Sexting

«Wenn ichs mir selber mache ...

... lege ich das Handy zur Seite»: Sexting ist in der Erwachsenenwelt angekommen. Was ist so toll daran? Fünf Erfahrungsberichte über Sex per SMS & Co.

Beim Sexting werden explizite Inhalte übers Netz ausgetauscht. Und da tun sich – den digitalen Technologien sei Dank – neue Erfahrungswelten auf. Ein freizügiger Anruf per Facetime. Ein verschlüsselter Sex-Chat über Whatsapp. Ein erotischer Snapchat-Flirt, der sich über den ganzen Tag hinzieht – Erregung in Portionen, Höhepunkt inklusive. Und es sind durchaus nicht nur Jugendliche, die dem Reiz des Sextings erliegen und – zu Recht! – auch vor den Gefahren gewarnt werden. Nein, auch für Erwachsene – ob Single oder in fester Beziehung – ist virtueller Sex je länger desto mehr ein Thema: Sie finden ihn erregend und in gewissen Situationen auch praktisch. Und sie sagen, nicht selten verleihe Sexting einer langjährigen Beziehungen einen neuen Kick. Wir wollten es genauer wissen und haben fünf Erwachsene gefragt, wie sie ihr Smartphone für ihre erotischen Spielereien nutzen – und was daran so faszinierend ist.

Valerie, 39

«Die Freundschaftsanfrage kam morgens, beim Zähneputzen. Normalerweise akzeptiere ich auf Facebook nur Leute, die ich kenne. Bei ihm machte ich eine Ausnahme. Sein Profilbild hat mir gefallen. Kurze Zeit später chattete er mich schon an. Der übliche Smalltalk entwickelte sich dann schnell zu einem erotischen Chat. Natürlich war er, der Single, irritiert, als ich ihm sagte, dass ich verheiratet bin, ein Kind habe und eigentlich glücklich bin mit meiner Beziehung. Aber eben, der Kick, der fehlte nach zehn Jahren Ehe und Kind. Und plötzlich war er da. In Form eines fremden Mannes, der mich mit Worten scharfmachte.

Irgendwann folgten intime Fotos, die wir uns gegenseitig schickten. Damit diese nicht auf meinem Laptop zuhause aufploppten, haben wir bald in ein sichereres Chatprogramm gewechselt. Und ich eignete mir an, mein Handy immer auf mir zu tragen. Liess ich es irgendwo liegen, wurde ich nervös.

Faszinierend, was so ein Sex-Chat auslösen kann. Und wie tief meine Hemmschwelle plötzlich sank. Wohl gerade, weil es durchs Smartphone irgendwie abstrakt blieb. Auf jeden Fall entdeckte ich Seiten an mir, die ich noch nicht kannte – oder längst begraben hatte. Manchmal sextete ich in der Badewanne, während mein Mann im Zimmer nebenan Fussball schaute. Und ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen. Einfach, weil es so aufregend war, mich so beschwingte. Ich, die vorher noch rumposaunte, Sex sei überbewertet, blühte richtiggehend auf. Davon profitierte auch mein Mann.

Nach ein paar Monaten verlief das Ganze dann im Sand. War irgendwie ausgereizt. Ich denke aber heute noch gern an diese Zeit zurück. Ans Kribbeln.»

Peter, 42

«Mein erstes Mal Sexting hat sich ganz spontan aus einem Facebook-Chat heraus ergeben. Mit einer Frau, die ich schon kannte, mit der ich auch schon geknutscht hatte, die aber in einer anderen Stadt wohnte. Damals war ich in einer langjährigen Beziehung, die aber ein bisschen eingeschlafen war. Darum fand ich es auch ziemlich heiss, als sich der Chat plötzlich in Richtung Sexting entwickelte.

Ich machte den ersten Schritt, indem ich ihr meine Fantasien schilderte und mir dabei ihren Körper vorstellte. Darauf ist sie eingestiegen. Die ersten Fotos kamen dann von ihr. Seither sexte ich immer mal wieder. Sexting ist für mich eine prima Ergänzung zu echtem Sex. Ich mag das Spielerische, das Knistern, diese ganz spezielle Erotik. Und viele treten dabei unverkrampfter auf als etwa beim Telefonsex.

