annabelle Soirée

Millennials: «Wir wollen mehr»

Sind die Millennials lauter selbstverliebte Weichlinge? Orientierungslos und faul? Im Gegenteil. Keine Generation ist je so hart mit sich ins Gericht gegangen und keine hatte solch ein revolutionäres Potenzial, sagt Junior Editor Kerstin Hasse, geboren 1990. 

Ein selbstverliebtes Hipstergirl, das meint, es verbessere die Welt mit einem biologischen Chia-Müesli. Ein Faulpelz, der arbeitet, nur um auf die nächste Auszeit zu warten. Ein verwöhntes Ding, dessen Herz vor allem an seinem Apple-Gerät hängt. Ich bin 26. Jahrgang 1990. Ein Vollblutmillennial. Und Millennials haben nicht den besten Ruf. Was ist von mir, von meiner Generation, die in Wirtschaft und Politik bald das Sagen haben wird, also schon zu erwarten?

Nun, tatsächlich erfülle ich viele Klischees, die meiner Generation, den Jahrgängen 1980 bis 2000, zugeschrieben werden. Ich bin in einer festen Beziehung, aber ohne Aussicht auf Heirat. Ich habe kein Auto, dafür ein Generalabo. Kein Sparbuch, dafür ein Netflix-Konto. Keine dritte Säule, dafür MacBook, iPad und iPhone. Letzteres schläft immer ganz nah bei mir auf dem Nachttisch. Drei Klicks am Abend, drei am Morgen: Facebook, Twitter, Instagram. Ich mache Selfies, mag Foodblogs und kaufe Bio ein. Und ich kann in den entscheidenden Momenten meines Lebens Beyoncé zitieren – because I slay –, ja, ich kann sogar alle Kardashians aufzählen, inklusive Rob, des dicklichen Bruders. Und ich bin gut ausgebildet. Und emanzipiert.

Für mich lässt sich all das prima kombinieren, für mich widersprechen sich alle diese Eigenschaften nicht. Sie zeigen mir vielmehr auf, dass ich sein kann, wer und wie ich will. Andererseits ist es auch genau das, was mir ein bisschen Angst macht. Angst, dass das alles nicht hinhaut. Dass ich nicht die Person werde, die ich werden wollte, die ich werden sollte. Womöglich ist dieses beklemmende, diffuse Gefühl von Angst das eigentliche Merkmal meiner Generation.

Werbe- und Marketingleute nennen uns gern Millennials. Das tönt nach Grossstadt und jungen, gut aussehenden Menschen. Diese Leute nennen uns mobil, urban und conscious, und so verkaufen sie uns Retro-Velos, die immer noch aussehen wie früher, aber doppelt so viel kosten. Oder Smoothies, die vor allem aus langweiligem Salat und Kohl bestehen.

Auf der anderen Seite stehen Leute, die Menschen wie mich kritisch sehen. Hier heissen wir Generation Y, Generation Why. Das klingt mehr nach Unentschlossenheit, nach Krise. Diese Leute nennen uns unruhig, oberflächlich und narzisstisch. Der Schweizer Autor Milosz Matuschek verglich die Generation Y neulich mit einem Plastikstuhl, mit diesem weissen Klassiker, der auf Campingplätzen steht. «Die Generation Y», schrieb er, «möchte auf keinen Fall sein wie dieser Plastikstuhl und ist ihm doch so ähnlich: Sie ist Allerweltdesign, das den Anspruch erhebt, ein Unikat zu sein.» Statt selber kreativ zu sein, schmücke sich meine Generation mit Pseudokreativität, mit bunten Socken und kecken Hüten. Unser einziger revolutionärer Akt bestehe darin, so Matuschek, vor einem Apple-Store zu zelten.

Autsch. Das fegt einem grad das kecke Hütchen vom Kopf. Und Milosz Matuscheck ist mit seiner Kritik nicht allein. Ich lese, dass wir eigentlich nur arbeiten, um uns das nächste Sabbatical zu verdienen. Ich lese, dass wir aufgezogen wurden von Eltern, die in ihre Kinder vernarrt waren und ihnen stets sagten, wie speziell sie doch seien. Wir spielten, meint ein US-Journalist, in einer Liga ohne Gewinner und Verlierer. Eigentlich bekämen wir Trophäen nur fürs Mitmachen.

