Reportage

Das Frauenwunderland

Text: Barbara Achermann; Fotos: Espen Eichhöfer

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Stark und selbstbewusst: Businessfrauen in Ruandas Hauptstadt Kigali

«Ich wusste nicht, wie ich weiterleben sollte»: Epiphanie Mukashyaka, Chefin von Bufcoffee

Die Politik ist weiblich: Blick in den ruandischen Parlamentssaal

«Die Jungs haben Angst, dass sie auf der Strecke bleiben»: Musikerin Teta Diana

«Wenn ein Mann im Haushalt hilft, heisst es, seine Frau habe ihn verhext»: Jenoresse Uwumuhoza, an der Hand ihre Tochter, rechts ihre Mutter

Jedes zweite KMU ist in Frauenhand. So auch das Modeunternehmen von Joselyne Umutoniwase. Sie steht selbst im neunten Schwangerschaftsmonat tätlich zwischen ratternden Nähmaschinen.

«Die Frauen sind der Motor von Ruandas Wirtschaft», sagt Alice Nkulikiyinka. Die Ökonomin hat lange in der Schweiz gearbeitet, bevor sie in ihre Heimat zurückgekehrt ist.

Jolly Rubagiza, Leiterin der Gender Studies an der University of Rwanda: «Die Unterdrückung der Frau kam mit den Kolonialherren, denn diese bevorzugten Knaben und Männer.»

Clarisse Iribagiza (27) ist CEO einer Softwarefirma: «Wir entwickeln Apps für Afrika.»

Die Hauptstadt Kigali ist sauber und sicher.

Es gibt sogar eine Fussgängerzone.

Im Parlamentsgebäude sieht man noch immer die Einschusslöcher aus den Kriegszeiten der 90er Jahre.

Viele Unternehmerinnen fangen ganz klein an: Coiffeusen am Strassenrand.

Ruanda liegt wie ein Bauchnabel inmitten des afrikanischen Kontinents. Reiseveranstalter nennen es «das Land der Tausend Hügel».

«Gorillas im Nebel» ist ebenfalls ein Slogan um das Land zu vermarkten. Die Touristen kommen hauptsächlich wegen der Menschenaffen.

Noch vor zwanzig Jahren durften Frauen in Ruanda nicht mal Grund und Boden besitzen. Heute hat das Land mehr Frauen im Parlament als jedes andere auf der Welt, und jedes zweite KMU ist in Frauenhand. Express-Emanzipation à l’africaine.

Dies ist eine Erfolgsgeschichte. Sie handelt von Ruandas Frauen, von ihrer rasanten Entwicklung, ihrer Befreiung. Doch so verheissungsvoll die Geschichte heute klingt, so grauenvoll ist ihr Anfang. Sie beginnt vor 22 Jahren mit dem afrikanischen Holocaust, dem Völkermord an den Tutsi. Epiphanie Mukashyaka, 57 Jahre alt, erinnert sich vor allem an den Geruch der Leichen. Man könne vieles vergessen, aber nicht diesen süsslichen Gestank, der über jeder Strasse, jedem Feldweg lag, den man selbst mit der besten Seife nicht aus den Kleidern waschen konnte und der einen noch Jahre später wieder einhole, wegen einer verwesenden Maus unter dem Sofa oder einem toten Vogel im Innenhof.

Das Morden dauerte hundert Tage. Nachbarn töteten Nachbarn, Lehrer ihre Schüler, Nonnen verbrannten Gläubige, Kinder erschlugen Kinder. Die Flüsse führten mehr Leichen als Schwemmholz. Gegen eine Million Menschen wurden umgebracht, Epiphanie Mukashyaka verlor ihren Mann, ein Kind und ihren Dorfladen. «Ich wusste nicht, wie ich weiterleben sollte. Tagelang lag ich auf dem Boden, weinte und weinte.» Heute ist sie eine gestandene Unternehmerin, bezieht von 4000 Kleinbauern Kaffee, wäscht und verarbeitet die Bohnen und verkauft sie ins Ausland. Bufcoffee heisst die Firma, deren alleinige Chefin sie ist.

