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Auf Reisen: Mit der halben Welt im Gepäck

Text: Gabriella Hummel; Fotos: Vanabundos/Instagram

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Der VW-Bus auf leerer Strasse, irgendwo im Nirgendwo: 752 Likes

Guten Morgen Welt! Gabriella Hummel (27) und ihr Partner Sandro Alvarez (37) dokumentieren ihre Reise auf Instagram – und 30 000 Menschen sehen sich das an

Ob am Lago de Atitlan in Guatemala...

...oder ein Eintopfgericht mit viel Gemüse – die Follower findens «Wooooooowwww» und «Cool!»

Ziel ungewiss: Wohin Instagram und Blog führen, wissen Gabriella und Sandro noch nicht. Aber sie lernen täglich dazu

Reisen im VW-Bus steht für Freiheit, Abenteuer. Und Abgeschiedenheit. Doch wie allein ist man noch, wenn mit Reiseblog und Instagram die halbe Welt auf der Rückbank sitzt? Und wieso macht man da mit? Ein Erfahrungsbericht und Erklärungsversuch.

Der Erste, der sich via Instagram meldete, war ein US-Veteran aus Portland, Oregon. Ken, so sein Name, ist so was wie der Strippenzieher des inoffiziellen VW-Bus-Clubs seiner Stadt. Wir waren gerade erst in Portland eingefahren. Ehe wir uns versahen, verbrachten wir das Wochenende mit ihm und einem halben Dutzend anderer Unbekannter mit Bussen, die aussahen wie der unsrige. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass gemeinsame Zeit am Lagerfeuer Fremde im Handumdrehen zu Freunden fürs Leben macht. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch keine drei Wochen unterwegs auf dieser Reise, die uns nicht nur von Nord- nach Südamerika führen würde, sondern auch durch die Höhen und Tiefen der Medien- und Werbelandschaft.

Die Idee ist nicht neu: Job und Wohnung kündigen, Bus kaufen, ihn in die USA verschiffen, nach Südamerika fahren. Viele waren uns vorausgegangen, viele werden nachkommen. Heutzutage muss man nicht mehr besonders mutig oder abenteuerlustig sein, um eine Reise wie diese zu bewerkstelligen. Was gegenwärtig aber dazugehört, ist ein Blog. Im besten Fall ein Instagram-Profil dazu, um die ängstliche Schar daheim fortlaufend über Verbleib und Befinden zu unterrichten.

Ohne tiefer über die Sinnhaftigkeit oder möglichen Konsequenzen eines solchen Reisetagebuchs 2.0 nachzudenken, ergrübelte ich mir also einen Namen (Vanabundos), zimmerte einen Blog zusammen und eröffnete das Profil auf Instagram. Das erste Foto: Mein Reise- und Lebensreisepartner Sandro und ich auf einer Dachterrasse in Zürich, Bier in der Hand, wir gucken irgendwie misstrauisch, als ahnten wir bereits, dass dieses Instagram noch einige Überraschungen für uns in petto hält

Der Zweite, der etwas von uns wollte, war ein Casting Director. Für einen Werbefilm suchte er «Leute, die das Leben im Van geniessen». Der Auftritt würde bezahlt. Da muss doch etwas faul sein, dachte ich, als ich das Mail öffnete. Aha, der Auftraggeber des Films: Valero, eine Ölfirma, die USA-weit Tankstellen betreibt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir noch nicht einmal im Ansatz Gedanken darüber gemacht, ob ich meinen Kopf für Werbezwecke verkaufen würde. Wobei: Einmal hatte ich das Gesicht bereits hingehalten, mit Anfang 20, für einen Optiker in der Ostschweiz. Aber damals war ich jung, brauchte das Geld und stellte mir allzu grosse Fragen nicht. Als uns die Ölfirma kontaktierte, besass ich ein gut gefülltes Reisesparkonto und keinerlei Anreiz, eine Raffinerie beim Raffinieren zu unterstützen. Wir sagten ab.

