Heft 15/14

Kind, iss mal richtig! - Ein Interview mit Ernährungsexpertin Marguerite Dunitz-Scheer

Mehr Salat. Keine Schoggi … Klar, Eltern wollen das Beste für die Kinder. Aber gerade in Sachen Ernährung mischen sie sich zu viel ein, sagt die Kinderärztin Marguerite Dunitz-Scheer.

ANNABELLE: Marguerite Dunitz-Scheer, als Mutter habe ich ständig das Gefühl, meine Kinder sollten mehr Gemüse, dafür weniger Zucker und Mayonnaise essen. Ist das normal?
MARGUERITE DUNITZ-SCHEER: In Familien, in denen Wert auf eine gesunde Ernährung gelegt wird, ist das heute leider normal. Neulich kam eine Mutter mit ihrem zwölfjährigen Buben zu mir in die Sprechstunde. Sie war völlig verzweifelt, weil ihr Sohn, wie sie sagte, kaum etwas esse. Nach einer gründlichen Untersuchung stellten wir fest: Der Sohn ist vollkommen gesund.

Geht es um Angst?
Ja, es stellte sich heraus, dass der Bub über Mittag beim Grossvater isst und die Mutter jeden Tag vom Büro aus anruft, um zu fragen, ob und was ihr Sohn gegessen hat – das ist natürlich ein vollkommen unangemessenes Kontrollverhalten. Früher hat die Grossmutter das Essverhalten des Buben kontrolliert. Erst nach ihrem Tod hat die Mutter diese Aufgabe übernommen. Mir wurde schnell klar, dass es hier um etwas ganz anderes geht: um die Angst der Mutter, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Es wird viel über das Essen ausgetragen, was gar nichts mit dem Essen zu tun hat.

Das heisst, wir machen uns zu viele Gedanken ums Essen?
Seit in den Siebzigerjahren die sogenannte Medizinalisierung der Ernährung begonnen hat, will man Kinder nicht nur satt kriegen, sondern auch gesund ernähren. Die Meinung darüber, wie das gelingt, wechselt alle paar Jahre: Zuerst wurde das Fett verteufelt, dann der Zucker. Mal ist zu viel Salz das Problem, dann zu wenig Folsäure. Die Lebensmittelindustrie, die in einem heillos übersättigten Markt Gewinn machen muss, macht sich das zunutze und produziert pseudoinnovative «gesunde» Lebensmittel, zum Beispiel Margarine, die das Herz schützen soll, oder mit Vitaminen angereicherte Müesli. Eltern sind heute nicht mehr in der Lage, in Bezug auf die Ernährung eine bewusste Entscheidung zu treffen. Sie sind Opfer einer Ideologiewelle geworden.

Was sollen sie Ihrer Meinung nach tun?
Sie sollten sich weniger in die Ernährung ihrer Kinder einmischen. Denn Essen ist, ähnlich wie das Urinieren, ein natürlicher Vorgang und sollte auch als solcher betrachtet werden. Man muss Kinder weder dafür loben, dass sie gut essen, noch sie dazu anhalten, dieses oder jenes zu essen. Das ist unnötig, übergriffig und belastet die Beziehung. Kinder wissen selbst, was für sie gut ist.

Ich befürchte, meine Kinder würden sich nur von Schokolade ernähren, wenn ich ihnen die Wahl liesse.
Studien haben gezeigt, dass Kinder nur am Anfang mehr ungesunde Sachen essen. Das reguliert sich in kürzester Zeit von selbst.

Ab wann funktioniert das?
Diese Autoregulation hat nichts mit dem Verstand zu tun und funktioniert deswegen schon früh. In den meisten Kulturen ernähren sich Kinder vom Familientisch, sobald sie frei sitzend am Essen teilnehmen können. Also mit etwa sieben Monaten. Ab diesem Alter sind sie in der Lage, aus einer normalen Mahlzeit jene Nahrungsmittel und Speisen zu wählen, die ihnen gut tun. Auch wenn ich mich mit dieser Aussage unbeliebt mache: Die Babybreie, die wir unseren Kindern verfüttern, sind eigentlich überflüssig.

