56 Kg abgenommen

«Ein Ziel war schon, gut auszusehen, wenn ich nackt bin»

Interview: Larissa Hugentobler; Fotos: Johanna Hullàr

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«Mein Körper passte plötzlich nicht mehr zu meiner Persönlichkeit und deshalb wollte ich ihn verändern.»

«Für mich war das Dicksein früher immer ein Schutz, um andere Leute auf Abstand zu halten.»

«Das schönste Kompliment, das ich von Freunden bekommen habe, als ich bereits einige Kilos verloren hatte, war dann auch: Du hast dich gar nicht verändert.»

«Für mich war von Anfang an klar: Ich wollte es auf natürliche Art und Weise schaffen. Deshalb habe ich mich auch gegen einen Magenbypass entschieden.»

«Beim Abnehmen war die Haut für mich zweitrangig, ich wollte in erster Linie Gewicht verlieren.»

«Dass der Körper hierbei eine riesengrosse Veränderung durchmacht, die Zeit braucht, ist vielen nicht bewusst.» 

«Ich bin im Ganzen sehr zufrieden mit meinem Körper: Er ist gesund und er gefällt mir auch.»

«Ich habe nicht abgenommen um glücklicher zu werden. Das Glücklichsein sollte unabhängig sein vom Äusseren.»

«Sogar Familienmitglieder haben mich nicht mehr erkannt, als ich so viel dünner war.»

«Ich war tatsächlich einmal mit meiner Mutter unterwegs und traf auf eine Tante, die mich dann gesiezt hat, weil sie keine Ahnung hatte, wer ich bin.»

Isabelle «Shibo» Tschäppeler hat in einem Jahr und aus eigener Kraft mehr als fünfzig Kilogramm abgenommen. Im Interview erklärt die 27-jährige Solothurnerin, wie sie zu ihrem neuen Körper steht.

annabelle.ch: Isabelle Tschäppeler, Sie sehen toll aus! Kaum zu glauben, dass Sie das sind nachdem man Ihr Vorher-Bild gesehen hat!
Isabelle Tschäppeler: Danke! Ja, ich habe ursprünglich genau darum ein Vorher-/Nachher-Bild auf Facebook gestellt, weil mich sogar Familienmitglieder nicht mehr erkannt haben, als ich so viel dünner war. Ich war tatsächlich einmal mit meiner Mutter unterwegs und traf auf eine Tante, die mich dann gesiezt hat, weil sie keine Ahnung hatte, wer ich bin.

Warum haben Sie überhaupt entschieden abzunehmen?
Für mich war das Dicksein früher immer ein Schutz, um andere Leute auf Abstand zu halten. Gesundheitliche Probleme hatte ich keine, daher waren die Vorteile als Übergewichtige lange grösser als die Einschränkungen. Je mehr ich aber im Leben durchmachte und mich entwickelte, umso mehr veränderte sich mein «Ich». Ich wurde geselliger; wollte die Menschen mehr an mich heran lassen. Mein Körper passte plötzlich nicht mehr zu meiner Persönlichkeit und deshalb wollte ich ihn verändern. Ich dachte, ich versuche das einmal. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre das auch kein Weltuntergang gewesen, denn zufrieden mit meinem Leben war ich vor dem Gewichtsverlust schon. Ich wollte wirklich nur den Körper ändern. Das schönste Kompliment, das ich von Freunden bekommen habe, als ich bereits einige Kilos verloren hatte, war dann auch: «Du hast dich gar nicht verändert».

Wie sind Sie beim Abnehmen vorgegangen?
Ich habe am 28. November 2012 beschlossen, dass ich mit dem Abnehmen beginne. An dem Tag habe ich meine erste Sportstunde besucht. Als Ziel habe ich mir die Kleidergrösse 42/44 gesetzt. Für mich war von Anfang an klar: Ich wollte es auf natürliche Art und Weise schaffen. Deshalb habe ich mich auch gegen einen Magenbypass entschieden. Ich wollte nicht einfach Symptome bekämpfen, sondern eine nachhaltige Lösung finden, die für mich funktioniert. Einen Diätplan machte ich nicht. Ehrlich gesagt, glaubte ich, es müsste doch reichen, wenn ich mich vernünftig ernähre.

