Apropos Mode

Fuck you, Terry Richardson!

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Foto: Pirelli via Getty Images

Die stellvertretende annabelle-Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin ist eigentlich absolut fürs Vergeben. Aber beim Skandalfotografen hört ihre Geduld auf.

Den Namen Terry Richardson in einer Modezeitschrift abzudrucken, ist eine zwiespältige Sache. Schliesslich ist bekannt, dass Richardson kein anbetungswürdiges Genie, sondern ein kranker Mann ist, dem es Freude bereitet, Models sexuell zu belästigen und sich auf seine Überlegenheit, pardon, einen runterzuholen. Es sei gut überlegt, ob man mit so einem Typen eine wertvolle Seite verschwendet. Ich tue dies, um das Kapitel «Terry» ein für alle Mal abzuschliessen. Dass die Mode immer wieder nach billiger Provokation sucht – geschenkt. Doch als das Label Diesel stolz mitteilte, es hätte seine aktuelle Kampagne von Richardson fotografieren lassen, ausgerechnet mit dem Hashtag #forsuccesfulliving versehen, kann ich mir einen #aufschrei nicht verkneifen. Dass Richardson weiterhin Models erigierte Penisse kraulen lässt, ist schlimm genug. Das wahre Problem aber ist, dass die Modebranche noch immer darauf reinfällt und ernsthaft denkt, sich damit aufzuwerten.

Carine Roitfeld liess Richardson kürzlich sogar das Cover ihres «CR Fashion Book» fotografieren (mit Rihanna drauf, Promis werden ja nicht belästigt). Dabei bin ich absolut fürs Vergeben: Kate Moss hat nach ihrem Koksskandal zurück in die Branche gefunden – weil sie ein fantastisches Model ist. Galliano hat für seine verbale Entgleisung Reue gezeigt, ist nun still und macht brillante Mode für Margiela. Mode, auf die man nicht verzichten will. Gute Leute dürfen Fehler machen. Was aber der Reiz an Richardson sein soll, der sich keiner Schuld bewusst ist und gern Interviews über seine verkorkste Kindheit gibt, bleibt mir unerklärlich. Im Namen des Feminismus und vor allem im Namen der Kunst: Dass dieser Mann noch engagiert wird, ist ein Armutszeugnis für die Modebranche. Nicht nur weil Richardson im besten Fall ein traumatisiertes Kind ist und im schlechtesten ein bösartiger Perverser. Sondern weil er ein «Künstler» ist, der sich seit 1993 mit seinen überblitzten Fotos nicht weiterentwickelt hat.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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