Interview Stefanie Hetjens

Petition gegen die Diskriminierung von Transmenschen

Interview: Miriam Suter

Eine Online-Petition fordert eine Entschuldigung von SRF für abfällige Äusserungen von Viktor Giacobbo und Mike Müller gegenüber Transmenschen. Stefanie Hetjens ist eine Frau mit Transhintergrund und hat an der Petition mitgearbeitet.

In der Sendung «Giacobbo/Müller» vom 3. April wurde die neue, um ein Sternchen ergänzte Bezeichnung der SP-Frauen* zum Thema. Das Sternchen bedeutet, dass mit dem Ausdruck «Frauen» auch Frauen mit Transhintergrund angesprochen werden. Also jene Frauen, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. Mike Müller äusserte sich beispielsweise so: «Früher hat sich der einfache SP-Arbeiter gefragt beim Pinkeln: Darf ich stehen, oder muss ich mich hinsetzen? Heute ist das anders. Heute überlegt sich die SP-Transe: Bin ich schon so weit operiert, dass ich beim Pinkeln noch stehen kann, oder muss ich sowieso absitzen?»

Während der Sendung fiel mehrmals der Begriff «Transe», der laut dem Transgender Network Switzerland in der Umgangssprache als diskriminierendes Schimpfwort verwendet wird. Nun hat ein feministisches Netzwerk eine Online-Petition lanciert, in der eine öffentliche Entschuldigung von Viktor Giacobbo und Mike Müller bei allen Transmenschen gefordert wird. 

Stefanie Hetjens ist eine Frau mit Transhintergrund und hat mit uns darüber gesprochen, was die Sendung bei ihr ausgelöst hat und was für ein gesellschaftliches Umdenken gegenüber Transmenschen wichtig ist.

annabelle.ch: Stefanie Hetjens, in der Sendung vom 3. April hat sich das Komikerduo Viktor Giacobbo und Mike Müller über Transmenschen geäussert. Nun gibt es eine Online-Petition von verschiedenen Schweizer Trans-Netzwerken und Aktivistin.ch, die eine öffentliche Entschuldigung von den beiden fordert – daran haben Sie mitgearbeitet. Warum?
STEFANIE HETJENS: Lassen Sie mich das kurz ausführen: Es haben sich bisher viele Schweizer Organisationen aus dem LGBTI-Bereich angeschlossen – unter anderem Queeramnesty, Terre des Femmes oder die Lesbenorganisation Schweiz – und natürlich Aktivistin.ch, das feministische Kollektiv, das diese Petition gestartet hat. Die Petition wird folglich nicht nur von Transorganisationen getragen. Auch Cismenschen, also Menschen, die nicht trans sind, sind der Meinung, dass die getätigten Aussagen über Transmenschen nicht korrekt sind. Ich bin eine ganz normale Frau mit einem Transhintergrund, das heisst, ich habe meine Geschlechtspräsentation meinem inneren Selbstverständnis und meiner Empfindung angepasst. Früher haben mich andere Menschen als Mann gesehen, heute werde ich als Frau wahrgenommen. Mir sind Meinungsfreiheit und auch Satire wichtig. Sie sind ein entscheidender Grundpfeiler unserer Demokratie, aber es gibt Grenzen. Viktor Giacobbo und Mike Müller haben mit ihren Aussagen diese Grenzen überschritten. Sie haben aus ihrer überlegenen Position heraus – als Teil von SRF, als Männer, als Cismenschen – menschenverachtende Aussagen über eine kleine Minderheit gemacht, die mit viel Diskriminierung zu kämpfen hat. Und das tut man einfach nicht, deswegen unterstütze ich diese Petition. Viktor Giacobbo hat vor ein paar Tagen einen Tweet geschrieben:

Abgesehen davon, dass das keine Entschuldigung ist, wirft er zweierlei in einen Topf. Es ist ein grosser Unterscheid, ob man über Katholiken – zu denen er sich vielleicht selbst zählt, ich weiss es nicht –, also etwa 40 Prozent der Bevölkerung einen Witz macht, oder ob man eine kleine Minderheit, die mit vielen Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen hat, verbal zusammenschlägt.

Rückt eine solche Aktion Transmenschen nicht in eine Opferposition?
Viele Transmenschen sind schon in der Opferposition. Die Arbeitslosigkeit von Transmenschen in der Schweiz ist viermal höher als die von Cismenschen. Viele Transmenschen leben am Existenzminimum. Dazu kommt der innere Kampf mit sich selbst. Viele Transmenschen nehmen sich das Leben, weil sie den gesellschaftlichen Druck und die Diskriminierung, auch von der eigenen Familie, nicht mehr aushalten. Sobald deine Geschlechtszugehörigkeit für andere nicht klar erkennbar ist, bist du als Transperson Willkür, Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, auch in der Schweiz. Das ist schlimm.

Was haben die Aussagen in der Sendung bei Ihnen persönlich ausgelöst?
SRF hat in letzter Zeit mehrfach transphobe Aussagen in verschiedenen Sendungen ausgestrahlt. Die Aussagen in der Sendung «Giacobbo/Müller» vom 3. April sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Aussagen haben mich angegriffen und verletzt. Die boshafte Art und Weise, wie sie vorgetragen wurden, machen mir Angst. Das Fernsehen hat eine starke meinungsbildende Kraft in unserem Land und kann Menschen gegeneinander aufhetzen. Wenn Mike Müller sagt, dass es in Ordnung ist, Transfrauen «Transen» zu nennen und sie menschenverachtend zu behandeln, kann ich jetzt schon sagen, dass mir und meinen Freunden das demnächst auf den Strassen von Zürich wieder passiert.

