Begegnung

Eine Begegnung mit Reeto von Gunten

Text: Michèle Roten; Fotos: Ornella Cacace

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«Nur ein paar Kilometer zur Stadt raus, und dann findet man mich total arrogant»: Reeto von Gunten mit Labradoodle Olav

Reeto von Gunten findet die tollen Menschen und nimmt sie in
seinen Kreis auf: Model Tamy Glauser (links) stiess dazu, um zu bleiben

Familienvater statt James-Dean-Nachfolger: Reeto von Gunten
in den Achtzigern als Schauspielschüler in New York

Der Mann erzählt Geschichten: Im Radio oder wie derzeit auf der Bühne. Für sein neues Soloprogramm wollte er Ryan Gosling verpflichten, macht es jetzt aber doch selber.

Während der ersten paar Minuten der Zürcher Premiere hat Reeto von Gunten eine Chrott im Hals, er räuspert sich zwei-, dreimal. Das ist nicht schlimm, für ihn aber schon, denn es ist nicht irgendeine Chrott, sondern «ein Stimmdings», das er bekommt, wenn er nervös ist. Schon lange nicht mehr passiert, aber natürlich genau bei der Premiere in Zürich. Die sei immer die schlimmste.

Von wegen Heimspiele sind die einfacheren: «Ich sitze da und sehe so viele Menschen, die ich kenne, und dann denke ich bei der daran, was wir letztes Mal im Café besprochen haben, und dann sitzt dort jener, aber der mag mich doch gar nicht, was macht denn der hier, ach so, der ist jetzt mit der zusammen, und dann gehts bei mir schon ab. Ich bin da es rächts ADHS-li», sagt Reeto von Gunten am Tag nach der Premiere, und er sagt das, wie es nur Reeto von Gunten sagen kann, mit seiner sonoren, ruhigen Stimme und dem kuscheligen Berner Dialekt, und das alles ist so dermassen das Gegenteil von nervös.

So, etz mach emal luschtig

«Und dann ist es ja auch so, dass es in der ersten Reihe immer einen Mann hat, der mit ausgestreckten Beinen und verschränkten Armen dasitzt, so à la: So, etz mach emal luschtig. Und das macht mich dermassen schiissig manchmal, das kann mich echt kippen.»

Im neuen Programm «Rear Window 2.0» hat Reeto von Gunten sehr viel Zeit, das Publikum zu beobachten, denn ein grosser Teil, mindestens die Hälfte davon ist Film, ein Film mit Reeto von Gunten in der Hauptrolle, der hinter Reeto von Gunten auf der Bühne läuft. Reeto von Gunten beobachtet also das Publikum dabei, wie es Reeto von Gunten beobachtet. Das ist ganz schön viel Reeto von Gunten, findet auch Reeto von Gunten, eigentlich war Ryan Gosling angedacht für den Filmpart, oder Anatole Taubman,«aber der hat genau gleich geantwortet, wie ich es tue, wenn ich etwas auf keinen Fall machen will: mit einer eindeutigen Summe.»

Rear Window 2.0

In «Rear Window 2.0» geht es um einen Mann, der so gefangen ist in seinem kabellosen Netz, dass er sich nicht mehr aus der Wohnung traut. Er lebt ein Leben auf der Metaebene des Likens, Postens und Befriendens, ein Metaleben eigentlich, asozial, aber total social. Die richtige Welt um ihn herum beobachtet er durch das Fenster seines iPad oder die Fenster seiner Wohnung, gern auch mit Feldstecher, und der Effekt ist der Gleiche: Die Informationen sind zu unvollständig, um eine Geschichte zu ergeben, und so verbringt der Mann viel Zeit mit Mutmassungen darüber, was die Menschen in seinem Leben – beziehungsweise ausserhalb seiner Wohnung – wohl so umtreibt.

Fürs Nachdenken über sich selber ist man ja inzwischen zu selbstreflektiv, die ständige virtuelle Spiegelung blendet nur noch, und zu sehen gibts eigentlich eh schon lange nichts mehr. Zum Glück ist da aber auch noch der allwissende Erzähler dieser Geschichte und Geschichtchen, es ist der reale Reeto von Gunten auf der Bühne, der während dieser Filmeinspielungen einfach nur dasitzt und ins Publikum schaut, obwohl auf seinem Tischchen – eigens für ihn designt – das iPad, das iPhone, der Feldstecher und der Kaktus bereitstehen; vier Möglichkeiten zum Eskapismus also, zur Flucht vor der realen Welt, die von Gunten ungenutzt lässt, um sich der Tortur der Publikumsbetrachtung zu unterziehen.