Nimmt ein Baby, das sich schon so früh vom Tisch ernährt, nicht zu viele verschiedene Esswaren zu sich?
Grundsätzlich ist es gut, wenn ein Kind früh viele verschiedene Nahrungsmittel kennen lernt. In Frankreich werden Babys abwechslungsreich gefüttert, deshalb mögen sie am Ende des ersten Lebensjahrs rund vierzig verschiedene Geschmäcke. In Deutschland mögen Babys dagegen nur etwa zehn. Deswegen kann man mit einer französischen Siebenjährigen im Feinschmeckerlokal essen und mit einer deutschen nicht.

Sind Kinder nicht überfordert, wenn sie ihr Essen selbst auswählen müssen?
Ein Kind kann aus drei, vier Speisen, die auf dem Tisch stehen, problemlos auswählen. Nicht einmal ein Buffet ist eine Überforderung. Sogenannte schlechte Esser ernähren sich auf Kreuzfahrten meistens sehr unkompliziert. Sie beginnen mit dem Dessert und hören mit der Wurst auf. Den Eltern ist es egal, weil sie in den Ferien sind. Viele Essstörungen verschwinden in den Ferien beinah, das ist interessant.

Ich kenne keine Familie, die den Kindern so viel Autonomie beim Essen zugesteht – und Sie?
Wir haben sechs Kinder, die heute zwischen 16 und 32 Jahre alt sind, und wir haben ihnen diese Autonomie immer zugestanden. Ich habe nie gesagt: Du darfst erst eine zweite Portion Fleisch essen, wenn du auch Salat genommen hast. Kinder machen immer irgendwelche Phasen durch. Diese dauern nur länger, wenn man sie verhindern will. Einer meiner Söhne hat in der Pubertät eine Essigdiät gemacht: Er hat Essig getrunken und alles, was er gegessen hat, in Essig getunkt. Das war extrem, aber wir taten so, als wäre es ganz normal. Und plötzlich war es vorbei. Das Beste, was ich für ihn tun konnte, war, ihm ein gutes Vorbild zu sein. Wenn die Eltern mit frischen Zutaten kochen und das Essen geniessen, lernen die Kinder mehr über gesunde Ernährung, als wenn man ständig darüber diskutiert, wie viel Salat gegessen werden muss.

Die Verantwortung der Eltern besteht also nur darin, ein gutes Vorbild zu sein?
Nein, sie tragen auch die Verantwortung für den Einkauf. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Eltern sollten Lebensmittel, die sie für ungesund halten, gar nicht erst einkaufen. Bei uns gab es zwar Dessert, aber keine Süssigkeitenschublade. Ich wollte nicht ständig über Bonbons diskutieren. In diesem Punkt war ich streng.

So erspart man sich bestimmt viel Ärger. Ich sehe da nur ein Problem: Ich selbst möchte auch nicht auf Süsses verzichten und sehe auch nicht ein, warum ich das tun sollte. Ich kann ja damit umgehen.
Wenn Sie und Ihr Mann das können, dann sind Sie Ihren Kindern ja ein gutes Vorbild. Ich bin das leider nicht: Wenn ich eine Tafel Schokolade sehe, dann esse ich sie. Jede Familie muss selbst herausfinden, was für sie stimmt. Und natürlich hängt es auch von den Kindern ab: Neigen sie zu Übergewicht, muss man in ihrem Interesse handeln und Süsses zumindest verstecken.

Wir sagen unseren Kindern manchmal, es gibt nur Dessert, wenn der Teller leer gegessen ist – total falsch?
Diese Aufforderung teilt das Essen in den Augen der Kinder unweigerlich in gutes und schlechtes Essen ein. Der selbst gekochte Risotto wird abgewertet, man muss ihn essen, um an die Schokolade ranzukommen. Ich finde es nicht gut, wenn Essen als Belohnung oder Bestechung eingesetzt wird. Essen ist kein Machtmittel. Und auch nichts, was man tut, um die Mama zu freuen. Wenn Ihr Mann keinen Hunger hat, dann sagen Sie ja auch nicht zu ihm: Iss doch noch drei Löffel für mich. Das Gebot, den Teller leer zu essen, ist ein Relikt aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, es hat heute keine Bedeutung mehr.

