Wie ist es eigentlich

Als Mama im Rollstuhl

Susanna Staub (37) ist Mutter von zwei kleinen Kindern. Vom Bauchnabel abwärts ist sie gelähmt. Das war nicht immer so. Sie erzählt vom Umgang mit dem Rollstuhl und vom Muttersein mit Handicap.

  • Symbolfoto

Wenn ich mit meinen zwei Kindern unterwegs bin, sprechen mich fremde Menschen auf der Strasse an. Wie ich das schaffe, fragen sie, so als querschnittgelähmte Mutter. Ich schaue sie an und antworte: Ganz ehrlich, keine Ahnung. Bei mir zuhause herrscht Chaos. Die Wohnung voller Kindersachen, wenig Schlaf. Seit wir Kinder haben, bin ich vielleicht fünfmal mit meinem Mann ausgegangen. Ich komme regelmässig an meine Grenzen.

Mit 22 habe ich mir mein Leben anders ausgemalt. Damals konnte ich noch gehen, wollte fünf Kinder bekommen und träumte von einer Karriere als Entwicklungshelferin. Ich wollte etwas bewegen. Meinen Job bei der Bank hatte ich schon fast gekündigt. Aber dann kam dieses Betriebsfest. Ich führte einen Tanz auf, fiel von der Bühne. Mein erster Lendenwirbel zerbarst in tausend Splitter. Die Diagnose lautete: gelähmt vom Bauchnabel an abwärts.

Dass ich ein paar Jahre später trotzdem schwanger wurde, erstaunte viele. Aber der weibliche Zyklus wird ja nicht über das Rückenmark, sondern die Hormone gesteuert. Schwangerschaft und Geburt verliefen nicht viel anders als bei anderen Frauen. Als ich aber mein erstes Baby auf dem Schoss hielt, wurde ich mir meiner Einschränkung mehr als je zuvor bewusst. Ich dachte: Wie soll ich mein Kind halten und gleichzeitig den Rollstuhl über die Türschwelle fahren? Wie soll ich aus dem Haus kommen, den Kinderwagen schieben? Mein Kind in der Badewanne halten? Meine Freiheit, die ich mir nach dem Unfall mit Sport, Job und Mann Stück für Stück neu erarbeitet hatte, rückte in weite Ferne.

Doch ich lernte, mit meinen Einschränkungen als Mutter umzugehen. Ich hielt das Baby in einem Arm, während ich mich mit der anderen Hand die Wand entlang vorwärtsschob. Der weisse Verputz bei uns im Flur ist deshalb ganz grau geworden. Lange habe ich beim Schieben des Kinderwagens herumprobiert. Zunächst habe ich es mit einer technischen Vorrichtung versucht, mit der der Rollstuhl automatisiert fährt. Allerdings kann man die kaum stoppen, was auf Strassen schnell gefährlich wird. Ich habe also einen eigenen Weg gefunden: Ich gab zweimal den Rollstuhl an – zack, zack – und dann einmal den Kinderwagen, zack. Wenn ich einkaufen musste, bat ich Nachbarn, mir den Wagen zum Supermarkt zu schieben, weil der Weg bergab geht. Als mein Sohn grösser wurde, band ich ihn mir auf den Schoss.

Als ich zum zweiten Mal schwanger wurde, las ich meinen Bekannten die ungestellte Frage von der Stirn ab: Wie will die das denn schaffen? Einige sagten, ich müsse unbedingt einen Krippenplatz organisieren, um keinen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Aber ein Krippenplatz kostet 120 Franken pro Tag. Wo sollen wir das Geld hernehmen? Mein vierjähriger Sohn geht zweimal pro Woche für zweieinhalb Stunden in die Spielgruppe, mehr liegt nicht drin.

Es sind die kleinen Schritte, die mein Leben wahnsinnig erleichtern: Inzwischen sitzt meine kleine Tochter schon allein. In der Badewanne kann man sie fünf Sekunden loslassen. Das hilft mir enorm.

Mich hat letzthin jemand gefragt, ob ich glücklich sei. Ich habe mir drei Tage Zeit gelassen, bevor ich geantwortet habe. Wie oft ich fast verzweifle, dachte ich, und wie viel ich zurückstecken muss. Trotzdem empfinde ich die Liebe zu meinen Kindern als mein grösstes Geschenk. Ich habe einen unbezahlbar guten Mann, der alles mitträgt, und einen starken Glauben. Und ich geniesse es, dass ich nicht mehr nur Rollstuhlfahrerin, sondern in erster Linie Mutter bin.

Ich will lernen, zufrieden mit dem zu sein, was ich habe. Ja, ich bin glücklich, antwortete ich schliesslich. Aber ich bin froh, wenn dann auch die Kleine aus dem Gröbsten raus ist.

Aufgezeichnet von Ann-Kathrin Schäfer; Foto: Getty Images

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