Sie klettert einen rutschigen Pfad hinauf und bleibt auf einem Feld stehen. Von hier oben hat man einen Postkartenausblick auf das «Land der tausend Hügel», wie Ruanda von Reiseveranstaltern genannt wird. «Gorillas im Nebel» ist noch so ein Slogan, denn die Touristen kommen hauptsächlich wegen der Menschenaffen. Ruanda ist winzig und liegt wie ein Bauchnabel inmitten des afrikanischen Kontinents, nur halb so gross wie die Schweiz, aber mit eineinhalbmal so vielen Einwohnern. Die Kaffeeunternehmerin poliert die beschlagenen Gläser ihrer Schmetterlingsbrille. Sie bewundert nicht die Aussicht, sondern die Qualität der Kaffeepflanzen, untersucht die Früchte und lobt dann den Bauern, der ihr keuchend folgt: «Es hat sich ausgezahlt, dass du den Boden mit Kompost und Zweigen bedeckt hast.» Während sie spricht, reisst sie Unkraut aus. Es ist ihre Art, den Mann auch auf Versäumnisse hinzuweisen. Frauen in Ruanda kritisieren nicht direkt, sondern diskret, selbst wenn sie in der stärkeren Position sind.

Man wagt es kaum auszusprechen, aber der Genozid löste auch eine positive Entwicklung aus: die Emanzipation der Frauen. «Wir lernten, selbstständig zu handeln», sagt die Kaffeeunternehmerin. Sie war erzogen worden, um zu dienen, durfte nur sechs Jahre in die Schule gehen, heiratete mit 17, gebar acht Kinder und hatte keinerlei Rechte. «Als mein Mann noch lebte, durfte ich das Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. Wenn wir eine Strasse überquerten, hielt ich mich an seiner Hose fest.» Mit seinem Tod 1994 änderte sich alles, sie war jetzt Witwe. Weil Frauen damals weder erben noch Land besitzen durften, war sie auf einen Schlag vollkommen verarmt. «Ich dachte, wir würden alle verhungern.» Doch dann tat sie sich mit anderen Witwen zusammen und baute sich Schritt für Schritt ihr eigenes Unternehmen auf.

Die sogenannten Trümmerfrauen wurden im Nachkriegsdeutschland zum Symbol für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Auch in Ruanda bestellten die Frauen nach Kriegsende die Felder, reparierten Häuser, teilten die rund 100 000 Waisenkinder unter sich auf und machten politische Karriere. Viele Männer waren tot, eingesperrt oder ausser Landes geflohen. Schätzungen gehen davon aus, dass unmittelbar nach dem Konflikt siebzig Prozent der Bevölkerung weiblich waren. Deshalb war Emanzipation für viele Frauen geradezu überlebenswichtig. 2003, neun Jahre nach dem Völkermord, gab sich das Land eine neue Verfassung. Von nun an waren Frauen vor dem Gesetz vollkommen gleichberechtigt, was zu einem aussergewöhnlichen Wirtschaftswachstum beigetragen hat, von dem bis heute eine breite Bevölkerungsschicht profitiert. Zahlen der Weltbank belegen, dass sich Ruanda in den vergangenen 15 Jahren schneller entwickelt hat als jedes andere Land auf der Welt.

Die Post-Genozid-Generation will sich von der Vergangenheit nicht lähmen lassen

«Die Frauen sind der Motor von Ruandas Wirtschaft», sagt Alice Nkulikiyinka in perfektem Deutsch, während sie auf Zahnstocherabsätzen durch die Hauptstadt Kigali eilt. Zwar seien sie in den Top-Etagen von grossen Firmen ähnlich rar wie in der Schweiz, aber rund die Hälfte der kleinen und mittleren Unternehmen würden von Frauen geleitet. «Das Potenzial der Frauen lag über Generationen brach, jetzt wird es endlich genutzt.» Die 49-jährige Ökonomin machte in der Schweizer IT-Branche Karriere, bevor sie zurück in ihre Heimat zog. Heute arbeitet sie in Kigali für die Schweizer Stiftung Business Professionals Network, die Unternehmerinnen und Unternehmer mit Schulungen und Krediten unterstützt. In Ruanda könne man in nur einem Tag die eigene Firma registrieren lassen. Das sei kinderleicht, gratis und nicht zu vergleichen mit dem bürokratischen Aufwand, den man in der Schweiz betreiben müsse.

