Meine Meinung

Feierabend gilt auch für Emails!

Text: Miriam Suter; Foto: Pexels

In Frankreich dürfen Arbeitnehmer geschäftliche E-Mails ausserhalb der Arbeitszeit neuerdings ignorieren. Eine tolle Idee, findet Junior Online Editor Miriam Suter.

Als ich kürzlich die Schlagzeile «Frankreich verbietet dienstliche E-Mails ausserhalb der Arbeitszeiten» las, war meine Freude so gross, dass ich innerlich kurz die «Marseillaise» anstimmte. Le jour de gloire est arrivé! Die Arbeitsmarktreform sieht vor, dass Unternehmen mit mehr als fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genaue Abmachungen über die Verwendung von Smartphones für die Arbeit treffen. Ziel ist, dass die Angestellten nach Feierabend keine geschäftlichen Mails mehr checken. Der Grund: In Frankreich wird pro Woche 35 Stunden gearbeitet, und Gewerkschaften und die Regierung zeigten sich besorgt, dass die Bevölkerung durch die zunehmende Verschmelzung von Beruf und Privatleben aufgrund des technologischen Fortschritts Gefahr läuft, mehr zu arbeiten. Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: Die Regierung sorgt sich, dass die Menschen zu viel arbeiten. 

Ob das auch in der Schweiz funktionieren würde? In einem Land, in dem die Mehrheit der Stimmbeteiligten eine zusätzliche Ferienwoche im Jahr an der Urne abgelehnt hat? Nötig wäre es aber allemal. Wie oft sass ich nach Feierabend beim gemütlichen Apéro mit Freundinnen, die gedanklich immer noch im Büro weilten, weil sie sich auf dem WC nochmals kurz durch die Arbeitsmails scrollten. Ich habe mir das schon vor Jahren verboten und fühle mich sehr gut damit.

Mein Job macht einen Grossteil meines Lebens aus, und auch privat spielen Social Media, Youtube und Blogs eine grosse Rolle. Mein Laptop liegt zu meinem Bedauern öfter neben meinem Bett als ein spannendes Buch. Um morgens wach zu werden, checke ich Instagram und Facebook, bevor ich die Kaffeemaschine anwerfe. Ich habe das grosse Glück, beruflich das zu tun, was ich auch privat gern mache. Und hier liegt gleichzeitig die Krux: Die zeitliche Trennung von Beruf und Privatleben fällt auch mir teilweise schwer. Aber sie lohnt sich. Ich kenne zu viele Leute, die schon vor dreissig einem Burn-out nah sind – und kein Job der Welt ist es Wert, dass wir unsere Gesundheit dafür aufs Spiel setzen.

Ich hatte vor einigen Jahren ein Erlebnis, das für mich einen Warnschuss darstellte: Ich war in den Ferien, ein lang ersehnter Städtetrip nach Paris, und wartete vor meinem Lieblingsrestaurant auf einen freien Platz. Gleichzeitig checkte ich ständig meine Arbeitsmails, weil ein Text, den ich vor meiner Abreise abgegeben hatte, noch einer kleinen Änderung bedurfte. Die Internetverbindung war schlecht, mein Nervenkostüm dünn und der Zusammenbruch nicht weit. Schliesslich übernahm ein Arbeitskollege den letzten Schliff, ohne Probleme, Murren und böses Blut. Da merkte ich: Geht ja auch so! Daraufhin nahm ich mir vor, nur noch in absoluten Ausnahmesituationen nach Feierabend einen Blick auf meine Mails zu werfen. Keine ganz leichte Entscheidung in unserer Leistungsgesellschaft, in der die erste Frage auf Partys oft genug lautet: «Und was machst du so beruflich?»

Diese Einstellung muss man sich natürlich leisten können. Wäre ich etwa Reporterin in einem Krisengebiet, ginge das nicht. Aber dann hätte ich andere Probleme als die ständige Erreichbarkeit. Meine Entscheidung sorgt jedenfalls seither für mehr Ruhe im Kopf, für besseres Durchschlafen und vor allem für mehr Effizienz im Job – während der Stunden, in denen ich auch wirklich arbeite.  

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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