Wichtig ist mir, dass die Frau schreiben kann. Dass sie mit Sprache umgehen kann. Und in der Lage ist, aussergewöhnliche Fantasien zu entwickeln, die man am liebsten sofort umsetzen würde. Wobei: Es gibt Dinge, die funktionieren eben im echten Leben dann nicht so gut. Outdoor-Sex etwa finde ich in echt meistens eher schwierig, im Sexting aber super. Und wenn dann im richtigen Moment ein Foto von ihren Brüsten oder ihrem Arsch kommt: perfekt!

Ich selber verschicke auch ab und zu Bilder von mir. Ehrlich gesagt auch manchmal dieselben, an unterschiedliche Frauen. Das bietet sich halt an, wenn man schon mal gelungene Fotos hat. Dickpics – Pimmelbilder – habe ich auch schon versandt, aber meistens nur auf eine Andeutung hin. Eine Frau schrieb mal, sie frage sich gerade, ob mein Schwanz komplett in ihren Mund passen würde. Da wollte ich ihre Neugier natürlich stillen.»

Nora, 45

«Sex ist die Basis meiner Beziehung. Wir hatten ihn zuerst im Bett, dann am Telefon – dann per SMS. Da mein Freund berufshalber viel unterwegs ist, bietet sich Sexting an. Habe ich Lust auf ihn, schicke ich ein sexy Foto von mir. Das funktioniert immer. Wenn ich ihn frage: ‹Wie gehts dir?›, höre ich manchmal erst am nächsten Tag was. Aber mit einem Handyfoto meines nackten Arsches kommt die Antwort postwendend. Männer sind so einfach gestrickt.

Angefangen hat es vor sechs Jahren, nach der Trennung von meinem Ehemann und Vater meines mittlerweile 13-jährigen Sohnes. Damals hockte ich abends mit Kind zuhause, konnte nicht weg und habe im Internet Menschen kennen gelernt – vorwiegend Männer. Früher oder später lief es da eigentlich immer auf Sex hinaus. Ich chattete mit Männern aus Indonesien, Amerika oder Neuseeland. Ich fand das gut, dass die so weit weg waren. So lief ich nicht Gefahr, die am nächsten Tag an der Busstation zu treffen. Das war nach 14 Jahren Ehe alles total aufregend. Wie weit ich gehen wollte, entschied immer ich. Einmal habe ich mirs für einen Typen über Skype selber gemacht, vor laufender Kamera. Das würde ich heute nicht mehr machen. Nicht für einen Fremden. Vielleicht für meinen Freund, wenn er danach fragen würde.

Für Fotos, die ich ihm schicke, style ich mich gern auf, fotografiere mich in Dessous oder nackt – aber mein Kopf ist nie drauf. Man weiss ja nie. Für die Fotosessions lasse ich mir immer wieder was Neues einfallen. Es soll nicht langweilig werden. Vielleicht kaufe ich mir demnächst einen Selfie-Stick.

Mein Freund ist da weniger kreativ. Klar, als Mann hast du vielleicht auch nicht so viele Möglichkeiten. Er hat mir auch schon Fotos von seinem Schwanz geschickt, ich mag aber seine Hände lieber und stelle mir vor, was er alles mit ihnen machen kann. Sowieso bin ich eher der Texttyp. Ich stehe total auf erotische Geschichten, sie beflügeln mich. Manchmal spinne ich eine Geschichte, in der ich mal eine neue Sexpraktik oder Stellung ausprobiere, einen Ort beschreibe. Wir haben die Regel, dass die Storys jeweils vom anderen weitergesponnen werden. Das kann sich dann über einen Tag hinziehen. Manchmal ists aber auch ein Quickie. Wenn ichs mir selber mache, lege ich das Handy dann aber zur Seite.»

Sasha, 30

«Es gab eine Zeit, da lebten mein Freund und ich in zwei verschiedenen Städten, weit weg voneinander. Damals haben wir uns einen Spass daraus gemacht, uns in den unpassendsten Momenten anzusexten. Der Reiz war, die Distanz so unmittelbar überbrücken zu können. Ich schickte ihm erotische Aufforderungen und Fotos, wenn ich wusste, dass er gerade in einem wichtigen Meeting war. Und er sextete mir jeweils am Sonntag, wenn er im Bett und ich bei der Arbeit war. Er schrieb mir, was er machen würde, wenn ich jetzt bei ihm wäre. Ich musste dann jeweils kurz an die frische Luft, weil ich so angeturnt war.