Sie hatte ein Treffen in der Fussgängerzone vorgeschlagen. Kigali ist vermutlich die einzige afrikanische Metropole mit einem verkehrsberuhigten Zentrum. Aber hier gibt es eben auch Strassenlaternen (die funktionieren), Lichtsignale (an die sich alle Verkehrsteilnehmer halten) und Helmpflicht für Motorradfahrer. Was es nicht gibt: Plastiksäcke. Die wurden vor ein paar Jahren von der Chefin der Umweltbehörde verboten. Auch deshalb ist die Innenstadt etwa so sauber wie der Bundesplatz in Bern. Alice Nkulikiyinka erklärt, dass sich die Menschen in Ruanda gemeinsam um den öffentlichen Raum kümmern. «Am letzten Samstag im Monat ist Umuganda, da wischt man zusammen mit den Nachbarn das Trottoir, bepflanzt ein Blumenbeet oder saniert eine Strasse.»

Nach der Arbeit bespricht man die Probleme im Quartier. «An diesen Treffen fällt mir auf, wie sensibel die Leute auf die Unterdrückung von Frauen reagieren. Wenn einer seine Tochter nicht in die Schule schickt oder seine Frau schlägt, wird er öffentlich zur Rede gestellt.» Gleichberechtigung sei heute ein gesellschaftlicher Konsens, so die Bilanz der Ökonomin.

Wenige hundert Meter von der Fussgängerzone entfernt steht der Kigali City Tower. Im Schatten des verspiegelten Hochhauses liegt das Bourbon Café, eine Art ruandischer Starbucks, wo die Mittelschicht Cappuccino trinkt und Schwarzwäldertorte isst. Dort treffen wir Teta Diana (23), eine der erfolgreichsten Musikerinnen des Landes und schlagfertig wie eine Woody-Allen-Figur. Wie geht es den jungen Frauen in Ruanda? «Excellent! So gut, dass die Jungs nachts nicht mehr schlafen. Sie haben Angst, dass sie auf der Strecke bleiben.» Ihr Smartphone klingelt, eine Anfrage für eine Hochzeit. «Das macht 600 Dollar für mich und die Band», sagt sie selbstbewusst. Teta Diana gehört zur Post-Genozid-Generation, sie möchte die Vergangenheit zwar nicht vergessen, aber sich davon auch nicht lähmen lassen. «Es gibt hier Tonnen von Möglichkeiten. Wenn du was im Kopf hast, wirst du Erfolg haben.»

Eine Aussage, die auch von Clarisse Iribagiza stammen könnte. Sie ist erst 27 Jahre alt, aber bereits eine von Ruandas Vorzeigefrauen: CEO einer aufstrebenden Softwarefirma namens Hehe Labs mit acht Festangestellten. In einer Neubauvilla am Stadtrand präsentiert sie ihren Businessplan. Es ist nicht ganz einfach, der jungen Frau mit den langen Zöpfchen zu folgen, sie spricht zwar akzentfreies Englisch, benutzt aber den Tech-Slang des Silicon Valley. Dann sagt sie etwas Allgemeinverständliches: «Uns interessiert es nicht, den Westen zu kopieren. Wir entwickeln Apps für Afrika.» Wie kriege ich möglichst schnell ein Motorradtaxi und wo eine volle Kochgaskartusche? Das sind Alltagsfragen in Ruanda, für welche das junge Start-up Antworten gefunden hat. Und weil man ihre Apps im Google- und iTunes-Store nur schwer finden konnte, haben sie Nuntu geschaffen, einen App-Store für Afrika, den bereits über eine Million Leute nutzen.

Wer in Ruanda aufgewachsen ist, dem wurde selten etwas geschenkt. Sängerin Teta Diana war ein Waisenkind, und Informatikerin Clarisse Iribagiza hatte während des Studiums ein zum Verzweifeln langsames Internet, das sie nur zu Randzeiten benutzen konnte: «Ich bin frühmorgens ins Internetcafé gegangen und habe mir Tutorials runtergeladen, die ich später zuhause anschaute.» Unterdessen hat Ruanda 2500 Kilometer Glasfaserkabel verlegen lassen. Zwar wollten die internationalen Geldgeber lieber die Ärmsten unterstützen, aber die Regierung beharrte auf ihrem Anliegen – und Clarisse Iribagiza hat profitiert. Ohne das schnelle Netz gäbe es ihre Firma nicht, und auch zahlreiche andere Unternehmen wären nie entstanden. Die Technologiebranche wächst rasant, bereits 64 Prozent der Ruander haben ein Handy.

