Im Namen Gottes töten

Auge in Auge mit dem Terror

Text: Helene Aecherli; Foto: Fabian Unternährer

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Psychologin Anne Speckhard – getrieben von der Frage, was einen Menschen dazu bringt, im Namen Gottes zu töten. 

 

Die folgenden Bilder sind Screenshots aus Anne Speckhards Videos. In einem schildert ein ehemaliger Jihadist, wie Kinder zu Selbstmordattentätern ausgebildet werden, in einem anderen berichtet ein desertierter Kämpfer über den Umgang des IS mit gefangenen Frauen.

«Sie (der IS) unterrichteten uns über Gott, den Propheten und unsere Religion»

«Sie sind nur hier für Geld. Und wer sich ihnen anschliesst, darf nie mehr weg»

«Ich würde ihnen (am IS Interessierten) raten, dieser Organisation nicht beizutreten»

«Einige (der gefangenen Frauen) waren Ehefrauen von irakischen Armeesoldaten»

«Sie (eine Gefangene) schläft nicht richtig, sie kauert nur in der Ecke»

«Ich sah, dass sie kleine Kinder trainierten, die von nichts eine Ahnung hatten»

«Sie konnten nicht sagen, dass sie wütend waren oder dass es nicht richtig war»

«Erst glaubte ich ihnen, doch dann sah ich, dass viele Menschen sterben würden»

Die US-Psychologin Anne Speckhard redet mit islamistischen Extremisten, überlebenden Selbstmordattentätern und ihren Angehörigen – getrieben von der Frage, warum jemand bereit ist, im Namen Gottes zu töten. Ihr Ziel: Mit den Antworten den Terror zu bekämpfen.

Der junge Mann im Youtube-Video wird Ibn Ahmed genannt. An seiner Jacke hängt ein Mikrofon, sein Gesicht ist verhüllt, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, denn würde er erkannt, geriete er in Lebensgefahr. Ibn Ahmed ist ein Abtrünniger des IS. Was er gleich zu Protokoll geben wird, gilt als Verrat. Und wer den IS verrät, dem droht der Tod.

«Als der IS in unsere Stadt kam, war anfänglich alles gut», erzählt er, Kopf und Schultern hart im Profil. «Die Frauen verhüllten sich, die Männer begannen, regelmässig in die Moschee zu gehen, ich mochte das konservative, strikte Leben. Ein Scheich des IS gab uns Koranunterricht und sprach von ihrem Staat. Er sagte, sie seien auf dem rechten Weg, es würde keine Ungerechtigkeit geben. Wir würden einen Lohn bekommen und leben können, wie wir wollten. Das gefiel mir.» Er erhielt einen Job als Wächter bei der Hisbah, der Polizei des IS. In ihrem Gefängnis befanden sich auch 475 Frauen, Jesidinnen, Irakerinnen, selbst Ehefrauen irakischer Soldaten. «Ich war schockiert, alle diese Gefangenen zu sehen. Doch man drohte mir den Kopf abzuschneiden, sollte ich etwas verraten. Eines Tages kam ein sudanesischer Kämpfer und holte sich ein 15-jähriges Mädchen. Er musste es vergewaltigt haben. Denn als er es zurückbrachte, blutete es so stark, dass es an seinen inneren Verletzungen starb. Der Mann aber wurde nicht bestraft. Ich hörte nur, wie der Aufseher sagte, die Kämpfer sollten nicht darüber sprechen. Gefangene seien Gefangene, man könne mit ihnen machen, was man wolle. Da wusste ich, dass ich den IS verlassen will. Denn ich stellte mir vor, das Mädchen wäre eine meiner vier Schwestern gewesen. Ich fühlte mich unwohl, müde, verlor meinen Appetit.»

Zum Schluss des Videos appelliert Ibn Ahmed, sich dem IS nicht anzuschliessen, sich dessen Grausamkeit gegenüber Armen und Schwachen vor Augen zu führen, eine Grausamkeit, die sich auch gegen die eigenen Leute richten kann. Seit seiner Flucht plagen ihn Albträume, in denen er an den Haaren gepackt und ihm die Kehle durchschnitten wird. «Der IS ist wie Treibsand», sagt er. «Sobald du drin bist, ertrinkst du.»

