Wie ist es eigentlich

Orang-Utans erforschen

Text: Mathias Plüss / bos-schweiz.ch; Foto: Getty Images

Lynda Dunkel (36) ist Biologielehrerin und Orang-Utan-Forscherin. Uns erzählt sie, wie es ist zu erleben, wie menschlich Orang-Utans sind.

Ich habe an der Universität Zürich studiert. Insgesamt drei Jahre habe ich bislang mit der Beobachtung von Orang-Utans in freier Wildbahn verbracht. Ich war dabei auf der südostasiatischen Insel Borneo stationiert – die Tiere leben sonst nur noch auf der Nachbarinsel Sumatra. Das Verhalten der Orang-Utans auf den beiden Inseln unterscheidet sich deutlich: Das ist das Thema meiner Doktorarbeit. Auf Sumatra gibt es mehr Futter – darum haben die dominanten Männchen mehr Zeit, sich um ihre Weibchen zu kümmern. Sie bieten ihnen Schutz, monopolisieren sie aber auch sexuell. Andere Männchen werden nur geduldet, wenn sie ihre sekundären Geschlechtsmerkmale unterdrücken. Sie bilden dann beispielsweise nicht diese auffälligen Wangenwülste aus und sehen darum fast aus wie Weibchen.

Auf Borneo, wo ich war, sind die Orang-Utans viel intensiver mit der Futtersuche beschäftigt. Ein dominantes Männchen kann die Weibchen und die Konkurrenten in seinem Revier nicht ständig kontrollieren. Die Affengesellschaft wird dadurch instabil, es gibt mehr voll entwickelte Männchen und mehr Machtkämpfe, die manchmal blutig ausfallen.

Auch die Weibchen sind auf Borneo mehr Gewalt ausgesetzt. Einmal war ich dabei, als ein dominantes Männchen ein Weibchen, das noch ein Junges auf sich trug, von einem Baum herunterholte. Er drückte die Mutter auf den Boden, setzte sich auf sie und vergewaltigte sie, obwohl sie sich heftig wehrte. Ich musste dabei zuschauen und auch der Kleine, der zwei Meter darüber an einem Baum hing. In diesem Moment hätte ich am liebsten eingegriffen, aber als Forscherin muss man da professionell bleiben, die Kamera draufhalten und unbeteiligt beobachten.

Solche Szenen gehen einem vermutlich darum so nahe, weil die Orang-Utans so menschlich sind. Wenn ein Hundemännchen auf ein Weibchen draufgeht, reagieren wir weniger heftig. Die Orang-Utans gleichen uns in so vielem – etwa wenn man sieht, wie sie verkohltes Holz fressen, wenn sie Bauchweh haben, oder wie eine Mutter mit ihrem Kind darüber streitet, ob der Kleine noch draussen bleiben darf. Allzu sehr vermenschlichen darf man sie aber auch nicht. So wissen wir beispielsweise nicht, ob eine Vergewaltigung bei ihnen zu einer Traumatisierung führen kann.

Auf keinen Fall möchte ich, dass man die Orang-Utans als Monster sieht. Sie sind feinfühlige, hochintelligente Geschöpfe und verdienen unseren Schutz. Denn trotz vieler Bemühungen von Nichtregierungsorganisationen wie BOS (Borneo Orang-Utan Survival Schweiz) sind sie hochgradig gefährdet. Noch immer werden Konzessionen für Palmölplantagen ausgeschrieben, noch immer werden junge Orang-Utans ihren Müttern entrissen und verkauft. Das ist darum so problematisch, weil die meisten Weibchen in ihrem ganzen Leben höchstens vier Junge haben. Die Kinder werden sechs bis neun Jahre lang gesäugt und auf das Leben im Urwald vorbereitet – in dieser Zeit kann die Mutter keine anderen Jungen haben.

Ich bin alleinerziehende Mutter und arbeite derzeit als Gymnasiallehrerin. Sooft ich kann, gehe ich zurück nach Borneo. Das Leben im Dschungel ist strapaziös: Man muss zwischen drei und vier Uhr aufstehen, watet manchmal den ganzen Tag durch knietiefes Wasser; es gibt keinen Strom und keine richtigen Duschen. Aber mir macht das überhaupt nichts aus. Sehr viel schwieriger ist es für mich jeweils, in unsere kalte, organisierte Welt zurückzukehren.

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