Meine Meinung

Lesen Sie sich nicht dumm!

Text: Claudia Senn; Foto: iStockPhoto.com / monels

Die annabelle-Kulturredaktorin Claudia Senn über schlechte Literatur – und über die Menschen, die sie lesen.

Das moderne Leben steckt voller Gefahren. Man kann von Cyberkriminellen ausgeplündert werden, mit einem unbedacht versandten Nacktselfie die Karriere ruinieren, K.-o.-Tropfen in den Drink gemixt bekommen oder auf der Strasse von einem rüpelhaften E-Bike-Rentner umgefahren werden. Viel zu selten aber wird über eine weit realere Gefahr gesprochen: die schleichende Verdummung durch das schlechte Buch.

Es heisst ja immer: Lesen bildet. Das stimmt so leider nicht. Lesen kann bilden, muss aber nicht. Lassen Sie mich zur Illustration aus der Liste der meistverkauften Bücher des Jahres 2015 zitieren (Quelle: Die-besten-aller-Zeiten.de). Platz 1: «Unterwerfung» von Michel Houellebecq. Immerhin, ein richtiges Buch, dagegen habe ich nichts einzuwenden, auch wenn ich mit dem übellaunigen Houellebecq lieber nicht im Lift stecken bleiben möchte. Doch dann, Platz 2: «Soul Mind Body Science System», ein spiritueller Ratgeber von Zhi Gang Sha, dem Guru der Love-Peace-Harmony-Bewegung. Der chinesische Wunderheiler zockt mit skrupellosen Methoden Kranke ab, was die Käufer seines Buches offensichtlich nicht zu stören scheint. Platz 4, oje: «Der Lebensfreude Kalender» mit Fotos von bunten Luftballons und geistlosen Zuckersäckchen-Weisheiten wie: «Nimm dir Zeit für die Dinge, die dich glücklich machen.» Auf den weiteren Plätzen simpel gestrickte Psychoratgeber, dämliche Diätbücher («Schatz, meine Hose rutscht!») und plumpe Erotikschinken wie «Fifty Shades of Grey». Nein, von Bildung möchte ich da lieber nicht sprechen.

Dass all diese dummen Bücher Erfolg haben, ist schon schlimm genug. Noch mehr beelendet mich jedoch die Tatsache, dass es fast ausschliesslich Frauen sind, die sie lesen. Männer scheinen über einen eingebauten Bullshit-Detektor zu verfügen, der sie vor solchen Missgriffen schützt. Statt zur Esoterikschmonzette «Bestellungen beim Universum» greifen sie beherzt zu «Weber’s Grillbibel» oder lesen auch mal gar nichts – was im Zweifelsfall immer noch besser ist, als sich die Synapsen mit Schund zu verstopfen.

Mit dem Lesen ist es nämlich wie mit dem Essen: Zu viel Fettiges und Süsses verkleistert die Gehirnwindungen und behindert das kritische Denken. Wer immerzu Rosamunde Pilcher oder Paulo Coelho liest, konsumiert bloss Klischees, statt seinen Horizont zu erweitern. Er verpasst die Gelegenheit, sich andere Erfahrungen, andere Gefühlsspielarten vorzustellen als die eigenen, was doch den eigentlichen Reiz des Lesens ausmacht. «Literatur sollte verstörend wirken, in dem Sinn, dass man die eigenen Haltungen und Ansprüche hinterfragt, dass man beim Lesen denkt, hey, so könnte man das ja auch sehen», sagt die Literaturprofessorin Barbara Vinken, die ich vor Jahren einmal interviewt habe. Eine tolle Frau übrigens, mit der Ausstrahlung einer französischen Filmgöttin. Im nächsten Leben wäre ich gern ein bisschen wie sie.

Und weil sie recht hat mit dem, was sie sagt, werden Sie auf den Kulturseiten dieser Zeitschrift niemals eines dieser sogenannten Frauenbücher mit den rosa Covers finden, deren Heldinnen wahlweise als Carrie-Bradshaw-Verschnitt durch Grossstädte stöckeln oder in Gummistiefeln die Landlust entdecken. Kommt alles direttissimo in den Papierkorb. Nichts zu danken. Ich tue es auch für mich.

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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