Nun, vielleicht stimmt das sogar. Zumindest was mich angeht. Für meine Eltern war für Trophäen nicht der Sieg entscheidend. Als ich mein erstes Studium abgebrochen habe, hörte ich kein «Reiss dich mal zusammen», kein «Kind, so wird das nichts», kein «Was soll denn aus dir werden». Ich durfte mich selbst finden – so abgedroschen es klingen mag. Oder ich bekam zumindest die Zeit, nach mir zu suchen. Macht mich das schon zum Weichei? Definiert das tatsächlich bereits Mittelmass? Mangelndes Engagement?

Glaube ich nicht. Denn auch wenn ich immer entscheiden durfte, was ich machen will, war immer klar, dass ich etwas machen werde. Und das sehe nicht nur ich so. Für einen Jugendbarometer befragt die Credit Suisse jedes Jahr tausend Jugendliche im Alter von 16 bis 25. Laut den Ergebnissen von 2015 ist es für 85 Prozent wichtig, einen spannenden Beruf zu haben, 77 Prozent der Jugendlichen wünschen sich eine gute Aus- und Weiterbildung. Bereits heute gilt die Generation Y als die am besten ausgebildete Generation, die es je gab.

ABER: Deswegen wollen wir in unserem Leben nicht einfach nur fleissig Ziele abhaken. Wir wollen mehr. Weil wir wissen, wie das Leben eben auch ist: Unvorhersehbar. Kompliziert. Brutal. Krisen waren und sind seit je unsere Begleiter: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Terrorismus. Seit ich klein war, wird mir zudem von der Gesellschaft vorgerechnet, dass das Geld knapp werden wird. Egal wie hart ich arbeite, das mit der AHV, das wird nichts. Zu viele Alte, zu wenige Junge. «Ausruhen kannst du dich, wenn du alt bist.» Für unsereinen ist dies keine Option mehr. Weshalb also nicht einen Job finden, der einen im Jetzt glücklich macht, aber auch Zeit lässt zu atmen, das Leben zu geniessen?

Als ich also innehalten musste, um herauszufinden, was ich wirklich möchte, wollten meine Eltern nur eines: mir klarmachen, dass ich auf ihre Unterstützung zählen konnte. Ich gönnte mir ja nicht einfach eine Pause, um auf einer Yogamatte herumzutollen. Mein Studienabbruch war vielmehr Ausdruck einer echten Krise, in der ich damals, 21-jährig, steckte. Ich stellte alles infrage. Mich, mein Umfeld, meine Beziehung. Es ging mir nicht gut – primär, weil ich mich selber so unter Druck setzte. Anscheinend alles sein zu können, ist gleichzeitig auch eine Verpflichtung, das zu werden, was man wirklich sein will. Aber was wollte ich sein? Ich hatte stets gemeint, einen Plan zu haben. Und dann, fuck, stand ich plötzlich vor dem Nichts.

Kein Wunder, würde Milosz Matuschek jetzt vielleicht sagen: Ihr habt ja auch nichts, für das ihr euch wirklich einsetzt. Ich aber sehe überall Revolutionäre, im Kleinen wie im Grossen. Ich sehe junge Schweizer, die Start-ups gründen und an ihre Ideen glauben. Zum Beispiel die Gründer von Farmy.ch, die einen Online-Biohofladen gründeten und mit ihrem nachhaltigen Projekt auch noch wirtschaftlich erfolgreich sind. Ich sehe die global vernetzte Kampagne #heforshe, die sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt. Und ich sehe all die Proteste der jungen Leute im Ausland; 2013 in Istanbul auf dem Taksim-Platz oder unter dem Motto «Nuit debout» dieses Frühjahr in Paris. Auch wenn unsere Visionen oft mit einem Hashtag versehen sind, so sind sie doch da. Wir sind nicht unpolitisch, höchstens unideologisch. Vor allem aber sind wir pragmatisch. Und ziemlich leidensfähig.