Der gut fünfminütige Film wühlt auf, schmerzt, die brüchige Stimme des jungen Mannes hallt im Gedächtnis wider. Und diese Wirkung ist beabsichtigt: Das Video ist Teil eines «truth project» – einer Onlineoffenisve, die mit Berichten desillusionierter IS-Kämpfer die Terrormiliz diskreditieren und den von sadistischer Brutalität beherrschten Alltag hinter der Fassade des «Kalifats» dokumentieren will, um dadurch die Rekrutierung von Kämpfern zu stoppen.

Der Kopf hinter dieser Gegenpropaganda ist die Amerikanerin Anne Speckhard, Lehrbeauftragte für Psychiatrie und grundlagenwissenschaftliche Psychologie sowie Direktorin des International Center for the Study of Violent Extremism in Washington DC. Sie hat sich darauf spezialisiert, Extremisten, überlebende Selbstmordattentäter, aber auch ihre Angehörigen und ehemaligen Geiseln aufzuspüren und zum Interview zu bitten, getrieben von der Frage, was einen Menschen dazu bringt, im Namen Gottes zu töten.

In den vergangenen 14 Jahren führte Speckhard über 500 Gespräche, unter anderem in Moskau, Gaza, Frankreich, Belgien und auf Ersuchen der US-Regierung im Irak. Mit dem «ISIS-Defectors-Project», für das sie und ihr Team in acht Monaten 32 ehemalige Kämpfer interviewten, hofft sie nun, einen Weg gefunden zu haben, die Terrormiliz zu schwächen. «Luftangriffe bescherten dem IS zwar massive Terrainverluste, was die Rekrutierung von Anhängern verlangsamt», erklärt sie. «Doch gewinnt der IS noch immer etwa 500 Kämpfer pro Monat hinzu. Zudem droht er sich aufgrund der Gebietsverluste in eine Guerilla-ähnliche Untergrundbewegung zu verwandeln, deren Methode zunehmend auch Einzeltäter inspiriert. Davon zeugen die Attentate in Florida, San Bernardino, Nizza, Rouen, Ansbach und Würzburg. Dagegen werden Militärschläge wenig nützen. Wir müssen den IS dort bekämpfen, wo er noch angreifbar ist: in der digitalen Welt.»

Die Rattenfänger des IS rekrutieren ihre Anhänger aus dem Westen noch immer auch auf der Strasse oder in Moscheen, gleichzeitig bietet sich das Internet als unkontrollierbares, anonymes Medium für Instant-Radikalisierungen an. «Wer nur schon ein Bild eines IS-Kämpfers retweetet oder auf Facebook liket, wird meist innerhalb eines Tages von der Gruppe kontaktiert», sagt Speckhard. «Der Betreffende wird darauf regelrecht umschwärmt, hat Hunderte von neuen Followern, was erst mal dem Ego schmeichelt.» So wurde etwa ein 13-jähriges Mädchen, das aus purer Neugierde ein paar IS-Accounts angeklickt hatte, auf der Stelle mit Heiratsanträgen überschüttet, ihr Postfach mit Bildern von Traumvillen mit Swimmingpools geschwemmt, die sie in Syrien erwarten würden. Das machte sie glauben, sie käme in eine Art Disneyland. Die Propagandisten haben ein feines Sensorium für die Schwachstellen jener, die auf ihren Radar kommen, und nutzen sie gezielt aus, betont Speckhard. «Sie saugen die neuen Anhänger ein und isolieren sie von ihrem Umfeld. Das verleiht diesen schliesslich eine Tunnelvision, in der sich ihr ganzes Denken nur noch um die Ideen der Gruppe dreht.» Oft dauere es kaum mehr als zwei Wochen, bis jemand radikalisiert sei.

Anne Speckhard und ich treffen uns in Bern, am Rand der vom Schweizerischen Städteverband organisierten Tagung zur «Prävention und Bekämpfung von Radikalisierung und Extremismus», an der Speckhard ihre Recherchen und das neue Projekt präsentiert. Sie redet knapp eine Stunde, ohne zu stocken, so, als würde sie von einem inneren Skript ablesen, in ihrer Stimme eine fast irritierende Heiterkeit. Sie ist 1.60 Meter gross, trägt eine pinkfarbene Bluse, die brünetten Haare hochgesteckt, wirkt gleichzeitig so mädchenhaft neugierig wie empathisch mütterlich. Vielleicht ist es diese Ausstrahlung, wird sie später sagen, die ihre Gesprächspartner dazu bringt, sich ihr zu öffnen, obwohl gerade sie als Amerikanerin für viele ein Feindbild ist.

