Burka-Verbot

Diese Frauen äussern sich zur Verhüllungsdebatte

Text: Miriam Suter

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Die Feministin: Hanna Yusuf

Für die britische Journalistin ist ein Kopftuch ein Zeichen von Empowerment, erklärt sie in einem Video für die britische Tageszeitung The Guardian. Und sie stellt die Frage, warum ein simples Kleidungsstück Ausdruck von Unterdrückung sein soll.

Die Ex-Hidschab-Trägerin: Emel Zeynelabidinneu

Im Interview mit annabelle äusserte sich die Islam- und Erziehungswissenschafterin kritisch: «Burka und Niqab sind Ausdruck eines pervertierten Patriarchats». Zeynelabidinneu legte die Hidschab selbst nach 33 Jahren Tragen ab.

Die Aktivistin: Huda Jawad

In einem Interview mit der NZZ kritisiert die Britin: «Es ist frustrierend, dass muslimische Frauen immer als Opfer dargestellt werden, die gerettet werden müssen.»

Die Burkini-Erfinderin: Aheda Zanetti

Die libanesische Designerin führt einen Onlineshop für das traditionelle Badegewand und schreibt in einem Artikel für The Guardian, dass sie den Burkini designt hat, um Frauen Freiheit zu schenken – nicht, um sie ihnen zu nehmen.

Was sagen Frauen, die sich selber verhüllen oder den Schleier abgelegt haben, zur aktuellen Debatte über das Verhüllungsverbot?

Laut einer aktuellen Umfrage wollen 71 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Vollverschleierung verbieten, auf Twitter wurde #burkaverbot bereits über 600 Mal verwendet und das Stichwort «Verhüllungsverbot» erzielt bei Google über 32'100 Ergebnisse.

Die Diskussion darüber, ob sich Frauen verhüllen dürfen oder nicht, ist in vollem Gang und auch betroffene Frauen selber melden sich zu Wort: Die Statements reichen dabei von Kritik am westlichen Feminismus bis zum Aufruf an islamische Männer, sich gegen die Verhüllung der Frauen einzusetzen.

Eine der Frauen, die ihre Stimme erheben, ist Aheda Zanetti. Sie hat 2004 den umstrittenen Burkini erfunden. Die Muslima lebt in Australien und die Idee für den Burkini hatte sie, nachdem ihre Nichte in Trainerhosen und engem Pullover an einem Netzball-Turnier teilnehmen musste.

In ganz Australien gab es damals keine Sportkleidung für Musliminnen, dem schuf Zanetti Abhilfe. Eine Burka für den Strand sei ein Burkini aber nicht, schreibt sie in einem Artikel für die britische Tageszeitung The Guardian.

Verhüllung als Befreiungsschlag

Der Namen Burkini sei spontan entstanden: «Die Burka kommt in keinen islamischen Schriften vor, also musste ich das Wort nachschauen. Die Burka wurde beschrieben als eine Art Overall für den Körper. Ein Bikini ist das Gegenteil davon – also habe ich die beiden kombiniert.» Als sie zum ersten Mal einen Burkini zum Schwimmen trug, habe sie sich frei und selbstbewusst gefühlt, schreibt Zanetti.

Dass die Verhüllung auch ein Befreiungsschlag für muslimische Frauen sein kann, diese Ansicht vertritt auch die britische Journalistin Hanna Yousuf. Sie trägt selber einen Hidschab. In einem Video für The Guardian erklärt Yusuf, dass sie es als ermächtigend empfindet, einen Teil ihres Körpers zu verhüllen – «in einer Welt, die Frauen auf ihre sexuellen Reize reduziert».

Hidschab als Systemkritik

Die Gesellschaft schreibe Frauen vor, wie sie auszusehen und sich zu zeigen haben, kritisiert Yusuf. Sie werden so zur idealen Konsumentin, zum Shopaholic. Ihren Hidschab sieht Yusuf deshalb als direkte Ablehnung dieses Systems, als feministisches Statement und Kapitalismuskritik.

Emel Zeynelabidin ist anderer Meinung. Die 55-Jährige kam als Baby aus Istanbul nach Deutschland, trug 33 Jahre lang Hidschab und legte das Kopftuch mit 44 Jahren ab. Das führte zum Eklat in der Familie, ihre Mutter und Tochter wandten sich anfangs von ihr ab.

Aufklärung statt Verbot

Im annabelle-Interview erklärt Zeynelabidin, dass ihrer Meinung nach die meisten Mädchen in der Schweiz zum Kopftuch gezwungen werden.

Ein Kopftuchverbot lehnt sie aber ab – sie plädiert für Aufklärung und Proteste seitens der muslimischen Gemeinschaft, insbesondere der Männer: «Ein muslimischer Mann müsste sich doch für das Kopftuch schämen, weil es suggeriert, dass er seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Warum protestiert er nicht dagegen?»

Solidarität statt Bevormundung

Für Huda Jawad hingegen setzt die Verhüllungs-Debatte am falschen Punkt an. Die Britin wurde in Bagdag geboren, arbeitet bei der NGO «Standing Together Against Domestic Violence», die sich für Opfer häuslicher Gewalt einsetzt, und schreibt regelmässig für englische Medien.

In einem Interview mit der NZZ gab die 39-Jährige an, dass sie vor allem von westlichen Feministinnen enttäuscht sei. Es sei nicht solidarisch, muslimischen Frauen einzubläuen, sie seien unfähig, selbst zu entscheiden, ob sie sich verhüllen wollen. Muslimische Frauen müssten nicht gerettet werden. Sie wünsche sich von westlichen Feministinnen «dass sie sich gemeinsam mit uns gegen die inakzeptable Einschränkung der Freiheit bei der Kleiderwahl einsetzen. Das wäre Solidarität.»

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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