Sandro und ich sind Medienschaffende. Es fällt uns leicht, einen Blog zu schreiben und Instagram zu füttern. Eine fast schon natürliche Sache, die nicht viel Kraft oder Überwindung kostet. Die Followerschaft auf Instagram wuchs langsam und stetig mit jedem Kilometer in Richtung Süden. Selbstverständlich behagte es mir, dass Menschen aus aller Welt Interesse an unserer amateurhaften Reise zeigten und nicht nur unsere Mütter. Bald erreichten uns täglich Fragen von Menschen, die selbst gern eine Reise im Van machen möchten. Dieser Austausch ist bereichernd, er macht Spass, und er gibt einem das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, auch wenn man nur zu zweit unterwegs ist.

Nach der Anfrage der Ölfirma passierte lang nichts. Wir erkundeten Mexiko der Pazifikküste entlang, sahen die Buckelwale in den Süden ziehen und hinterher wieder in Richtung Norden. Wir lernten Reisende kennen, ohne die wir uns das Leben heute nicht mehr vorstellen könnten. Wir campierten an einsamen Stränden, dreckigen Tankstellen und in den Einfahrten netter Menschen. Dann, wir waren länger als sechs Monate unterwegs, eine Nachricht aus München: «Wir wollen unseren Zuschauern immer wieder Storys zeigen, die sie zum Staunen und Träumen bringen, um dem Alltag zu entfliehen. Wir sind auf eure Geschichte aufmerksam geworden und finden sie total spannend! Eure Story ist einzigartig und meiner Meinung nach genau das Richtige für unsere Sendung.» Ein deutscher Privatfernsehsender hatte uns auf Instagram erspäht und wollte uns filmen kommen.

Unsere erste Reaktion beinhaltete viele Fragezeichen: Einzigartig? Spannend? Welche Story? Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was die nette Frau am anderen Ende der Computerleitung filmenswert fand. Wenn wir ehrlich sind, tun wir nämlich nicht viel mehr als durch die Gegend fahren – und wenn wir nicht fahren, dann sitzen wir mit hinaufgelegten Füssen in unseren Campingstühlen. Das ist, wie wenn man ein Murmeltier beim Winterschlaf filmen möchte: Viel passiert da nicht. Die Neugier darauf, ob die TV-Redaktorin es wirklich ernst meinte, war jedoch stark genug, um die Nachricht nicht mit einer Absage zu beantworten. Ich kann mich gut erinnern, als Sandro fragte: «Glaubst du echt, dass das passieren wird?» Wir mussten beide lachen. Wohl kaum. In den kommenden Monaten würden wir uns diese Frage noch des öfteren stellen, während mehr als 50 Mails den Kontinent wechselten.

Ungefähr zur selben Zeit kontaktierte uns eine Medienagentur aus dem Vereinigten Königreich. Ihr Kerngeschäft: Inhalte, Artikel und Interviews produzieren und sie an Medientitel im ganzen Land verkaufen. Aussergewöhnlich war der Umstand, dass diese Agentur die Einnahmen aus dem Interview mit uns teilen wollte. Ich hatte noch nie von einer solchen Vorgehensweise gehört, doch es schien alles sauber. Wir beantworteten die Fragen, die man uns stellte, und konnten den fertigen Text gegenlesen.

Einige 100 Kilometer weiter fiel mir auf, dass wir über Nacht 200, 300 Follower hinzugewonnen hatten. Eine Freundin hatte uns bereits entdeckt: im «Daily Mail Online». Mein Gefühl, als ich den Artikel aufrief, schwankte zwischen Aufregung und Beklommenheit. Irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, dass tatsächlich etwas publiziert würde. Der Titel bestätigte meine Vorahnung: «Is this the world’s smuggest couple?» Wir, das selbstgefälligste Paar der Welt? Autsch. Die Geschichte an sich war mehr oder weniger dieselbe geblieben, die wir nur Tage davor abgesegnet hatten – aber sie hatte ganz offensichtlich eine schmissige Schlagzeile nötig gehabt.

