Madame Tricot

«Die Seele kann niemand stricken»

Zwischen medizinischer Genauigkeit und künstlerischer Freiheit strickt Dominique Kähler Schweizer alias Madame Tricot Leckereien aus dem Grand Siècle, Verfaultes und Terroristenköpfe.

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Das Verdorbene kann Madame Tricot besonders gut stricken.

Angefangen hat alles mit einem Fisch.

Madame Tricot strickt ganze Käseplatten – Schimmel inklusive.

Eine halbe Metzgerei hat sie schon gestrickt – und stellt die Waren in originaler Umgebung aus.

Madame Tricot 

Kräftige rote Erdbeeren sind in einer geschwungenen Fruchtschale drapiert. Daneben eine silberne, verschnörkelte Apéroplatte mit Hackfleischbällchen und Lachsbrötchen, verziert mit viel Kitsch und Kaviar. Der Blick schweift über eine Wurstplatte und eine Fürstenpastete, dahinter stecken im hohen Coupe-Glas saftige Gemüsespiesse, ein silberner Fisch liegt mit Zitronen auf einem Teller mit Goldrand. Zum Abschluss eine üppige Käseplatte, vom Hartkäse über Camembert bis zum grünblau marmorierten Roquefort, und schliesslich eine crèmige Schokoladentorte. Das gluschtige Buffet lädt zum Schlemmen ein, doch gibt es einen Haken: Die täuschend echten Speisen sind allesamt aus Wolle gefertigt. Gestrickt von Madame Tricot, die seit etwa zwei Jahren der Star der Strick-Kunst-Szene ist. Mit medizinischer Genauigkeit fertigt sie Esswaren an und drapiert sie zu stimmigen, ästhetischen Installationen. Ich treffe Madame Tricot in ihrer Naturheilkundepraxis in Wil SG, wo sie mir lachend die Tür aufhält, mit mir einen Rundgang macht. Die Strickhäppchen auf der Durchreiche sehen so echt aus, dass ich am liebsten eins essen würde. «Nur zu», sagt Madame Tricot, «aber Sie müssen alles aufessen!» Wir setzen uns schliesslich in die gemütliche Küche und trinken Kaffee. Das Gespräch beginnt Madame Tricot gleich selbst.

Auge fürs Detail

Madame Tricot heisst mit bürgerlichem Namen Dominique Kähler Schweizer. Die 68-Jährige hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit ihrem zweiten Ehemann in Wil bei St. Gallen. Sie trägt eine grosse rote Brille und viele bunte, lange Ketten, mit denen sie im Gespräch unaufhörlich herumspielt. Aufgewachsen ist sie in Paris und hat darum diesen schönen französischen Akzent, wenn sie Deutsch spricht. Auch sonst zeigt sich ihre Pariser Vergangenheit: Ihre Strick-Installationen erinnern an das Grand Siècle: «Dieses Pompöse, aus der Zeit von Louis XIV, ist definitiv in meinen Genen. Ich liebe das.»

Ihre Pariser Familie bestand aus Künstlern und Designern, früh interessierte sie sich für Mode und arbeitete gern mit den Händen. «Ich hätte damals, 1968, schon auf die École des Beaux Arts gehen können, in Paris. Aber das war einfach ein Chaos dort, sehr unseriös und unorganisiert.» Neben der Kunst hatte sie noch eine zweite Leidenschaft: «Ein Arzt beobachtet. Das tat ich schon als Kind gern. Mit meinem Cousin und dem Hund seines Vaters haben wir Mäuse gejagt, die ich dann sezieren konnte. Ich habe bereits früh mein Auge für den Körper geschult.» Entschieden hat sie sich schliesslich für die Naturwissenschaften, und ihr Vater hat ihr die Ausbildung zur Allgemein-Medizinerin ermöglicht.
Der Beruf machte sie aber nicht lang glücklich: «Die Beobachtung der Patienten war für mich viel zu einseitig. Jeder wird nach Schema beurteilt. Die Seele des Menschen wird dabei völlig ausser Acht gelassen.» So absolvierte sie eine Zweitausbildung als Psychiaterin. Aber auch das beflügelte Dominique Kähler-Schweizer nicht, denn «leider haben die Psychiater keine Ahnung vom Körper». Sie hat weitergesucht und ist schliesslich in der Schweiz und der Naturheilkunde angekommen. Spezialisiert hat sie sich dann auf die Therapie mit Blutegeln. Ihr Weg dorthin sei unüblich gewesen, aber, sagt sie: «Man muss einfach den Fluss des Lebens akzeptieren.» Nicht nur Krampfadern können mit Blutegeln behandelt werden, sondern neben vielen anderen Leiden auch Kopfschmerzen, Menstruationsbeschwerden oder ein Hexenschuss. Zusammen mit ihrem Mann hat sie eine Praxis mit eigener Blutegelzucht aufgebaut; diese betreut Dominique Kähler-Schweizers Mann jetzt, nach ihrer Pensionierung, allein. Sie selbst ist noch an zwei Nachmittagen pro Woche dort. Alle anderen beruflichen Verpflichtungen hat sie abgegeben und kann sich so zum ersten Mal einfach auf das fokussieren, was ihr Spass macht. «Ich blicke auf eine 40-jährige Karriere zurück, habe ein Buch geschrieben über Blutegel, das international Aufsehen erregt hat. Aber diesen Erfolg konnte ich nicht geniessen, das geht erst jetzt, als Madame Tricot.»

