für Musik in Trossingen. Meisterkurse in Salzburg, Florenz, Moskau, Weimar, Toronto. Konzerte mit der Philharmonie Essen, den Wiener Symphonikern, dem Sinfonieorchester Freiburg. Heute ist er einer der besten Akkordeon-Virtuosen Europas. Doch der Volksmusik blieb er treu, sei es bei den Experimental-Folkloristen von Import-Export oder dem jazzig-glamourösen Dusa Orchestra. Die Frage bleibt nur: Welcher Volksmusik ist er treu geblieben? Der Schweizer Volksmusik? Der Balkanfolklore? Der Zigeunermusik?
Eine Trennung ist für Kovacevic unmöglich. «Volksmusik hat mit Heimat zu tun», sagt er. «Mein Herz schlägt für die Schweiz, aber auch für Serbien, den Balkan und für Europa.» So tanzen die Töne aus seinem Akkordeon zwischen osteuropäischem Turbofolk, Appenzeller Polka, einem Schuss Tango und ein paar Takten Gipsy-Jazz.
Wird unsere Volksmusik zum Genremix ohne stilistische Verbindlichkeit? Wer hier Gefahr wittert, vergisst, dass sich unsere Volksmusik schon immer radikal veränderte. Unsere Vorfahren hatten offene Ohren für die fremden Klänge, welche Söldner, Einwanderer, Durchreisende in die Schweiz brachten: Zigeunermusik, Wiener Salonmusik, Klassik. Dann Schlager, Oberkrainer, Pop. Die Schweizer Urmusik, wie sie vor 200 Jahren verbreitet war, hat so gut wie nichts mit dem Ländler gemein, wie wir ihn aus dem «Musikantenstadl» kennen.
Er habe grossen Respekt vor der Tradition, sagt Goran Kovacevic, nur sehe er sich nicht als Konservator, sondern als musikalisch Fahrenden. Mit dieser Einstellung ist er in guter Gesellschaft. Eine wachsende Schar von Volksmusikanten betrachtet das traditionelle Musikrepertoire nicht mehr als museales Heimweh-Relikt. Zugegeben, die Früchte, die Kovacevic, aber auch der Appenzeller Jodler Noldi Alder oder die Innerschweizer Freigeister Hujässler zuweilen ernten, mögen auf den ersten Ton exotisch sein – doch vermutlich war das auch mit dem Akkordeon nicht anders, als dieses Mitte des 19. Jahrhunderts den Weg von Wien in die Schweiz fand und Robert Iten aus Unterägeri dazu inspirierte, eine kleinere Version davon zu bauen: das Schwyzerörgeli.
Goran Kovacevic komponierte für das See-Burgtheater Kreuzlingen die Musik zu Jeremias Gotthelfs Novelle «Die Schwarze Spinne». Das musikalische Theaterstück wird im Seeburgpark vom 22. Juli bis 22. August aufgeführt.
www.see-burgtheater.ch
Neue Schweizer Volksmusik auf CD
Text: Frank Heer
13. Juli 2010


