Wie gut hat das funktioniert?
Am Anfang habe ich viele Fehler gemacht, zum Beispiel nur auf Kalorien geschaut, dann hatte ich ständig Hunger. Da merkte ich, dass ich besser auf meinen Körper hören muss. Ich versuchte also herauszufinden, was mich satt macht und was nicht.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich begann nachzulesen, was in Lebensmitteln alles drin steckt. So merkte ich etwa, dass nur weil etwas bio ist, es nicht automatisch gesund ist. Weil gedämpftes Gemüse immer irgendwie gleich schmeckt und vor allem die Konsistenz schnell langweilig wird, habe ich angefangen Nüsse zu den Gerichten zu geben, damit ich etwas zu beissen hatte. Man muss eben etwas experimentieren mit gesunden Lebensmitteln. Ich esse heute noch gleich wie während des Abnehmens. Genau darum glaube ich auch, dass es funktioniert hat; weil ich grundsätzlich meine Einstellung zum Essen geändert habe.

Abnehmen ohne Sport, das funktioniert nicht. Welche Sportart hat Sie ans Ziel geführt?
Ich wusste von Beginn weg, dass ich die Überwindung so klein wie möglich halten musste, denn ich hatte zuvor gar keinen Sport gemacht. Ich bin dann auf die Thermo-Physikalische Methode (TPM) gestossen. Dabei trainiert man bei 36 Grad in einer Röhre und führt alle Bewegungen liegend aus. Ich dachte, so gut wie ich im Liegen bin, müsste ich das eigentlich einmal versuchen. Bei meiner ersten Sitzung schaffte ich nicht einmal die Mindestanzahl an Wiederholungen; Und hatte am nächsten Tag trotzdem den Muskelkater meines Lebens. Aber das hielt mich nicht auf, und ich ging von diesem Tag an zwei Mal die Woche ins Training.

Sport hilft ja eigentlich dabei, dass sich die Haut beim Abnehmen wieder zurückbildet. Bei Ihnen ist trotzdem noch Haut übrig geblieben. Schämen Sie sich dafür?
Nein. Beim Abnehmen war die Haut für mich zweitrangig, ich wollte in erster Linie Gewicht verlieren. Mit der Zeit wurde es aber so extrem, dass ich die Haut an den Beinen immer in Strumpfhosen einpacken musste, weil ich sonst regelrecht über meine eigenen Hautlappen stolperte!

Sie sitzen mir im kurzen Kleid gegenüber und sehen super aus: Wo ist die Haut an den Beinen hin?
Ich habe mich tatsächlich für eine Operation entschieden, weil es an den Beinen einfach zu viel war und mich in der Bewegung stark eingeschränkt hat. Der Eingriff hat mir auch einen neuen Bauchnabel beschert, der zum ersten Mal Licht sieht, das finde ich toll! Ein Ziel war schon, gut auszusehen, wenn ich nackt bin. Da ich aber kein Fan von Operationen bin, werde ich die Haut, die jetzt noch zu viel ist, nicht wegmachen lassen. Die Haut ist ja auch ein Zeichen dafür, was ich geleistet habe. Ich finde das nicht gerade erotisch, aber etwas Schönes hat es schon.

Weshalb möchten Sie der Welt nun hier Ihren Körper zeigen?
Ich möchte vor allem auf einen Aspekt des Abnehmens aufmerksam machen, der vielen nicht bewusst ist: Oftmals gehen Frauen ein solches Projekt etwas naiv an und machen sich keinerlei Gedanken über die Folgen. Bei mir war das am Anfang ähnlich: Ich war einfach froh, habe ich überhaupt Kilos verloren. Dass der Körper hierbei eine riesengrosse Veränderung durchmacht, die Zeit braucht, ist vielen nicht bewusst. Und einige sind dann enttäuscht, wenn der Körper, auf den sie hingearbeitet haben, nicht ihrer Idealvorstellung entspricht. Man sollte das Abnehmen meiner Meinung nach nicht zu sehr romantisieren.

Entspricht Ihr Körper jetzt Ihrer Idealvorstellung?
Ich bin im Ganzen sehr zufrieden mit meinem Körper: Er ist gesund und er gefällt mir auch. Ausserdem kommt ja noch viel anderes dazu, um glücklich zu sein. Der Körper ist bei Weitem nicht alles. Ich habe nicht abgenommen um glücklicher zu werden. Das Glücklich-Sein sollte unabhängig sein vom Äusseren.

Larissa Hugentobler

Die Reportagen-Praktikantin interessiert sich für alle Aspekte des Mensch-Seins und vor allem für eins; was uns vereint. In ihrer Freizeit lässt sie sich sowohl von Geschichten aus dem amerikanischem Rap als auch der englischen Poesie aus dem 18. Jahrhundert inspirieren.

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