Editorial von Silvia Binggeli

Ein Thema, das keines sein sollte

Text: Silvia Binggeli; Foto: Flavio Leone

annabelle-Chefredaktorin Silvia Binggeli über die Herausforderungen lesbischer Frauen im Alltag und weshalb sie einem Dossier zur Frauenliebe anfangs kritisch gegenüberstand. 

Ein Dossier über den Alltag von lesbischen Frauen in der Schweiz? Den Vorschlag meiner Kolleginnen Kerstin Hasse, Stephanie Hess und Miriam Suter musste ich überdenken. Meine erste Reaktion: Ist das nicht diskriminierend?

Vielleicht reagiere ich wegen meiner eigenen Geschichte skeptisch, wenn es darum geht, eine Minderheit zu beleuchten. Sicher, im Rampenlicht kann man seine Stimme erheben. Aber zu einem Thema, das keines mehr sein sollte?

In einer idealen aufgeklärten Welt sollte es nicht nötig sein, über den Alltag von Frauen, die Frauen lieben, zu berichten, nur um zu erfahren, dass sie in Wahrheit mit sich, in Beziehungen, im Job, im Leben dieselben Hochs und Tiefs durchleben wie Heterosexuelle.

In einer idealen Welt sollten lesbische Frauen nicht bloss als Quote in Medien, Werbung und Film vorkommen, sie sollten sich nicht erklären müssen. Doch das müssen sie. Einerseits ist derzeit ein fliessender Übergang zwischen den Geschlechtern hip. Nicht nur in der Mode. Insbesondere junge Frauen tun es prominenten Vorbildern gleich und kokettieren auf Social Media damit, sich gleichermassen für das eigene wie das andere Geschlecht zu interessieren. Doch hip hilft wenig, wenn verbale und körperliche Gewalt gegenüber Lesben und Schwulen zunimmt – auch bei uns, wie die Recherche meiner Kolleginnen zeigt.

Autorin Simone Meier, seit Jahren mit einer Frau in einer Beziehung, die sich anfühlt «wie lange glückliche Sommerferien», schreibt in dieser Ausgabe, wie lesbische Frauen in den letzten 20 Jahren so schnell einen so langen Weg gegangen sind und wie sie diesen erlebt hat. Tamy Glauser, ein Teil des lesbischen Vorzeigepaars Tamynique, erzählt, warum sie und ihre Freundin Dominique Rinderknecht selbst vor öffentlichen Fotos beim gemeinsamen Badespass nicht zurückschrecken, um in der Gesellschaft ein breites Umdenken zu bewirken. Zu Recht?

Stoff für eine Geschichte bietet nicht der Alltag von lesbischen Frauen, dafür unterscheidet er sich tatsächlich zu wenig von dem anderer. Stoff für Auseinandersetzung mit dem Thema sind Vorurteile und Hürden, die andere ihnen immer noch täglich in den Weg stellen. Über diese müssen wir sprechen. Damit der Vorschlag zu einem Dossier über Lesben in der Schweiz bald getrost vom Tisch gefegt werden kann, weil sich dafür dann wirklich niemand mehr zu interessieren braucht.

Mehr dazu finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe 15/17.

Silvia Binggeli,
Chefredaktorin
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