Speckhard wurde in Wisconsin geboren, verlor ihre Mutter, als sie zwei war, las früh Bücher über christliche Märtyrer, wurde streng katholisch erzogen, was sie, wie sie sagt, wohl affin gemacht hat für ihren späteren Beruf. Sie ist Mutter von drei Kindern, mittlerweile Grossmutter, verheiratet mit einem US-Diplomaten, ihr Alter hält sie geheim, verortet es irgendwo jenseits der 45. Ende der Neunzigerjahre wurde ihr Mann nach Weissrussland versetzt, sie folgte ihm mit den Kindern, baute in Minsk ein neues Leben auf und musste sich als Psychologin, die vornehmlich in einer Praxis gearbeitet hatte, neu erfinden. In der Folge machte sie eine Studie über die psychologischen Auswirkungen der Atomkatastrophe von Tschernobyl und lancierte das Holocaust Oral History Project, für das sie jeden einzelnen Holocaust-Überlebenden von Minsk interviewte. Als tschetschenische Terroristen im Oktober 2002 im Moskauer Dubrowka-Theater 850 Menschen in ihre Gewalt brachten, betreute sie mit einer Moskauer Traumatherapeutin Geiseln, die zum Teil tagelang neben todesbereiten Terroristen gesessen und mit ihnen gesprochen hatten. Über ihre Erzählungen erhielt Anne Speckhard Einblicke in die Beweggründe der Attentäter. «That got me hooked», sagt sie. Seither steht der Terror im Zentrum ihrer Forschungen. Die Summe ihrer Recherchen drückt Anne Speckhard so aus: Niemand wird als Terrorist geboren. Auf die Frage, was Menschen auf eine terroristische Bahn treibt – online wie offline –, führt sie über zwei Dutzend Gründe an; Abenteuerlust, Frustrationen, schwerste Traumatisierungen. Doch reichen diese allein für eine Radikalisierung nicht aus. Es braucht zusätzlich eine Ideologie, die das Handeln legitimiert. Islamistische Extremisten bedienen sich deshalb der Idee des kosmischen Kriegers, des Cosmic Warrior, der im Auftrag Gottes handelt, was selbst grausamste Taten gegen jene rechtfertigt, die nicht dazugehören. Zudem wird diese Ideologie als Weg zur Sühne verkauft, als Möglichkeit, das alte Leben abzustreifen und ein neues zu beginnen. Und dafür sind nicht wenige empfänglich.

Als Beispiel nennt Anne Speckhard den 27-jährigen Younes Delefortrie, der nach fünf Wochen als IS-Kämpfer nach Belgien zurückkehrte, sich stellte, aber wieder freigelassen wurde. Speckhard interviewte ihn letzten Februar im Rahmen des «ISIS-Defectors-Project» in Antwerpen. «Er erzählte mir, dass er als Kind von seiner alkoholkranken Mutter verlassen wurde», sagt sie. «Als Teenager hing er mit muslimischen Freunden herum, begann sich für den Islam zu interessieren und konvertierte. Dessen strikte Regeln faszinierten ihn, allen voran das Alkoholverbot. Er fühlte sich von den Grenzen, die ihm die neue Religion auferlegte, beruhigt und geschützt.» Er sei geradezu besessen gewesen von Disziplin, suchte nach immer extremistischeren Formen. Irgendwann trat er der Gruppe Sharia4Belgium bei, die dem IS Gefolgschaft gelobte.

IS-Abtrünnige, darunter auch ihr Video-Protagonist Ibn Ahmed, berichten Speckhard, dass Neuankömmlinge auf dem IS-Territorium, einheimische wie ausländische und oft sogar Kinder, von charismatischen Scheichs in «Sharia-Trainings» auf die Gotteskrieger-Ideologie eingeschworen werden. Es sind zwei- bis dreiwöchige Trainings, eine Mischung aus Kampf- und Religionsunterricht, an deren Ende jedem Teilnehmer ein Gefangener gebracht wird, den er köpfen muss. Als ultimativer Beweis seiner Hingabe.