Als Journalistin dachte ich, über Online-Kommentaren stehen zu können. Ich wurde eines Besseren belehrt. Es tut weh, und einige davon trafen mich tief. Selbst jetzt, während ich diesen Text schreibe, sträube ich mich dagegen, sie noch einmal durchzulesen. Ich musste erkennen, dass ein Unterschied darin besteht, ob jemand einen meiner Artikel angreift oder mich und mein Leben: «Die sind so dumm. Übrigens, die Frau ist sehr unattraktiv, sie hat fast keine Hüften. Sieht aus wie ein Mann» oder «Gerade wurden zwei Australier in Mexiko ermordet, die dasselbe machten wie sie». Was den unschönen Titel angeht: Die wenigsten Menschen in unserem Umfeld hatten wohl verstanden, was smug genau bedeutet. Alle fanden es saucool und beglückwünschten uns.

Wir bekamen 50 britische Pfund überwiesen. Der Preis, den wir bezahlten, fühlte sich in jenem Moment irgendwie höher an.

Der Lago de Atitlan in Guatemala ist von einer mystischen Schönheit. Morgens liegt das Wasser wie ein Spiegel in diesem riesigen Vulkankrater, der selbst von mehreren Vulkanen umringt ist. Die einheimischen Maya tragen ihre bunte Tracht. Wenn sich in der Regenzeit nur wenige Touristen in den Dörfern rund um den See niederlassen, fühlt sich das 21. Jahrhundert weit weg an. Auch weil die Internetverbindung in etwa so konstant ist wie das Wetter in jener Periode des Jahres.

Wir wachten gerade auf, als das schwache Signal die Nachricht einer Freundin durchquetschte. Der «New Yorker» hatte eine grosse Reportage zu #Vanlife publiziert. Ein kritisches Stück, in welchem die Reporterin ein Paar im VW-Bus begleitet hatte. In den darauffolgenden Wochen erklärte gefühlt jedes zweite Lifestyle-Medium, was (vermeintlich) hinter dem Instagram-Trend steckt. Eines, das sich bei uns meldete, war ein deutsches Frauenmagazin. Die Redaktorin stellte Fragen per Mail, die wir beantworteten.

Abermals wurden wir von Freunden auf die Veröffentlichung aufmerksam gemacht. Unglücklicherweise waren wir abermals sehr überrascht über den Inhalt: «An die Rückkehr ins aufgeräumte Zürich denken die beiden längst nicht mehr.» Ein Satz, der nicht nur nie gesagt wurde, sondern auch nicht der Wahrheit entspricht. Wir lernten aus unseren Erfahrungen und lasen von nun an alles gegen. Offensichtlich genügte es nicht, das Interview schriftlich zu führen, um sicherzugehen, dass man korrekt wiedergegeben würde. Hätte ich es besser wissen müssen? War ich naiv? Es folgten einige weitere Interviews, die ganz gut verliefen. Doch in dieser Zeit kam es uns manchmal vor, als würde ein riesiger Haufen anonymer, kritischer Menschen mit uns im Van herumfahren. Und wir fütterten sie auch noch.

In der Zwischenzeit hatten wir den Privatsender darüber informiert, bei einem allfälligen Dreh auf keinen Fall einem Skript zu folgen. Man versicherte, dass dies ohnehin nicht Praxis sei. Irgendwo zwischen Honduras und El Salvador telefonierte Sandro mit der TV-Redaktorin: «Wir müssen dann aber schon schauen, dass etwas passiert. Wir können euch ja nicht einfach am Laptop oder im Bus filmen.»

Viele Menschen stellen uns die Frage, warum wir nicht einfach nur reisen. Warum müssen wir alles teilen in Artikeln und den Social Media? Zwei Gründe. Wir glauben wirklich, wenn wir beiden Amateure das können, dann kann es jeder. Im deutschsprachigen Raum gibt es kaum brauchbare Infos über diese Art des Reisens. Nicht wenige Menschen sind unsicher, ob und wie sie sich den Traum einer Reise im Camper erfüllen können. Mit unseren Erfahrungen können und wollen wir zeigen: Ja, es geht! Der zweite Grund: Wir sind Freelancer – wir arbeiten von unterwegs. Da schadet es nicht, etwas Aufmerksamkeit auf seine Arbeit zu lenken. Aber muss all das wirklich sein? Nein, wohl nicht.