Einer von uns

Krisis und Katharsis auf beiden Ebenen: Der Mann kommt am Schluss frei, und die Chrott ist nach zehn Minuten weg. Jedenfalls hat Reeto von Gunten erstaunlich viele Selbstzweifel für einen Mann, dessen gesamtes Programm nur aus seiner Person besteht, und deshalb macht er die allererste Premiere eines neuen Bühnenstücks immer in Bern, das eigentliche Heimspiel, der Testlauf, weil er dort nicht so Schiss hat, weil die Berner viel verzeihen, ihm zumindest, denn er ist ja «einer von uns», aufgewachsen in Steffisburg BE.

In Basel hingegen hatte Reeto von Gunten als Solokünstler Anlaufschwierigkeiten, niemand kam an die Lesungen, keiner an seine Dia-Abende, bis ihm sein Schwiegervater riet, mal in einem Interview fallen zu lassen, dass er mit einer Baslerin verheiratet ist, weswegen er jetzt für die Basler auch «einer von uns» ist (und dass er der «Basler Zeitung» ein Interview verweigert hat, mag auch geholfen haben). Und «einer von uns» ist er in Züri ja sowieso, aber Züri, wo er mit seiner Familie seit Jahren lebt, eben, die Zürcher sind verkopft und anspruchsvoll, und dann noch sein punktuelles ADHS, Züri macht ihm Schiss. Aber es ging ja gut, und jetzt, ein paar Stunden später, sitzen wir im «Volkshaus» in Zürich, der Bart sieht wie immer so aus, wie wenn von Gunten Teer geläppelt hätte, der Hund schläft unter dem Tisch und – … Moment, wie war das?

Eine rechthaberische blöde Sau

«Da im Publikum sitzt einer, der mich nicht mag?» Gibt es wirklich Menschen, die Reeto von Gunten nicht mögen? Das ist unvorstellbar. Dieser Mann, der Mensch gewordene Duft von frisch gebackenem Brot? «Wann warst du das letzte Mal aus der Stadt raus? Das sind im Fall nur ein paar Kilometer, und dann findet man mich total arrogant und rechthaberisch. Und es stimmt schon, wenn ich mich selber im Radio höre, finde ich mich auch eine rechthaberische blöde Sau. Halt der Lehrer, alles muss noch eine Message drin haben. Das bringsch fasch nümme wäg.»

Denn Lehrer ist er eigentlich, Primarlehrer, nein, Moment, noch etwas weiter zurückgespult: in Steffisburg aufgewachsen, vielversprechendes Querflötentalent («Wegen einem Stück von Hubert Laws, Harfe und Querflöte, als ich mir ein Instrument aussuchen sollte, sagte ich: Harfe!, und mein Vater: Yeah, right! – und tippte sich an die Schläfe, also wars dann die Flöte»), Ballett getanzt (die Martha-Graham-Schule), dann Lehrersemi, dann Schauspielschule in New York (den Traum abgehakt, als ihm sein Agent sagte, er könne jetzt zurück in die Schweiz, denn «wenn sie je einen brauchen, der Tom Cruises hässlichen Bruder mit Schweizer Akzent spielt, dann finden sie dich eh»), dann als Lehrer gearbeitet, um die Schulden abzuzahlen. Fünf Jahre, «etwas vom Coolsten, was ich je gemacht hab, aber mit sehr viel Abstand das Anstrengendste, was ich je gemacht habe».

Bei SRF 3

Als seine erste Klasse in die Oberstufe wechselte, realisierte er, dass es mit der nächsten wieder von vorn losgeht, und hörte auf. Dann hat ihm der Chef seines Stammplattenladens einen Job am Gurtenfestival zugeschanzt, dort hat er irgendwann Bands angesagt, und so kam die Stimme ins Radio, der Rest ist Sonntagmorgen. Seit zehn Jahren steht von Gunten um vier Uhr auf an diesem heiligen Tag und moderiert von sieben bis elf bei SRF 3. Was die Sendung so erfolgreich macht, ist alles, was sonst so furchtbar fehlt am Radio: Da erzählt einer ganz unaufgeregt, manchmal ist es wirklich lustig, manchmal sehr persönlich, manchmal nachdenklich stimmend, es läuft gute Musik und oft sogar solche, die man noch nie gehört hat.

