Editorial von Silvia Binggeli

Familienbande

Text: Silvia Binggeli; Foto: Flavio Leone

annabelle-Chefredaktorin Silvia Binggeli über die Familie, die uns prägt, und die uns trägt.

Ihr Brief klang fast schon schüchtern: Sie würden den 90sten des ältesten Bruders planen, schrieb uns Regula Kazemi. Sie und ihre elf Geschwister seien vor sechzig Jahren in annabelle porträtiert worden, als harmonische Grossfamilie, wie man sie in den Nachkriegsjahren, 1957, pries. Ob wir vielleicht bei der Feier dabei sein und die Geschwister nochmals porträtieren möchten? Alle lebten noch. Was für eine Frage! Natürlich! Was für eine Geschichte!

Meine Kolleginnen Kerstin Hasse und Viviane Stadelmann machten sich an einem regnerischen Sonntag auf zu Walters 90sten – sie fanden ein schönes Beisammensein vor, aber keine so harmonische Familiengeschichte, wie sie einst beschrieben worden war: Jubilar Walter erinnert sich, wie peinlich es ihm war, wenn am Waschtag draussen an der Leine die Stoffbinden aller acht Schwestern hingen.

Therese und Marie-Theres, die wieder im Elternhaus wohnen, beten täglich zusammen, wie sie es in der katholischen Kindheit gelernt haben. Ursula, für das Fest extra aus Afrika angereist, hatte unter der Frömmigkeit der Eltern gelitten, die ihren Mann aus Ghana lang nicht akzeptieren wollten.

Andere Zeiten, andere Sitten? Hier unter der heissen Sonne in Marrakesch beobachte ich, wie sich Familien aneinander reiben. Selten prallt familiäre Rohkraft so heftig aufeinander wie in den Ferien, wenn alle ihre Bedürfnisse auspacken: Der Sohn diskutiert mit dem Vater über die coolsten Sneakers. Die Mutter versucht beim Abendessen, die Mittlere vom Chatten abzuhalten und die Jüngste für fremdländisches Essen zu begeistern. Daneben jagen zwei Mädchen in süssen Sommerkleidchen jauchzend einer Katze hinterher – sie stoppen immer wieder am elterlichen Tisch, legen kurz den Kopf in Mamas oder Papas Schoss und wecken Erinnerungen an Momente totaler Geborgenheit. Egal ob harmonisch oder am Bröckeln, Familie prägt, und sie trägt. Letztlich kennt einen niemand so genau wie die Menschen, mit denen man gross geworden ist.

In schwierigen Lebenssituationen sei immer eins der Geschwister da gewesen, erzählt Marie-Theres am Familienfest in Zürich-Witikon.

Am Pool beobachte ich eine Teenagertochter, die partout nicht aus dem Wasser kommen will und den aufbrechenden Vater ankeift: «Lass mein Handy hier!» Als er um die Ecke verschwunden ist, steigt sie aus dem Nass und versucht erfolglos, ihn anzurufen. Fünf Minuten später schlurft er heran und zieht seiner Tochter theatralisch eins mit dem Badetuch über. Sie stösst ihn in den Pool, er drückt sie unter Wasser. Sie taucht auf und wettert: «Hör auf, sonst bring ich dich um.» Dann lachen beide.

Silvia Binggeli,
Chefredaktorin
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