Der IS sei die erste Terrorgruppe, die explizit Menschen mit psychopathischen Tendenzen anzieht, sagt Speckhard, Sadisten oder Menschen mit fehlender Empathie. Mehr noch: Ein Medizinstudent aus Cardiff, der Hauptstadt von Wales, liess auf einem Youtube-Video gar verlauten, der Aufbruch in den Jihad habe ihn von seiner Depression geheilt. In diesem Kontext lässt sich auch die Todessehnsucht mancher Attentäter erklären, die ihr Sterben bewusst in Kauf nehmen oder sich im Namen ihrer Religion in die Luft sprengen. «Wir wissen, dass grundsätzlich jedem Selbstmord ein tiefer Schmerz vorausgeht», erklärt Speckhard. Wird aber ein solcher Schmerz an die Idee gekoppelt, dass ein Selbstmordattentat nicht nur Gott zur Ehre gereicht, sondern auch der Gruppe, in deren Namen er ausgeführt wird, kann das zum Motiv für eine Märtyrermission werden. Besonders dann, wenn die Gruppe den Selbstmörder danach als Held inszeniert. «Wir haben von überlebenden Selbstmordattentätern immer wieder gehört, dass die beabsichtigte Tat sie in regelrechte Euphorie versetzt», sagt Speckhard. Sie erzählt von einer jungen Frau, die sie vor Jahren in einem israelischen Gefängnis interviewt hatte. Die 27-jährige hatte fünf Wochen auf ihren Einsatz warten müssen, wurde aber verhaftet, bevor sie sich den Bombengürtel umschnallen konnte. Doch habe sie sich angesichts ihrer Märtyrermission trunken gefühlt, es sei ihr vorgekommen, als würde sie über ihrem Körper schweben. Anne Speckhard vermutet, dass dieser Rauschzustand eine Folge von Endorphinausschüttungen im Gehirn ist, die geschehen, um das Grauen vor der selbstmörderischen Tat zu lindern. «Eine Märtyrermission», fasst sie lakonisch zusammen, «ist somit eine sehr kurzlebige psychologische Behandlung für eine ernsthafte psychische Störung.»

Anne Speckhard schwitzt, wirkt angespannt. Sie ist nur für einen Tag in der Schweiz, am nächsten Morgen wird sie in den Kosovo reisen, nach Pristina, um mit inhaftierten Jihadisten zu reden. Sie ist vor jedem Interview nervös, sagt sie, doch empfinde sie Gefängnisbesuche als besonders beklemmend. Denn Gefängnisse sind Orte, wo sie «die Angst riechen» kann, wo sie sich als Frau besonders verletzlich fühlt. Trotzdem gehe sie hin. Auch deswegen, weil sie weiss, dass gerade männliche Jihadisten, allem Heldenkult zum Trotz, eher mit einer Frau reden als mit einem Mann. Dies, weil sie sich durch ein weibliches Gegenüber weniger bedroht fühlen, weniger Angst haben, das Gesicht zu verlieren. Nie würde sie die Reaktion jenes Jihadisten vergessen, der ihr in einem Gefängnis des US-Militärs im Irak zum Interview gebracht wurde. Sie trug eine Abaya und ein Kopftuch, lächelte vorsichtig. Er starrte sie an, stotterte «Mama». Dann brach er in Tränen aus. Speckhard hatte ihn an seine Mutter erinnert, die bei seiner Verhaftung vor seinen Augen ohnmächtig geworden war.

Als ich Anne Speckhard frage, wie sie an ihre Studienobjekte herankommt, lächelt sie. Sie gehe nach der Schneeballmethode vor, verrät sie. Ob in Ramallah, Casablanca oder Molenbeek, sie mache sich einfach auf und frage die Leute: «Was macht euch sauer? Habt ihr schon mal auf die Botschaften einer dieser Extremistengruppen gehört?» Die meisten antworten dann: «Natürlich nicht.» Einige aber sagen: «Mein Cousin ging in den Irak.» Oder: «Mein Kumpel von der Highschool wurde Salafist. Wollen Sie ihn treffen?»