Der Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance, hat das nichts Revolutionäres? Es ist doch gerade die Generation Praktikum, meine Generation von gut ausgebildeten jungen Leuten, die sich – nachdem sie weitergereicht worden sind von Kaffeemaschine zu Kaffeemaschine – irgendwann gesagt hat: Da stimmt doch etwas nicht. Ein älterer Kollege meinte mal zu mir, dass er die jungen Journalisten von heute nicht verstehe. Die überlegten sich doch tatsächlich, ob sie ein Praktikum annehmen sollen, wenn ihnen nicht versprochen werden könne, dass sie jeden Donnerstag um 18.30 Uhr ihr Pony aus dem Stall holen könnten.

Ich brenne für meinen Job. In den acht Jahren, in denen ich im Journalismus arbeite, habe ich mehr als einmal mein «Pony» im Stich gelassen, eine Geburtstagsparty sausen lassen oder ein Abendessen mit meinem Freund. Das habe ich gern gemacht. Wirklich. Aber soll eine Praktikantin, im besten Fall noch mit Uni-Abschluss, die keine 1000 Franken pro Monat verdient, tatsächlich auch noch auf ihre Hobbys verzichten, einfach weil es «eine Chance» bedeutet, überhaupt arbeiten zu dürfen? Im Ernst jetzt?

Webhedonisten nannte eine Bekannte meine Generation neulich. Ich kann es ihr nicht verübeln, bei der Masse an Selfies, die jede Sekunde durch die Social Media flattern. Ich verstehe auch das Unverständnis darüber, dass wir Junge so an unseren Gadgets hängen. Das ist seltsam. Genauso wie die Tatsache, dass wir glauben, online festhalten zu müssen, dass wir gerade Porridge essen und dieser extrem #healthy ist. Mein Opa ass Porridge, weil der satt machte. Würde ich ihm erklären, dass Haferschleim heute als Superfood gilt, er würde den Kopf schütteln. Und laut lachen.

Es ist nicht gesund, sein Selbstwertgefühl über die Anzahl Likes auf Instagram zu definieren. Wer weiss das nicht? Aber als junger Erwachsener will man nun mal gefallen. Schon immer. Und wenn einem Zahlen bestätigen, dass die violetten Strähnen eine gute Idee waren, dann zählt das eben mehr als jedes Kompliment von Mami. Denn unsere Selbstdarstellung im Netz ist immer auch eine Selbstreflexion. Wir hängen keine Tücher über den Spiegel, wir schauen ganz genau hin. Die Selbstoptimierungswut, die dann manch einen von uns packt wegen all der verstopften Poren, ist übertrieben. Klar. Aber sie ist auch Sinnbild dafür, wie ehrlich und ungeschminkt wir mit uns selbst ins Gericht gehen.

Gerade auch wegen dieser angeblichen Sucht nach Perfektion wird meiner Generation eine gewisse Beziehungsunfähigkeit nachgesagt. Wir würden stets nach einer besseren Option suchen, nach dem nächsten Update sozusagen. Es stimmt: Wir haben heute die Freiheit zu wählen, mit wem wir wann zusammen sein wollen. Wenn es jemals so etwas wie Free Love gab, dann leben wir sie heute. Keine Unterdrückung mehr. Kein Gefangensein mehr im System Ehe. Keine Labels mehr. Alles ist möglich. Aber ist es deswegen schwieriger geworden, sich zu verlieben? Oder eine Liebe zu halten? Gegenfrage: War das jemals einfach? Es war doch schon immer leichter davonzurennen. Und es wird immer leichter sein, es gar nicht zu versuchen. Was sich geändert hat, ist lediglich die Freiheit auszusprechen, was man wirklich will.

Es heisst, Millennials könnten sich nicht entscheiden. Was aber, wenn es unsere Entscheidung ist, nicht zu entscheiden? Wenn wir ungezwungen daten wollen? Natürlich war es nie einfacher, die eigenen Unsicherheiten zu überspielen. Wer sich vor dem Sprung in die Beziehung fürchtet, kann einfach casual daten. Nie hat sich nicht einlassen cooler angehört.