«Giacobbo/Müller» ist eine Satire-Sendung. Wo hört bei Ihnen die Freiheit von Satire auf?
Die Freiheit von Meinungsäusserung und Satire geht weit, aber nicht bis zu menschenverachtenden Aussagen. Und erst recht nicht im Programm von SRF. Menschenverachtende Aussagen sind nicht gedeckt durch den Service-Public-Auftrag der SRG. In dem steht ganz klar: «Die SRG unterscheidet sich von kommerziellen Anbietern, weil sie Mehr- und Minderheiten berücksichtigt.» Im Leitbild der SRG wird unmissverständlich geschrieben, dass die Achtung der Würde des Menschen eine Grundvoraussetzung für ihr Programmschaffen ist. SRG und SRF möchten einen gesellschaftlichen Zusammenhalt schaffen. Wie wollen sie das erreichen, wenn sie über eine kleine Minderheit menschenverachtende Falschaussagen zur Primetime verbreiten? 

Was bringt eine erzwungene öffentliche Entschuldigung von SRF?
Erstens würde es ein Signal senden, dass Herr Giacobbo und Herr Müller zu weit gegangen sind und Transmenschen den gleichen Respekt verdienen wie alle Menschen. Ein zweiter Aspekt der Petition, den wir vorher nicht bedacht haben, sind die positiven Rückmeldungen, die sie bereits ausgelöst hat. Das baut auf und ist schon ein Teilerfolg. Was Viktor Giacobbo und Mike Müller lustig finden, scheinen viele Menschen als verletzend wahrzunehmen. Vielleicht sollte die Sendung früher als wie geplant 2016 abgesetzt werden?

Inwiefern erfahren Sie abschätzige und respektlose Behandlungen von Mitmenschen in Ihrem Alltag?
Viele Menschen merken nicht, dass ich einen Transhintergrund habe. Das schützt mich. Eine Freundin von mir wurde vor kurzer Zeit am Limmatplatz – also mitten in Zürich – von einem Mann geschlagen, als er ihren Transhintergrund herausfand. Ich wurde bisher in Zürich nur mehrmals als «Scheiss-Transe» beschimpft. Freunde, Bekannte und Familie stehen hinter mir und unterstützen meinen Weg. Transfrauen haben es in der Gesellschaft besonders schwer. In meiner Transition wurde mir sehr klar, wie wenig Rechte Frauen in unserer Gesellschaft haben. Es ist ein krasses Gefühl, wenn du merkst, wie wenig ernst du genommen wirst, nur weil du auf einmal als Frau wahrgenommen wirst. Transfrauen haben allerdings noch weniger Rechte als Cisfrauen: Es scheint zum Beispiel akzeptabel zu sein, von Fremden über die Genitalien ausgefragt zu werden.

Wie kann ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden?
Zwei Dinge sind wichtig: Erstens, dass die Gesellschaft versteht, dass niemand trans sein möchte, das ist keine freiwillige Entscheidung. Ich habe mir nicht ausgesucht, trans zu sein und mein Geschlecht zu ändern. Ich habe nur irgendwann eingesehen, dass ich meine Geschlechtspräsentation ändern muss, damit ich überlebe. Koste es, was es wolle, und ich kann sagen: Es kostet viel Kraft.
Zweitens: Transsein ist etwas ganz Normales. Das renommierte Wissenschaftsmagazin «Nature» hat in einer seiner letzten Ausgaben genau diese Aussage bestätigt. Und sind wir mal ehrlich, jeder Mensch kommt in seinem Leben irgendwann an den Punkt, an dem er oder sie Entscheidungen treffen muss, die den Verlauf des Lebens gravierend ändern können. Und Transmenschen ändern ihre Geschlechtspräsentation. Ja und? Tut niemandem weh. Es gibt Untersuchungen darüber, wo die Ausländerfeindlichkeit am grössten ist. Es ist in Gebieten, in denen keine ausländischen Menschen leben. Und dasselbe gilt für Transmenschen. Die aktuelle Sichtbarkeit von Transmenschen in den Medien führt zu zwei Dingen, die die Gesellschaft ändern können: Zum einen können sich mehr Menschen ein Bild davon machen, dass Transsein nichts Schlimmes ist, und zum Zweiten werden Transmenschen, die ihr Coming-out vor sich haben, ermutigt, ihren Weg zu gehen. Aber keine Angst, niemand wird «trans gemacht», der oder die es nicht ist.

— Die Online-Petition des feministischen Netzwerks Aktivistin.ch finden Sie auf change.org

Nachtrag der Redaktion: Die Stellungnahme von Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy und Quiz, SRF

Bei dem betreffendem Thema war der Ausgangspunkt die neue Bezeichnung der ‚SP-Frauen*‘, die in der vergangenen Woche für Schlagzeilen gesorgt hat. Dass dieses Thema in einem satirischen Wochenrückblick aufgegriffen wird, liegt auf der Hand – und dass es dann eben auch satirisch behandelt wird, d.h. überspitzt und übertrieben ad absurdum geführt wird. Ziel war nicht, Transmenschen zu diffamieren. Es handelte sich nicht um einen Sketch, sondern um einen Wortlaut, den Viktor Giacobbo und Mike Müller wie üblich nach Stichworten gestaltet haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass Satire aneckt und Diskussionen auslösen kann.

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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