Den erfolgreichen Frauen von Ruanda ist eines gemein: Sie pflegen ihr kulturelles Erbe. Was nicht heisst, dass sie reaktionär sind, im Gegenteil, sie kombinieren Neu und Alt. Das gilt für die Musik von Teta Diana, die Apps von Clarisse Iribagiza – und die Mode von Joselyne Umutoniwase. Sie entwirft und produziert Kleider aus traditionellen Stoffen mit neuen Schnitten. «Massgeschneidert», sagt sie, «wir haben etwas andere Ansprüche als ihr in Europa.» Ihr Label heisst Rwanda Clothing, die Kundinnen stammen mehrheitlich aus der wachsenden Mittelschicht. Obwohl die junge Unternehmerin im neunten Monat schwanger ist, steht sie noch jeden Tag zwischen den ratternden Nähmaschinen und prüft jedes einzelne Kleidungsstück, bevor es zur Kundin geht. Die 15 Angestellten kommen kaum nach mit der Produktion, es gibt bereits Wartelisten. Nach der Geburt will Joselyne Umutoniwase so rasch als möglich wieder arbeiten. Und das Baby? «Das nehme ich mit.»

Die Unternehmerinnen sind selbstbewusst, tragen Businessanzüge oder kurze Kleider – aber bestimmt keinen Tonkrug auf dem Kopf. Um das Bild der Frau im öffentlichen Raum entstand vor einigen Jahren eine Kontroverse. Wir erfahren davon, als wir an einer mächtigen Statue vorbeifahren. Unser Taxifahrer erklärt, die «Lady» habe früher ein grosses Gefäss auf dem Kopf und ein Kind auf der Hüfte getragen. «Unseren Parlamentarierinnen gefiel diese schleppende Mutter aber nicht.» Ein altbackenes Klischee, fanden sie und sorgten dafür, dass sie durch eine Frau mit erhobenem Kopf und einem Kind an der Hand ersetzt wurde. Es war ein eher symbolischer Akt, aber bei unserem Taxifahrer hat er einen bleibenden Eindruck hinterlassen: «Die Politikerinnen verändern etwas.»

«Leider mussten wir die Männer ein paar Jahre lang diskriminieren. Was war unschön, aber nötig.»

Der Frauenanteil im ruandischen Parlament ist weltweit am höchsten und beträgt 64 Prozent, auch die Parlamentspräsidentin ist eine Frau. Es sind keine Mannweiber, sondern Politikerinnen, die sich feminin kleiden und mit leisen Stimmen reden, sich aber – zumindest an diesem Morgen – deutlich häufiger zu Wort melden als die Männer. Das Plenum diskutiert einen Bericht über die Vergabe von Krediten. «Für Frauen ist es noch immer schwieriger, einen Kredit zu bekommen, als für Männer. Wie könnten wir das ändern?», fragt eine ältere Dame mit mangogelbem Blazer.

Die Parlamentarierinnen haben einiges bewirken können, doch man darf ihren Einfluss nicht überschätzen. Die Leitplanken legt ein Mann, Präsident Paul Kagame, bei ihm konzentriert sich die Macht. Der sehnige Machthaber mit dem schmalen Gesicht duldet kaum Kritik. Eben erst wurde Kagame von den USA und der EU gerügt, weil er die Verfassung ändern liess, damit er für eine dritte Amtszeit antreten kann. Amnesty International und Human Rights Watch berichten, die Meinungsfreiheit sei stark eingeschränkt, politische Gegner würden verfolgt und teils ohne angemessene Gerichtsverfahren inhaftiert. Beide Organisationen dokumentieren ungelöste Fälle von Morden an politischen Gegnern und regierungskritischen Journalisten.

Im Volk ist der Rückhalt für Kagame dennoch gross: Fast alle Leute, mit denen wir reden, stehen hinter ihrem Präsidenten. Ohne seine klare Linie und seine feste Hand, so sagen sie, hätte sich das Land niemals so rasch entwickelt. Es ist ein Handel, den viele bewusst eingehen: wirtschaftliche Entwicklung gegen politische Freiheit. Eine Ruanderin erzählt uns aber, sie habe auch schon erwogen, das Land zu verlassen – und sich dann doch entschieden zu bleiben. «Noch überwiegt für mich das Positive», so ihr Fazit. Ruandas Korruptionsindex ist kleiner als in manchen europäischen Ländern, alle Einwohner haben eine Krankenversicherung, die meisten Arbeitnehmer eine Pensionskasse, es gibt einen staatlich geregelten Mutterschaftsurlaub, und die Schule ist obligatorisch. In Ruanda gehen die Menschen heute doppelt so lang zur Schule wie noch vor zwei Jahrzehnten und leben beinahe doppelt so lang. Die eindrücklichsten Erfolge verzeichnet das Land denn auch im Gesundheitsbereich, die Grafiken der Weltbank gleichen Rutschbahnen: Die Müttersterblichkeit hat sich halbiert, die Kindersterblichkeit sank gar von 23 auf 4 Prozent.