Das Gros ihrer Interviewpartner für das «ISIS-Defectors-Project» fand sie mithilfe von Ahmet Yayla, Antiterror-Experte und ehemaliger Polizeichef der türkischen Grenzstadt Sanliurfa, einer der Hauptpassagen für IS-Kämpfer, die aus Syrien in die Türkei gelangen. Er kontaktierte einen seiner Informanten, der wusste, wer jeweils über die Grenze kam, und der wiederum vermittelte den ersten IS-Flüchtling, der bereit war, anonym vor der Kamera auszupacken. Die Interviews in Sanliurfa fanden in improvisierten Studios statt, stets an einem anderen Ort, um das Risiko zu mindern, von Spitzeln entdeckt zu werden. Während Ahmet Yayla im Studio war, schaltete sich Anne Speckhard von Istanbul oder Washington aus via Skype zu. Ihr war aufgrund der Entführungsgefahr abgeraten worden, nach Sanliurfa zu reisen, etwas, das sie zutiefst frustrierte. «Ich bin kein Rambo, aber wenn ich mich dazu entschlossen habe, mit einer Person von Angesicht zu Angesicht zu reden, dann gibt es für mich im Prinzip kein Zurück mehr. Egal, ob ich sie in einem Studio, einem Café, einem Unterschlupf, im Gefängnis oder gar in einer Wohnung treffe.» Das Risiko, das sie dabei eingeht, ist ihr bewusst. «Doch bin ich gemütlich fatalistisch», sagt sie. «Zudem werde ich eines Tages wohl eher von einem Müllwagen in den USA zu Tode gefahren werden, als irgendwo auf der Welt durch die Hand eines Terroristen streben.»

Dennoch: Manchmal ist ihr nach den oft Stunden dauernden Gesprächen mit Terroristen übel. Sie ist wütend, ja oft fassungslos über die Grausamkeiten, die sie zu hören bekommt, nicht selten auch über die mangelnde Einsicht oder die Empathielosigkeit ihres Gegenübers. Hartnäckig sucht sie nach dem verbliebenen Funken Menschlichkeit, aber auch nach der Ursache der Wut, die den Extremisten antreibt. Und sie stellt klar, dass Jihadisten nie Opfer sind, sondern immer Täter. «Denn niemand wird einfach so radikalisiert, keiner flirtet aus Gründen, die ausserhalb seiner Macht stehen, mit dem Terror. Sich einer terroristischen Gruppe anzuschliessen und ein Attentat zu verüben, sind klare, bewusst getroffene Entscheide, denen ebenso klar entgegengewirkt werden muss.»

Nun arbeitet sie mit Hochdruck daran, das Internet mit ihrer Gegenpropaganda zu fluten, mit der Absicht, Terrorsympathisanten zu desillusionieren. Welchen Effekt sie tatsächlich damit haben wird, muss sich weisen. Doch ist Anne Speckhards Offensive ein konkreter Ansatz in der Diskussion darüber, wie dem Terror beizukommen ist; eine Diskussion, die derzeit vor allem durch eines gekennzeichnet ist: Ratlosigkeit.

 

Anne Speckhards Videoprojekt

Für das «ISIS-Defectors-Project» (ISIS-Abtrünnigen-Projekt) führten die US-Psychologin Anne Speckhard und der türkische Antiterror-Experte Ahmet Yayla Interviews mit syrischen IS-Kämpfern, die in der Türkei untergetaucht sind, mit Kämpfern, die nach Europa zurückkehrten, sowie mit Eltern, deren Kinder sich dem IS angeschlossen haben. Die Kämpfer werden gefragt, was sie am IS fasziniert hat und weshalb sie die Terrormiliz verlassen haben. Es gibt 32 Testimonials auf Video, die derzeit zusammengeschnitten und in 21 Sprachen übersetzt werden, auch auf Deutsch. Sie tragen subversive Titel wie «Eine Sexsklavin als Geschenk für dich von Abu Bakr al-Baghdadi» oder «Die glorreichen Jungen des Kalifats». Das soll IS-Anhänger ködern, die Filme zu sehen, um durch das, was sie sehen, desillusioniert zu werden. Ziel ist, das Videomaterial auch für den Schulunterricht aufzubereiten.

 

 

Eine Dokumentation des Projekts ist nachzulesen im Buch «ISIS Defectors. Inside Stories of the Terrorist Caliphate».

Infos: annespeckhard.com

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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