Dann kommt «Philipp Maloney», und nach «Philipp Maloney», wie wenn es ein Witz wäre, das Antiprogramm zu «Sonntagsmusik»: die Hitparade, das endgültige Verdikt zum Konzept der Schwarmintelligenz. Zu dem Zeitpunkt ist von Gunten wieder zuhause bei seiner Familie – Sonntag mit Ausschlafen, langem Zmorge, Wandern, Schlittschuhlaufen, Besuche ist bei ihnen halt am Samstag. Zwei Kinder, neun und elf Jahre alt, hat der 50-Jährige mit seiner Frau Anna, und von Gunten strahlt diese Gelassenheit aus, die nur von privatem Glück kommen kann. Das Geheimnis? «Erstens ist meine Frau einfach sehr viel gescheiter als ich», sagt er, und zweitens hat diese gescheite Frau von der Geburt des ersten Kindes an verfügt, dass das Paar einen Abend pro Woche als Paar, allein, verbringt.

Er sammelt das Lässige

Ein paar Leute gehen also in die Kirche am Sonntagmorgen, um Kraft zu schöpfen, und andere hören SRF 3. Wie ein Pfarrer geleitet auch von Gunten seine Gemeinde durch die Wirrungen der modernen Welt und sagt ihnen, was gut ist. Das ist eigentlich der rote Faden bei allem, was er tut: Er sammelt das Lässige. Sei es Musik, durch die man schon nach einem Sonntagmorgen ein Gefühl für von Guntens Geschmack bekommt, aber trotzdem immer wieder überrascht wird. Oder Sätze, die zum Beispiel im Film von «Rear Window 2.0» überall auf A4-Papier geschrieben an den Wänden hängen («If you stand for nothing, you will fall for anything», «Für aues, wo isch gsii – danke. Für aues, wo no chunnt – ja gärn») – und man weiss einfach, dass das keine künstliche Kulisse ist, sondern eine sehr natürliche, Reetos richtige Welt, so sieht sie aus.

Reeto von Gunten hat auch noch eine Schrift, für die Leute Geld bezahlen, und ein Auge für grafisches Gestalten («Dafür spiele ich Fussball wie eine Katze; mein Vater ist Grafiker, und ich musste Schönschrift üben, während die anderen Fussball spielten»). Und neben den Sätzen hängen Bilder, kopierte und aus Heftli gerissene Fotografien und Zeichnungen, alles solche, wo man etwas genauer hinschauen muss, möchte. Oder von Guntens «Removable»-Serie, einsehbar auf www.reetovongunten.com: Fotos von Dingen, die er auf Klebeband geschrieben und an strategischen Orten platziert hat (zum Beispiel «Hunde» über dem Strassenpfahl neben dem öffentlichen WC, das mit «Männer» angeschrieben ist).

Ich schaue fern wie andere Leute ins Cheminée

Ganz sicher ist auch sein Handy voll mit Fotos von Subversivem, Ironischem, wahrscheinlich auch Sachen, an denen man schon tausendmal vorbeigegangen ist, ohne ihren Witz zu sehen. Ist es nicht furchtbar anstrengend, so durch die Welt zu laufen? Immer und überall empfänglich für das Nichtoffensichtliche? Wie hat man denn da mal Ruhe? Von Gunten sieht fern. «Ich schaue fern wie andere Leute ins Cheminée. Wenn ich vor dem Fernseher sitze, dann sehe ich nichts, in meinem Kopf ist absolute Leere. Ich glaube, näher als beim Fernsehen komme ich nicht an einen meditativen Zustand heran.»

Von Gunten sammelt auch Menschen, behaupte ich, was er zurückweist, weil es despektierlich klinge, aber ich meine das im liebevollsten aller Sinne: Von Gunten findet die tollen Menschen und nimmt sie in seinen Kreis auf, so war es beim grossartigen Solothurner Rapper Manillio, ohne den seit fünf Jahren kein Programm von Guntens mehr auskommt («Er ist mein Vorbild»), und auch das Berner Model Tamy Glauser stiess dazu, um zu bleiben, und das ist doch genau das Prinzip von Freundschaft. Und letztlich sammelt von Gunten vor allem eins: Geschichten. Es sind gute Geschichten, kleine, grosse, lustige, traurige, wahre und erfundene. Und Geschichten sind halt einfach toll. Das weiss ja jedes Kind.

— «Rear Window 2.0» – Lesung mit Film. Und George Clooney in einer Nebenrolle. Alle Tourdaten auf www.reetovongunten.com

Neugier und ein sicheres Gespür für den richtigen Moment machen aus Ornella Cacace die Fotografin, die wir so gern für uns losschicken. Sie fängt ein, was wir übersehen würden, und begegnet ihren Sujets mit einer unwiderstehlichen, unbeschwerten Offenheit. Für diese Ausgabe hat sie Reeto von Gunten mit seinem Hund Olav porträtiert. Und gut getroffen. www.ornellacacace.ch

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