Die steilen Kurven sind unter anderem Agnes Binagwaho zu verdanken. Sie ist Gesundheitsministerin und gehört zu den mächtigsten und – so sagt man uns – fähigsten Leuten des Landes. In ihrem Büro hängen Fotos von ihr mit Clinton, Bush, aber auch von ihren Kindern. Sie wirkt magistral wie Angela Merkel. Frau Ministerin, weshalb hat sich das Land so schnell entwickelt? «Weil wir eine glasklare Vision hatten», antwortet sie. 2000 setzte sich die Regierung für die kommenden zwei Jahrzehnte höchst ambitionierte Ziele, die «Vision 2020». Sie beinhaltet die Schaffung einer breiten Mittelschicht und den Wandel vom Agrarland zu einer Dienstleistungsgesellschaft. «Eine der Massnahmen ist die absolute Gleichberechtigung von Mann und Frau.»

Der Feminismus in Ruanda kommt also einerseits von ganz unten, von Witwen wie Epiphanie Mukashyaka, die sich zusammengetan haben, um zu überleben. Andererseits von ganz oben, von der Regierungspartei, der Ruandischen Patriotischen Front. Diese verfolgt die Gleichberechtigung ebenso radikal wie den Abbau der Bürokratie. «Leider mussten wir die Männer ein paar Jahre lang diskriminieren», erklärt Ministerin Binagwaho. Man habe Frauen bevorzugt, auch wenn sie teilweise weniger qualifiziert waren. «Das war unschön, aber nötig.» Ruanda führte in Regierung und Verwaltung eine Geschlechterquote von dreissig Prozent ein, die mittlerweile überflüssig geworden ist.

Im «Global Gender Gap Report», der die unterschiedliche Vertretung der Geschlechter misst, liegt Ruanda auf Platz 6 und schneidet besser ab als die Schweiz auf Platz 8. Trotz der enormen Fortschritte muss man diese Rangliste des World Economic Forum kritisch hinterfragen. Denn Frauen stellen zwar die Mehrheit im Parlament, besetzen die Hälfte der Richter- und knapp die Hälfte der Minister- und Provinzgouverneursposten, aber es gibt auch einen Graben zwischen den Geschlechtern, der sich nicht in der Statistik niederschlägt. «Die alten Rollenbilder kriegt man nicht von heute auf morgen aus den Köpfen», sagt Jolly Rubagiza, Leiterin der Gender Studies an der University of Rwanda. Sie spaziert über den gepflegten Campus, vorbei an englischem Rasen und exotischen Blumen. Die Diskriminierung der Frau, so Rubagiza, sei nicht in den Stammeskulturen verwurzelt, dort habe es zwar klare Aufgabenteilungen gegeben, aber kein Gefälle zwischen Mann und Frau. «Die Unterdrückung der Frau kam mit den Kolonialherren, denn diese bevorzugten Knaben und Männer, unterrichteten sie und bezahlten sie für ihre Arbeit.» Vor allem in ländlichen Gebieten sei diese Haltung noch immer spürbar: «Während die Söhne Hausaufgaben machen dürfen, müssen die Töchter putzen und kochen. Wenn die Mädchen ihre Tage haben, bleiben viele daheim, da sie sich keine Binden leisten können.» Man habe vieles erreicht, aber es gebe weiterhin einiges zu tun.

Jenoresse Uwumuhoza bittet uns in ihre Hütte, setzt sich neben ihre Mutter aufs Bett und nimmt ihre vierjährige Tochter auf die Knie. An der Wand hängen vergilbte Zeitungsausschnitte und Ketten aus Styropor, die das Zimmer dekorieren sollen. Wir befinden uns in Ngororero, einem der ärmsten Bezirke des Landes, drei Fahrstunden westlich von Kigali. Die beiden Frauen und das kleine Mädchen gehören zu den sechzig Prozent, die in Ruanda von weniger als zwei Franken am Tag leben. Sie müssen nicht hungern, ernähren sich aber häufig einseitig. Bei den Uwumuhozas gibt es nur einmal im Jahr Fleisch, an Weihnachten. Die 28 Jahre alte Jenoresse Uwumuhoza erzählt, dass sie gratis in die Schule gehen konnte, aber weil ihre Mutter kein Geld mehr hatte für Bücher und Stifte, ging sie mit 13 Jahren nicht mehr hin. Bis vor wenigen Monaten arbeitete sie als Prostituierte, an einem guten Tag habe sie siebzig Rappen verdient. Dann machte sie einen Kurs als Schuhmacherin, finanziert von der Schweizer Entwicklungshilfe, und schloss sich einer Kooperative an, wo sie zwischen zwei und vier Franken am Tag verdient, «gleich viel wie die Männer in unserer Gruppe».

