Mommy Makeover

Mommy Makeover: Die nackte Wahrheit

Text: Sven Broder; Foto: Getty Images

Die chirurgische Rundumerneuerung von Müttern soll der letzte Schrei sein. Total okay, findet Sven Broder, wenn es Frau dadurch gelingt, ihren von Geburt und Stillen gezeichneten Körper endlich wieder zu lieben. Doch die Chancen dafür stehen eher schlecht.

Ausgenuckelte Trinkbehälter, Biberschwänze, untertellergrosse Brustwarzenhöfe, hängende Bauchlappen, Schwangerschaftsmarker breit und holprig wie Fussgängerstreifen, eine Vagina... naja, sie sagt nur Medizinball: Beim Beschreiben der Spuren, die Schwangerschaft, Geburt und Kinder in ihre Körper gefressen haben, sind Mütter ausgesprochen deutlich. Man mag als Mann, aber vermutlich auch als Nicht- oder Noch-nicht-Mutter gar nicht hinhören. Man tut es doch, weil Mami offensichtlich Mitleid benötigt. Oder Rücksicht. Oder Verständnis. Oder auch nur ein offenes Ohr. Mann weiss das nie so genau. Es variiert. Nur eine Antwort darauf, das will Mami nicht hören. Was durchaus verständlich ist und auch gut so, weil es auf die «unschönen Folgen der Schwangerschaft», wie es die Ratgeberliteratur formuliert, keine schöne Antwort gibt. Macht nichts. – Wäre gelogen. Wird besser. – Vermutlich auch gelogen. Ich mag dich auch so. – Will niemand hören.

Eine neue Antwort – so könnte man zumindest meinen, weil mal wieder von «Trend» die Rede ist in Zeitungen, Blogs und sozialen Medien – schwappt gerade aus den USA (!) herüber nach Europa: «Mommy Makeover» heisst die Losung und beschreibt ein Bündel an ästhetischen und plastischen Chirurgieeingriffen, um zu richten, was Schwangerschaft, Geburt und nuckelnde Babys aus dem Lot gebracht haben: Schwangerschaftsstreifen werden beseitigt, Brüste angehoben, Brustwarzen versetzt und -höfe verkleinert, Bauchdecken gestrafft, Fett abgesaugt, Schamlippen verkleinert und Vaginas verengt. In den USA ist die chirurgische Rundumerneuerung «seit langem üblich», schreibt die «Welt», «für kalifornische Chirurgen gehört das ‹Mommy Makeover› zum Standard», schreibt die «NZZ am Sonntag» und «eben nicht nur dort», weiss «20 Minuten», «auch hier in der Schweiz stören sich viele Frauen an der nicht mehr straffen Haut ihres Bauches oder den schlaff wirkenden Brüsten». Naja, will man da antworten, kein Wunder! – schliesslich wirken die Brüste nach der Geburt eben nicht nur schlaff, in den meisten Fällen sind sie das auch. Aber eben: Antworten will in diesem Zusammenhang niemand hören. Auch die neue aus den USA nicht. Deshalb rumort es – mal wieder – im digitalen Sandkasten für Mamis, in den Foren und Blogs: Die Meinungen zum #MommyMakeover reichen – mal wieder – von #Aufschrei über #IchLiebeMichWieIchBin bis #GeileIdee. Kurz: Es variiert. Mal wieder.

Ich erinnere mich: Kaum drei Jahre ist es her, da schwappte eine andere Antwort auf den postnatalen Hangover zu uns herüber: #abeautifulbodyproject hiess diese damals. Ins Leben gerufen hatte das Projekt Jade Beall. Die Fotografin und Mutter zeigte «Super-(S)heros», also Mütter, die sich vor der Kamera entblössten, und zwar so, wie ihre Post-Baby-Bodys nach der Geburt wirklich aussahen. Toll, dachte ich damals. Und nicht nur ich. Die Bilder gingen um die Welt, wurden geteilt von Mami zu Mami, so wie jetzt der «Mommy Makeover»-Trend. Doch auch diese Antwort von Jade Beall damals wollten die Mütter – Sie ahnen es – ganz offenbar nicht hören.

Vielleicht hörten sie – und wir alle – deshalb beim nächsten «Trend aus den USA» am besten einfach mal weg. Denn im Grunde, seien wir ehrlich, sollte die Tatsache, dass so ein weicher, butterzarter Busen einmal Milcheinschuss und zurück nicht gänzlich unbeschadet übersteht, doch überhaupt keine Fragen aufwerfen. Und wo keine Fragen wären, bräuchte es auch keine Antworten.

PS.: Mir ist durchaus bewusst, dass Männer bei Diskussionen dieser frauenspezifischen Art am besten einfach die Klappe halten sollten. Aber erstens zeitigt der männliche Körper im Lauf der Jahre auch so seine Durchhänger. Zweitens ist der Penis – Frauen werden da garantiert nicht widersprechen – selbst im Topzustand kein ästhetisches Wunderwerk. Und drittens scheint es Frau noch immer nicht deutlich genug gesagt worden zu sein: Männer mögen Brüste in sehr vielfältiger Ausführung, auch Bauchdecken, Hüften und Vaginas. Männer sind da ziemlich handzahm, um nicht zu sagen gäbig. Besagte weibliche Körperpartien sollten ihn einfach einladen, ab und zu, ihm nicht vorenthalten sein, sondern wärmstens empfohlen. Doch dafür müssten sie eben ein wenig geliebt werden, die Brust, der Bauch, die Hüfte, die Vagina. Primär mal von ihrer Trägerin.

Wie Mami es schafft, ihren Körper wieder zu mögen, ob mit Massagen, Ayurveda, Quarkpackungen, harten Workouts oder einfach so, oder eben per chirurgischer Generalüberholung, ist – auch das sollte eigentlich keine Frage mehr sein – jeder Frau selbst überlassen.

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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