Heisst das aber, dass wir unfähig sind, uns zu verlieben? Ich glaube nicht. Ein Grossteil der jungen Männer und Frauen in meinem Umfeld jedenfalls sind in einer stabilen Beziehung. Sie alle haben sich eingelassen, sie alle wollten es nicht mehr nur casual. Die meisten jungen Leute, die ich kenne, Singles oder nicht, können sich zudem vorstellen, später mal zu heiraten. Die Heirat ist aber nicht mehr das eine grosse Ziel, das über Glück oder Unglück entscheidet. Die Heirat ist eine Option. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

«Sex and the City» war Ende der Neunziger noch ein kleiner Skandal, weil – huch! – ungezwungener Sex, – huch! – Masturbation und – huch! – Blowjobs. Wir sind mit Carrie und Co., mit all dem Sextalk aufgewachsen. Doch die Rollenbilder haben sich verändert. Carrie Bradshaw war eine Revolution. Sie stöckelte durch New York, unabhängig, frei. Kochen konnte sie nicht, wollte sie auch nicht können. Geld investierte sie nicht in Sicherheiten, sondern in Manolos. Sie qualmte wie ein Schlot, sie lebte ohne Plan, ohne Mann, ohne Kinder, dafür immer mal mit einem anderen Typen im Bett. Der konservative Gegenentwurf zu ihr war Charlotte: Chanel, Perlenkette, Schürze, Kinderwunsch. Wer cool war, wollte wie Carrie sein. Wer noch die konservativen Erwartungen der Eltern im Nacken spürte, war eher eine Charlotte.

Jetzt kommen wir, die Millennial-Frauen. Wir backen unsere Mohn-Apfel-Muffins in hübschen Schürzen (#muffinlove), und am nächsten Morgen treiben wir unsere Karriere im Büro voran. Wir können uns, geschminkt wie eine Femme fatale, ins Nachtleben stürzen, aber gleichzeitig auf unserem Blog ein Feminismusmanifest veröffentlichen. Wir können fünf Jahre lang ein wildes Singleleben führen und dann in Vera-Wang-Weiss vor den Altar treten. Was früher bieder war, nennen wir klassisch. Was früher modern oder gar anrüchig war, ist für uns Alltag. Bloss Schubladen soll es keine mehr geben. Wir wollen uns, egal in welchem Bereich, den Widersprüchen hingeben. Vielleicht macht uns das unentschlossen. Vielleicht sind wir aber auch einfach unbekümmert, weil wir wissen, dass wir uns nicht unbedingt entscheiden müssen.

Weil die Welt, im besten Sinn des Worts, aus den Fugen geraten ist. Alles ist denkbar. Nichts ist für immer. Doch wo immer alles gleichzeitig möglich ist, ist eben auch immer alles gleichzeitig offen. So ist vieles, was als typisch Millennials gilt, was an uns gelobt und kritisiert wird, im Grunde typisch für unsere Gesellschaft, für das Leben im Jahr 2016. Was uns beschäftigt, beschäftigt letztlich auch die älteren Generationen; die Generation X, die Babyboomer. Der Unterschied liegt darin, dass wir Millennials in dieser angeblich so verrückten Zeit aufgewachsen sind. Und wir haben entschieden, anders auf all die Unsicherheit, den Stress, die Krisen und die Pluralität zu reagieren als mit Antidepressiva oder Burn-out.

Ja, wir sind verunsichert, manchmal sogar verängstigt. Gleichzeitig ist da aber auch dieser – vielleicht naiv anmutende – Optimismus, der uns antreibt: dass es schon irgendwie klappen wird, wir es schon irgendwie hinkriegen werden. Aber dafür muss man uns erst einmal machen lassen.

Text: Kerstin Hasse, Illustration: Lisa Rock

Kerstin Hasse

Die Junior Editor im Reporterteam findet Menschen und ihre Geschichten spannend. Egal ob die Geschichte traurig oder schön, klein oder gross ist – sie erzählt sie gern.

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