Es ist schwierig einzuschätzen, wie emanzipiert die ehemalige Prostituierte heute lebt. Aber sie hat zumindest ein Bewusstsein für die Gleichberechtigung. Die Kampagne der Regierung ist auch in ihren abgelegenen Weiler vorgedrungen, sie erzählt, dass sie in der Schule ein Fach namens Gender hatten. Was lernte sie dort? «Dass Männer auch Hausarbeiten machen sollen.» Was hält sie davon? «Ich finde es richtig. Aber wenn ein Mann beim Waschen oder Kochen hilft, dann heisst es in unserem Dorf, seine Frau habe ihn verhext.»

Die Familie begleitet uns zu unserem Auto, eine Schar Nachbarskinder schliesst sich an. Auf dem Feldweg, der zwischen Bananenstauden und Süsskartoffeln hindurchführt, erzählt die Mutter von Jenoresse, dass ihr Mann erst drei Jahre nach dem Genozid getötet wurde, aus Rache. «Wir lebten noch Jahre später in Angst. Heute gibt es im Dorf viel Eifersucht, aber keinen Hass mehr.»

Der wirtschaftliche Boom ist der sichtbare Fortschritt der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die unsichtbare, aber mindestens so wichtige Entwicklung ist die Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi. Sowohl in Ruanda selber als auch unter internationalen Wissenschaftern ist man der Meinung, dass die Frauen das Land befriedeten. Eine Uno-Studie stellt fest: «Sie können besser vergeben.»

Kaffeeexporteurin Epiphanie Mukashyaka formuliert es eine Nuance anders: «Wir mussten verzeihen.» Nachdem sie die Kaffeepflanzen des Bauern untersucht hat, klettert sie den Hang wieder hinunter, ihre Assistentin stützt sie an den steilen Stellen, Hand in Hand, eine Tutsi und eine Hutu. Unten angekommen, blickt die Unternehmerin ihre Mitarbeiterin an und sagt: «Damals hatten wir keine andere Wahl. Entweder du beschliesst zu vergeben, oder du wirst wahnsinnig. Heute haben wir tatsächlich verziehen.»

Europas Mitschuld am Genozid

Bereits vor der Kolonialisierung gab es in Ruanda die Unterscheidung zwischen adligen Tutsi und bäuerlichen Hutu. Doch die Belgier zementierten die fliessende Grenze, indem sie jedem Einwohner einen Ausweis ausstellten. Wer mehr als zehn Kühe besass, wurde Tutsi, alle anderen Hutu. 1962 wurde Ruanda unabhängig, es kam danach immer wieder zu Konflikten zwischen den beiden Volksgruppen. Der Genozid von 1994 war von den Hutu-Milizen sorgfältig geplant worden. Von April bis Juni wurde fast eine Million Tutsi und moderate Hutu ermordet. Bis zu 500 000 Frauen wurden vergewaltigt, viele infizierten sich mit HIV. Die Uno-Friedenstruppen wurden abgezogen, die Weltgemeinschaft schaute weg.

Der Völkermord wurde in zahlreichen künstlerischen Werken thematisiert, am eindrücklichsten im Spielfilm «Hotel Rwanda» (2004) von Terry George, im Roman «Hundert Tage» (2008) von Lukas Bärfuss und im dokumentarischen Theaterstück «Hate Radio» (2011) von Milo Rau.

Die Stiftung Business Professionals Network organisiert am 24. Mai einen Event zum Thema «KMU-Frauen sind der Motor der ruandischen Wirtschaft» in den Räumlichkeiten von Tamedia, Werdstr. 21, Zürich. Ökonomin Alice Nkulikiyinka berichtet von ihren Erfahrungen als Projektleiterin, annabelle-Reporterin Barbara Achermann von ihrer Recherche. Anmeldung: events.bpn.ch oder telefonisch unter 031 305 25 27.

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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