Lustvoller Monat

Bad Vibrations

Text: Sven Broder; Foto: iStock, RapidEye

Sexspielzeuge für Frauen werden heute beworben und verkauft, als wären sie die natürlichste Sache der Welt. Dabei können sie mittlerweile Dinge, die kein Mann kann – schon rein biologisch nicht, zum Beispiel Ultraschall. Ist das sexistisch?, fragt sich Reportagenleiter Sven Broder.

Bei annabelle sind nicht Schneeglöckchen die ersten Frühlingsboten, sondern Sexspielzeuge. Sie erreichen die Redaktion, kaum werden die Tage länger, per Mail und Pressemitteilung als imaginär stimulierendes Amuse-bouche oder physisch und gebrauchsfertig verpackt in unauffälligen Kartonboxen. Schon erstaunlich, wie unverblümt die Erotikbranche meine Kolleginnen jedes Jahr mit den neuesten Errungenschaften aus den Sextoy- Entwicklungsabteilungen bezirzt. Und wie unvoreingenommen die darauf reagieren – selbst diejenigen, die für gewöhnlich mit einem äusserst empfindlichen Sexismus-Frühwarnsystem ausgestattet sind, sammeln sich im Büro in konspirativen Kleingruppen und schnalzen und kichern, während sie sich zu Simulationszwecken die Vorführmodelle gegenseitig an die Ohrläppchen halten.

Dabei haben diese Silikon-ummantelten Zauberstäbe – zumindest von männlicher Warte aus betrachtet – ihre Unschuld längst verloren. Von Spielzeug kann keine Rede mehr sein. Da wird Frau das erste lautlose Sextoy mit Raumfahrttechnik versprochen, die berührungslose (!) Stimulation, sieben Orgasmen in 30 Minuten – und was unsereins, nicht ausgestattet mit Akkubetrieb und 8-Stufen-Rotationswünschelrute, ja zwangsläufig als Auslaufmodell erscheinen lassen muss: Vielfach halten diese Liebesdiener sogar, was sie versprechen. Hört Mann. Der Womanizer zum Beispiel, dieser «revolutionäre Frauenheld der Extraklasse», soll Frau in Sekunden «an die Grenze des totalen Kontrollverlusts» bringen. Das sagt nicht nur die Werbung, sondern auch die Ex-Frau meines besten Freunds. Und der ist alles andere als bescheiden bestückt – und ja, liebe Damen, auch in Sachen Technik und Anatomie-Kenntnis. Aber klar: Ultraschall kann auch er nicht.

Ich frage mich oft, wie wohl so ein Maneater, das Äquivalent zum Womanizer, aussehen würde? Und was dieser Männerfresser alles können täte. Und ob er dann auch beim Discounter neben den Zahnbürsten und Deodorants feilgeboten würde unter dem läppischen Motto «Unser Liebling des Monats», so, wie der Massagestab für Frau Meier? Gäbe es einen #Aufschrei, wenn diese «Höhle des Wahnsinns» ganz unverhohlen als Frauenersatz angepriesen würde, weil sie kann, zu was Frau rein physiologisch schlicht nicht imstande ist, nie, auch nach jahrelangem Training nicht, zum Beispiel mit dem Halszäpfchen Rotationsbewegungen vollführen? Nun, meines Wissens hat es noch kein einziges Lovetoy für Männer auch nur in die Auslagen eines Grossverteilers geschafft, nicht einmal in die Taschenlampenabteilung, wo sie, schaut man sich diese abturnenden Latex-Masturbatoren einmal genauer an, im Grunde auch hingehörten.

Bin ich einfach nur eifersüchtig? Vielleicht. Auch. Aber eigentlich bin ich doch ganz froh darüber, dass mir als Mann im Bereich der Liebe-an-und-für-sich die technologische sexuelle Revolution schlimmstenfalls erst noch bevorsteht. Die gute alte Handarbeit verspricht zwar keine dieser propagierten ultimativen Super-Orgasmen, aber, hey!, dafür ist ja dann doch Frau da. Und ich. Also wir. Zwei Menschen.

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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