Madame Tricot entstand vor etwa vier Jahren, als Dominique Kähler-Schweizer es leid war, normale Dinge zu stricken. Es sei ihr zu langweilig geworden, denn sie habe nur des Strickens wegen gestrickt, ohne Leidenschaft: «Wenn ich lang an einem Pulli gearbeitet hatte, konnte ich das Ergebnis am Ende gar nicht mehr anschauen, es war mir immer alles verleidet. Und angezogen habe ich die Dinge erst recht nicht.» So habe sie zwischen Weihnachten und Neujahr eine Kochshow gesehen, wo Fisch zubereitet wurde. «Komm, jetzt strickst du einen perfekten Fisch», sagte sie sich. Und wollte nicht aufgeben, bis das Resultat wirklich echt aussah. Ihr Mann war schnell überzeugt. Später beäugten auch die Töchter den Fisch, waren aber noch skeptisch. Sie solle zuerst einmal ein Poulet stricken. «Also habe ich halt ein Poulet gestrickt. Schnell haben meine Töchter mit den Sticheleien aufgehört.»

Nie den Faden verlieren

In der Strick-Kunst-Szene gewann Madame Tricot schnell an Bekanntheit. Auch weil ihre Objekte nicht gehäkelt, sondern eben gestrickt sind. «Was viel schwieriger ist, denn es gibt bei meinen Arbeiten keine Nähte, alles ist aus einem Stück.» Weil Dominique Kähler-Schweizer an Legasthenie leidet, hat sie, wie sie sagt, ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen. Zusammen mit ihrem medizinischen Blickwinkel hilft es ihr beim Stricken, ihre Objekte entstehen immer lebensgross. Und wenn etwas nicht so komme, wie sie es sich vorstelle, dann mache sie einfach weiter und lasse das Objekt entstehen. «Man darf sich nicht sagen, etwas ist falsch geraten. Sondern muss einfach weitermachen. Einmal wollte ich einen Kopf stricken. Er wurde plötzlich so länglich, fast wie der «Schrei» von Munch. Am Ende ist es ein Wurm geworden. Ganz anders als geplant, aber auch schön.» Als Künstler müsse man in der Lage sein, nicht nur die eigene Idee zu verfolgen, sondern auch diejenige des Universums zu akzeptieren, auch wenn es knifflig werde. Stolz fügt sie an, dass sie auch bei zehn Stricknadeln gleichzeitig den Faden nicht verliert, «nur ganz selten mache ich mir eine Markierung in die Wolle, bei den Köpfen zum Beispiel». Bewusst strickt sie nur die Esswaren, nicht die Dekoration. Das würde nicht passen, sagt sie. «Die Wolle hat zwar ein längeres Leben als die meisten Esswaren, beides ist aber organisch und vergänglich, im Gegensatz zu einem Metallstuhl zum Beispiel, den könnte ich nicht stricken.» Neben Esswaren strickt Madame Tricot auch verschimmelte Essensreste und Köpfe fiktiver Terroristen und toter Raser. «Damit betreibe ich Recycling eines verschwendeten Lebens und kann meine Wut ihrem Fehlverhalten gegenüber verarbeiten – das ist beste Psychotherapie!» Es tötelet, überall, aus gutem Grund: «Das Leben kann ich nicht darstellen. Die Seele kann niemand stricken. Aber das gerade frisch Tote, dieser Übergang vom Leben in den Tod, das fasziniert mich; man ist ja jeden Tag einen Schritt näher am eigenen Tod, darauf muss man sich vorbereiten.»

Dominique Kähler-Schweizer sieht es pragmatisch: In ihrem Alter könne sie ja nicht mehr Fallschirm springen oder bildhauern, trotz des guten Vorstellungsvermögens. «Stellen Sie sich das vor, ich als Grossmutter in einem riesigen Atelier mit schweren Steinen.» Das Stricken sei da eindeutig die gesündere Alternative. «Ich mache es ja nicht nur aus Spass, sondern auch zur Meditation.» Schon früher, wenn sie beruflich viel zu tun hatte, gab es Zeiten, in denen sie zuerst stricken musste, um den Rest bewältigen zu können. «Meine Töchter hat das fast in den Wahnsinn getrieben. Sie konnten nicht verstehen, wie ich mich in stressigen Zeiten hinsetzen und stricken konnte.» Und schliesslich sei das Stricken auch ihre Rache, sagt sie lachend. Ihre Eltern seien bereits lang tot, also könne sie das erzählen. Sie hätte eigentlich abgetrieben werden sollen; «und wissen Sie, womit man früher abgetrieben hat? Mit Stricknadeln! Die hätten mich töten sollen, und ich habe nun damit Erfolg. Ich finde das sensationell!»

– Die aktuellsten Werke von Madame Tricot sind im Buch «Delicatessen» erschienen, dieses ist für 32 Franken beim Zürcher Haushaltsgeschäft Sibler oder online bei artist@madametricot.ch erhältlich.
Aktuell sind Installationen von Madame Tricot bei Sibler und im Agrarmuseum Burgrain (LU) sowie ab dem 22. April 2017 im Schweizerischen Nationalmuseum Schwyz ausgestellt. Weitere Informationen finden Sie unter madametricot.ch.

Text: Dinah Leuenberger, Fotos: Daniel Ammann

Dinah Leuenberger

Die Reportagen-Praktikantin liebt Reisen nach Japan und ist auch sonst viel unterwegs. Sie hat ein Auge für Schönes und ist fasziniert von der Mode. An scheinbar langweiligen Dingen findet sie gern die interessanten Aspekte.

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