Aber das Problem ist doch, dass Kinder, die bei Tisch nicht genug essen, kurze Zeit später nach Pfirsichen und Crackern verlangen.
Und Sie finden, der Pfirsich sei minderwertig?

Nein. Aber es ärgert mich, weil ich gerade gekocht habe.
Sind Sie gekränkt, weil die Kinder nicht essen, was Sie gekocht haben?

Gekränkt? Ich weiss nicht. Ich möchte meinen Kindern eine gewisse Wertschätzung fürs Essen vermitteln und frage mich, wie das funktionieren soll, wenn sie am Tisch kaum essen und sich dafür den ganzen Tag über verpflegen.
Dann sollten Sie ihnen zwischendurch nichts geben, so werden sie bei Tisch hungrig sein. Ich persönlich war immer der Meinung, auch Kinder sollten sich gewisse Esswaren einfach holen können, wenn sie sehr hungrig sind.

Was halten Sie von der Gesundheitskampagne «5x am Tag Gemüse oder Früchte», die in der Schweiz gross gefahren wird? Gemäss dieser Empfehlung soll ein Kind an einem Tag zum Beispiel einen kleinen Apfel, eine kleine Birne, eine Karotte, ein Viertel Eisbergsalat und einen gekochten Peperone essen. Müssen Kinder wirklich so viel Obst und Gemüse essen?
(lacht) Das sind schöne Empfehlungen einer Gesellschaft, die sich bewusst geworden ist, dass Übergewicht ein Problem ist. Aber sie sind nicht realistisch.

Aber Kinder brauchen doch ausreichend Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente für eine gesunde Entwicklung.
Solange sich das Kind normal entwickelt und seine Haut, seine Haare und seine Fingernägel schön aussehen – dort würde sich ein Vitaminmangel zuerst zeigen –, braucht man sich nicht zu sorgen. Wir behandeln in unserer Klinik die allerschlimmsten Fälle, halb verhungerte Kinder. Dennoch rate ich allen Eltern davon ab, Druck auszuüben. Niemand soll etwas essen müssen, das ihn ekelt. Das Essen darf nie zum Kampf werden.

Gibt es heute mehr wählerische Esser als früher?
Ja, die sogenannten Picky Eater nehmen dramatisch zu. Bei manchen stehen Machtspiele mit den Eltern im Vordergrund. Andere reagieren so auf die riesige Auswahl von Marken- und Fertigprodukten. Sie konzentrieren sich auf einige wenige Dinge, von denen sie wissen, dass sie sie mögen.

Es gibt Mütter, die mischen ihren heiklen Essern heimlich Gemüsepüree in die Pastasauce. Ist das sinnvoll?
Wenn diese Mütter damit ihr Bedürfnis nach Beschäftigung und Ideologie stillen können, dann ist das bestimmt eine nette Idee. Notwendig ist es nicht. Ich habe viele ausgesprochen wählerische Esser behandelt, zum Beispiel Kinder, die sich vorwiegend von weissen Sachen, also von Weissbrot, Teigwaren und Reis ohne Sauce ernähren, und gesehen, dass sogar das ausreichend sein kann. Problematisch wird es dann, wenn die Eiweissversorgung nicht mehr sichergestellt ist, so wie es bei Veganern und manchmal auch bei Vegetariern der Fall ist. Eiweiss ist unerlässlich für das Wachstum.

Trotzdem: Sich nur von weissen Sachen zu ernähren, scheint mir doch sehr einseitig zu sein. Würden Sie einer übergewichtigen Familie, die sich von Toastbrot und Pizza ernährt, dasselbe erzählen?
Die Frage ist immer, an wen man sich wendet. Ich rede so, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass Menschen, die so ein Interview zum Thema Ernährung lesen, sich eben gerade nicht von TV-Dinnern ernähren, sondern ziemlich bewusst essen. Und in diesem Milieu ist nicht das Übergewicht die grösste Gefahr, sondern die Überideologisierung, die Orthorexie. Junge Mädchen haben die Ideologien rund um die gesunde Ernährung so sehr verinnerlicht, dass sie im Supermarkt eine halbe Stunde vor dem Regal stehen und das Kleingedruckte auf den Müesliriegeln studieren und dann zum Schluss kommen, nichts sei gesund genug – also essen sie gar nichts. Gerade heute habe ich ein Mädchen in die Klinik aufgenommen, das ständig Stimmen im Kopf hört, die ihm einflüstern: «Du darfst dieses nicht essen, du darfst jenes nicht essen, das ist alles viel zu ungesund.»

