Der bewegte Mann

Guardians of the Genitiv

Fake News bedrohen die Galaxie. Thomas Wernli ist darauf vorbereitet – und kämpft in seiner Kolumne gegen die Verluderung der Sprache.

Als ich die Jalousie zum Balkon öffnete, blickten wir uns an. Auge in Auge, die Amsel und ich, beide leicht verdattert. Damals wusste ich noch nicht, dass es Herr Amsel war (schwarzes Gefieder, gelber Schnabel). Das habe ich später recherchiert, weil man ja wissen muss, was man von neuen Mitbewohnern zu erwarten hat. Denn Herr Amsel hatte sich mit seiner Gattin (braunes Gefieder) unsere von meinem Mann liebevoll bepflanzte Grünzone ausgesucht, um den Nachwuchs aufzuziehen.

Was guckst du?, dachte Herr Amsel. Was guckst du?, dachte ich. Vier Wochen später war das Jungvolk flügge, stürzte sich wagemutig vom Balkon und suchte das Weite. Neben bezauberndem Geflöte, tschilpenden offenen Schnäbeln, in denen Wurm um Wurm verschwand, nervenaufreibenden Angriffsflügen auf uns von Herrn Amsel, der um seine Kleinen besorgt war, blieb bei mir vor allem eine Erkenntnis: Das alte Volkslied «Alle Vögel sind schon da» verbreitet fake news. «Amsel, Drossel, Fink und Star» reimt sich zwar auf «Vogelschar», ist aber ornithologisch unpräzise, weil Amseln (Turdus merula) zur Familie der Drosseln (Turdidae) gehören. Alle Amseln sind also Drosseln, aber nicht alle Drosseln Amseln.

Apropos Finken: Die Deutschen machen sich ja gern über das Schweizerdeutsch lustig. Etwa darüber, dass wir zuhause gern mit Singvögeln an den Füssen herumlaufen. Oder die vielen Diminutive: Gipfeli, Dörfli, Wernli. Dabei ist die deutsche Sprache in Deutschland mindestens ebenso lustig für uns Schweizer. Auf einer Antwortpostkarte eines Zeitungsverlags las ich kürzlich «Bitte freimachen», dort, wo man eine Briefmarke draufkleben soll. Sagt der Arzt zur Briefmarke: «Bitte machen Sie sich mal frei.» Hahaha…

Doch ernsthaft: Germanismen und Anglizismen sind der natürliche Feind der gepflegten helvetischen Sprache. Und in der Redaktion werden mein Team und ich damit täglich konfrontiert. Wir kümmern uns etwa darum, dass in annabelle keine Sätze zu lesen sind wie: Er fuhr mit dem Fahrrad vom Gehsteig über den Zebrastreifen in den Urlaub. Sondern: Er fuhr mit dem Velo vom Trottoir über den Fussgängerstreifen in die Ferien. Im Zweifelsfall bevorzuge ich Helvetismen – wir sind schliesslich eine Schweizer Zeitschrift, und Sprache bedeutet immer auch Identität.

Kürzlich im Tram wurde eine Frau von ihrer Freundin zugetextet, auf Züritüütsch. «… und dänn hät sich das veränderet, immediately, ich säge dir, immediately!» Ich musste schmunzeln, und mir ist eingefallen, dass mir manchmal vor Begeisterung amazing! rausrutscht. Einfach so. Und ja, das ist schon irgendwie peinlich, wenn man sich den Kampf gegen Wörter wie Rollenmodell (role model heisst auf Deutsch Vorbild) oder Rate (gemeint ist der Preis) auf die Fahne geschrieben hat. Aber: enough is genug!

Eine der besten Guardians im Team ist Korrektorin Martina. Ihr Spezialgebiet: Schutz des Genitivs, mit dem ich mich selber auch immer rumplage. Bald wird sie uns verlassen und die nächsten Jahre auf einer Azoren-Insel verbringen. Liebe Martina, viel Glück am anderen Ende der Galaxie und denk immer dran: Der Kampf ist noch nicht verloren!

Text: Thomas Wernli; foto: iStockPhoto / den-belitsky

Thomas Wernli

Der Produktionsleiter ist bei annabelle für Planung und Organisation zuständig und textet alle Schlagzeilen. Gern schreibt er auch längere Texte, etwa für die Kolumne «Der bewegte Mann».

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