Die Präsenz auf Instagram und in verschiedenen Medientiteln erzeugt unterschiedliche Resonanzen. Das war mir natürlich bewusst. Trotzdem lerne ich noch heute täglich, damit umzugehen, dass nicht nur positive Erfahrungen und Rückmeldungen daraus resultieren. Eigentlich eine schöne Analogie zu dieser Reise: Wer das vertraute Zuhause verlässt und mit einem 30-jährigen Auto in die Welt hinausreist, dem kann das Gefährt schon mal in einem ungünstigen Moment stehenbleiben. Doch wäre ich aus Angst vor einer Panne daheim geblieben, hätte ich nie einen Vulkan in Guatemala bestiegen, nie einen Monat lang an einem Nacktstrand in Mexiko gelebt, nie heimlich bei der Golden-Gate-Bridge geschlafen. Ich hätte auch nie tatsächliche Pannen erlebt und deswegen in nahezu jedem Land einmal beim Mechaniker übernachten müssen. Doch sind nicht genau das die Geschichten, die den Unterschied machen zwischen Reise und Abenteuer? Wer (aus sich) hinausgeht und Neues versucht, fällt mit Sicherheit auf die Schnauze – aber eben nicht nur.

In Costa Rica feierten wir den Tag, an welchem wir ein Jahr zuvor in Zürich ins Flugzeug gestiegen waren, mit Tee. Ich hatte mir in Nicaragua eine Magen-Darm-Sache eingefangen und befand mich bereits seit einer Woche im Ausnahmezustand. Auf der Suche nach Salzstängeli durchstreiften Sandro und das, was noch von mir übrig war, einen Supermarkt. Ich schlurfte durch die Gänge und hörte, wie jemand Sandro mit Namen begrüsste. Es war nicht das Fieber, das mir einen Streich gespielt hatte, sondern Osvaldo. Ein unglaublich netter Supermarktmitarbeiter, der uns auf Instagram folgte und uns nun erkannt hatte. Er wusste auch meinen Namen, schüttelte meine Hand und lud uns zu sich ein, seine Frau mache eine fantastische Suppe. Ich weiss nicht, wer sich mehr über diese zufällige Begegnung freute, aber ich weiss bestimmt, dass das Leben für mich in jenem Moment wieder Farbe bekommen hatte.

In derselben Woche kam auch die erste Anfrage, wie sie Influencer wohl oft erhalten. Eine grosse Outdoorfirma bot an: Bis zu 200 Euro Rückerstattung auf eines ihrer Produkte für 10 bis 15 Produktfotos auf Instagram. Bin ich komisch, wenn mir das nicht ganz fair vorkam?

Nicht ganz fair fand es plötzlich auch der deutsche Privatsender: «Momentan wollen sie [die Chefs] keine reinen Auswandererstorys mehr zeigen. Durch die vielen Anschläge und Terrorgeschichten zurzeit wäre es einfach nicht angemessen, eure tolle Story über Eskapismus und Freiheit zu erzählen.» So fand diese Episode, welche länger als sechs Monate gedauert hatte, ihr verdientes Ende.

Wir befinden uns jetzt, nach über einem Jahr unterwegs, auf dem Sprung nach Südamerika. 30 000 Follower begleiteten uns auf 30 000 Kilometern. Würde ich aus jetziger Sicht gewisse Dinge anders machen? Ich meine: ja. Bereue ich etwas? Nein. Ich stimme dem Schriftsteller und Aussteiger Henry David Thoreau zu, der gesagt hat: «Es ist gut für den Menschen, am Ende des Jahres besser zu sein, als er am Anfang war.»

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