Also können auch Kampagnen für gesundes Essen gefährlich sein.
Ja, es gibt in jeder Mittel- und Oberstufenklasse ein, zwei Mädchen, die eine Ernährungskampagne zum Hungern verführen kann. Für die Übergewichtigen sind solche Kampagnen ein Segen, für diejenigen, die ein Risiko zur Anorexie haben, eine grosse Gefahr.

Was sollen Eltern tun, wenn ein Teenager nur noch abnimmt?
Heute machen fast alle jugendlichen Mädchen irgendwann einmal eine Diät, das ist normal. Deshalb muss man zuerst herausfinden, ob es sich nur um eine Phase handelt oder ob sich ein ernsthaftes Problem abzeichnet. Erreicht das Kind einen BMI von unter 18, müssen die Eltern ihm klarmachen, dass sie eine Verantwortung tragen und nicht tatenlos zuschauen werden, wie es verhungert.

Der Vollständigkeit halber: Wann sollten Eltern von übergewichtigen Kindern handeln?
Ein dickes Baby ist noch kein Problem, aber ein Dreijähriger muss sich gut bewegen können, sonst wird er beim Spielen ausgeschlossen. Kinder suchen sich agile Spielpartner. Für die übergewichtigen Kinder ist das dramatisch, weil sie sich dadurch noch weniger bewegen und noch dicker werden.

Ist Übergewicht ein Schichtproblem?
Ja, arme Menschen ernähren sich zunehmend schlechter. Sie können sich kein Biogemüse vom Wochenmarkt leisten. In vielen Familien gibt es zudem keine Esskultur mehr, das halte ich für das grösste Übel. Viele Erstklässler wissen nicht mehr, dass man Gemüse waschen und schneiden muss, um eine Gemüsesuppe zu kochen. Kochen heisst für sie, einen Beutel aufreissen und den Inhalt aufwärmen.

Wie war das in Ihrer Familie, haben alle Ihre Kinder kochen gelernt?
Ja, einer meiner Söhne will sogar Koch werden. Ich hatte keinen Babysitter, also beschäftigte ich die Kleinen mit Küchenarbeiten, während ich kochte. Früchte schneiden kann schon ein Zweijähriger. Heute sind unsere Kinder erwachsen, aber am Freitagabend kochen und essen wir immer zusammen.

Auf welchen Tischmanieren haben Sie bestanden?
Unsere Kinder durften vom Tisch aufstehen, wenn sie fertig gegessen hatten, da war ich nicht so streng. Aber ich habe nie akzeptiert, dass jemand so unanständig gegessen hat, dass es mich geekelt hätte. Meine Haltung war stets: Das ist auch mein Abendessen, und ich will es geniessen können.

— Marguerite Dunitz-Scheer ist Professorin für Kinderheilkunde und stellvertretende Leiterin der Psychosomatischen Kinder- und Jugendstation an der Universitätsklinik Graz. Die Expertin für Essstörungen und sondenernährte Kinder ist am Zürichsee aufgewachsen und lebt heute in Graz.

Interview: Julia Hofer; Foto: Free Images

Essenszeit

Dieses Interview ist im «Grossen Familienkochbuch» von Julia Hofer erschienen. Sie ist Mutter zweier Kinder und unter die Kochbuchautorinnen gegangen, weil sie es satt hatte, Fertig-Gnocchi und Tomatenspaghetti zu essen. Entstanden ist ein schlaues Kochbuch mit Rezepten, die nach der Idee «Einmal kochen, zweimal geniessen» funktionieren. Julia Hofer war langjährige annabelle-Redaktorin und ist heute Co-Redaktionsleiterin von «Beobachter Natur».

— Julia Hofer: Das grosse Familienkochbuch. Einmal kochen, zweimal geniessen. 120 Rezepte, die allen schmecken. AT-Verlag, 2014, 320 S., ca. 50 Franken

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