Sexting kann wie Porno sein. Das ist zwar im Moment geil, verliert aber nach wiederholtem Mal oft seinen Reiz. Fotos von Pimmeln haben mich nie sonderlich erregt, und irgendwann sind auch die Wörter Schwanz oder Pussy einfach zu abgelutscht.

In meiner jetzigen Beziehung haben Sextings viel mehr zärtliche Momente. Nach dem Höhepunkt gibts beispielsweise noch eine Kuschelrunde per Chat. Wie ich, mag es auch mein Freund, Geschichten zu erzählen. Die dürfen wir voneinander einfordern, wenn wir getrennt sind. Sie haben immer einen Bezug zu unserem Leben. Da gibt es Storys, die vom Strand unserer nächsten Ferien handeln, von Hauseingängen in New York City oder von einem gemeinsamen Gala-Anlass, den ich mal ohne Slip besuchte und der uns so anödete, dass wir abhauten und übereinander herfielen. In echt passiert dann lustigerweise nur halb so viel, wie wir uns in den Chats ausmalen. Beim Sexting sind wir viel direkter, viel dreckiger als im Bett. Eigentlich schade. Aber andererseits ist das ja auch gerade das Tolle am Sexting. Dass man Dinge ausprobieren, Rollen spielen und an Grenzen gehen kann, die man sonst vielleicht gar nicht kennen lernen würde. Oder für die man so eins zu eins im Bett dann doch zu gehemmt ist. Übers Sexting habe ich viele Vorlieben meines Freundes kennen gelernt – und umgekehrt. Weil, sind wir ehrlich, im Bett wird immer noch sehr wenig geredet und gefordert.»

Carlo, 38

«Mit einer Ex-Freundin habe ich mich öfter erotisch übers Handy ausgetauscht. Wenn ich sie vermisst habe, gerade Lust auf sie hatte. Bei der Arbeit habe ich ihr etwa geschrieben, dass ich über Mittag nachhause komme, sie ausziehe und auf dem Küchentisch rannehmen werde. Jedes Detail, was ich mit ihr gern anstellen würde. Da muss man ganz schön schnell tippen können. Und das alles während der Zigi-Pause. Sie schickte mir im Gegenzug Fotos von ihren nackten Brüsten, die sie jeweils im Büro auf dem WC gemacht hatte. Das turnte uns beide an, machte Lust auf mehr. Unsere Sex-Chats waren wie ein Warm-up. Sie steigerten die Vorfreude aufs Wiedersehen abends. Meistens führten wir dann im Bett weiter, was wir tagsüber im Chat angefangen hatten.

Heute als Single sexte ich hin und wieder mal. Weil es relativ einfach und unkompliziert ist, übers Handy Sex zu haben. Ich muss ja nicht mal die Wohnung verlassen, kann im Pyjama auf dem Sofa liegen – zwischendurch mal etwas essen. Das ist doch praktisch. Wenn Sexting, dann aber eigentlich nur mit Frauen, die ich vorher schon mal getroffen habe. Ich möchte die schon ein bisschen kennen, bevor es so intim wird. Es gibt Kollegen, die schicken schnell mal Fotos von ihrem erigierten Penis an Frauen. Weil sie denken, die fänden das geil. Ich mache das nicht – zumindest nicht, ohne vorher zu fragen. Lerne ich eine Frau kennen, die mir gefällt, merke ich anhand unseres Chats relativ schnell, ob sie offen für Sexting ist. Wenn sie etwa schreibt, sie liege noch in ihrem Bett, und ich antworte: ‹Aber im falschen.› Das ist der Moment, wo es dann weitergeht – oder eben nicht. Bin ich in Fahrt, brauche ich nicht viel Text. Und bitte keine zwinkernden und busserlnden Emojis: ein totaler Ablöscher! Nein, wenn ich spitz bin, stehe ich auf direkte Ansagen. Auf Fotos von Brüsten – und natürlich gern auch Muschis. Aber da zieren sich die Frauen ja jeweils.»

Text: Andrea Bornhauser; Illustration: Katharina Gschwendtner

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