Familie

Platonic Parenting: Freunde mit Kind

Text: Michèle Roten; Illustration: Marina Muun

Müssen Eltern zwingend auch ein Liebespaar sein? Nein, findet Autorin Michèle Roten. Im Gegenteil: Platonic Parenting hat überzeugende Vorteile.

Bei kaum einem Thema ist sich unsere Gesellschaft so einig: Das Sanctum sanctorum sind Kinder. Ihr Wohlergehen, ihre Zukunft, ihre Chancen stehen an erster Stelle. Und wir haben genaue Vorstellungen darüber, was so ein Kind braucht. Allem voran: Stabi- lität. Hingebungsvolle Eltern, eine Frau und ein Mann, die sich lieben. Das ist das Beste für die Kinder, findet man auch 2017 noch. Und dieses Modell wird mit Inbrunst hochgehalten, auch wenn es das, was gemeinhin als das Schlimmste für Kinder gilt, im Kern schon in sich trägt: dass sich die Eltern trennen. Was in fünfzig Prozent der Fälle passiert.

Warum müssen Eltern denn eigentlich romantisch involviert sein miteinander, finden nun immer mehr Menschen und haben Kinder mit anderen Menschen, die sie nicht begehren, aber für geeignet halten zum Kinderaufziehen. Platonic Parenting heisst der Trend, und wenn dieses Modell ernsthaft Fahrt aufnimmt, könnte es etwas vom Besseren sein, was unserer Welt in letzter Zeit so passiert ist.

Es ist folgerichtig, dass wir an diesem Punkt angelangt sind. Aber es war ein langer Weg. Ungefähr vier Millionen Jahre brauchte es, bis wir zur Einsicht gelangt sind, dass die Formation Frau + Mann = Familie-mit-Kind nicht die einzig mögliche – oder richtige ist. Zuerst einmal mussten wir feststellen, dass eine Heirat nicht der Weg zum Glück ist – die Scheidungsquote in der Schweiz und Europa bewegt sich seit Jahren um die eingangs erwähnten fünfzig Prozent herum und spricht eine deutliche Sprache. Dann galt es zu akzeptieren und rechtlich anzuerkennen, dass auch unverheiratete Paare Eltern sein können. Wir mussten uns damit auseinandersetzen, dass auch homosexuelle Paare Kinder wollen – dieser Prozess ist leider noch weit von einem gesellschaftlichen Daumen-hoch entfernt, aber es kann sich nur um ein paar Tausend Studien mehr handeln, die zeigen, dass solche Familien genauso glücklich oder dysfunktional sind wie bei Heteropaaren. Dazu kommen noch die Singles mit Kinderwunsch, die ungewollt Schwangeren, die Patchworkfamilien, was alles dazu führte, dass die Gesellschaft sich ernsthaft fragen musste: Was ist eine Familie, und worum gehts noch mal?

Eine Familie, da ist man sich recht einig, ist eine Kombination von zwei (oder mehr) Erwachsenen und Kindern. Die Gebundenheit an geschlechtliche Unterschiedlichkeit dieser Erwachsenen ist in Auflösung begriffen (siehe oben), und was sich jetzt gerade noch verabschiedet, ist einzig und allein das ungeschriebene Gesetz, dass diese beiden Personen sexuell involviert sein müssen miteinander. Ganz ernsthaft: Ist es wirklich sooo wichtig für Kinder, dass ihre beiden Hauptbezugspersonen miteinander schlafen? Eben. Die Heteros haben es von der LGBTQ-Community gelernt: Da gibt es schon lange Foren für schwule Männer, die ein Kind wollen, oder lesbische Paare, die nicht nur einen Samenspender, sondern einen Vater suchen. Inzwischen gibt es Websites wie Familyship.org, die auch Heteros ansprechen. Und sie florieren. Im Angebot gibt es alles – von Männern, die «aktive Väter» sein wollen, über Frauen, die «Mutter mit Tantenfunktion» wählen, wo der Lebensmittelpunkt des Kindes also beim Vater/bei den Vätern liegt, bis hin zu «Yes-Samenspendern», einfach hilfsbereiten Männern.

Die Members lernen sich kennen, so lange und so gut wie möglich, und sie besprechen und fixieren wichtige Fragen: Erziehung, Sorgerecht, Finanzen, Reli- gion, Wohnsituation, wer hat das Kind wann, und wie oft sind alle zusammen und so weiter – völlig logische Punkte, die werdende Eltern in normalen Arrangements allerdings oft aus Gründen der Romantik nicht explizit klären. Wenn zwei Verliebte ein Kind erwarten, so steckt das immer noch in unseren ach so aufgeklärten Köpfen, dann wird eh alles gut, eben weil man sich ja liebt. Aber die Liebe holt weder das Kind von der Krippe ab, wenn es krank ist, noch bezahlt sie die Rechnungen. Neue Eltern sprechen oft von ihrem «kleinen Wunder» – und genauso wundersam soll sich der Rest von allein klären. Und dann werden genau diese Punkte zu Stolperfallen für die Beziehung. Oh Wunder.

Die Chance, dass das Kinderhaben selber zum Problem wird, ist also in einer Beziehung, die explizit zum Kinderhaben eingegangen wird, logischerweise kleiner. Ebenso leuchtet es ein, dass Beziehungen, die emotional so aufgeladen sind wie Paarbeziehungen, dramatischer zerbrechen als Freundschaften oder Zweckbeziehungen. Wenn alle Wünsche und Bedürfnisse auf einen Menschen projiziert werden – sexuelle Erfüllung, zwischenmenschliche Nähe, intellektuelle Herausforderung, Geborgenheit, kompatibles Elternsein, vielleicht sogar noch finanzielle Sicherheit –, dann zerbricht mit der Beziehung nicht nur eine Welt, sondern oft gleich alle zusammen. Haben Sie schon mal einen Tisch gesehen, bei dem alle vier Beine auf einem Punkt stehen? Sind die Bedürfnisse neben dem kompatiblen Elternsein jedoch outgesourct, wird ein Seitensprung des Sexualpartners sich nicht auf das Verhältnis zum anderen Elternteil des Kindes auswirken.

Schiefgehen kann es natürlich immer. Wie das halt so ist, wenn Menschen gemeinsam etwas machen, sei das ein Kind oder eine Firma gründen. Aber denken Sie mal an Ihre langjährigste Freundschaft – und wie oft Sie sich bei der Person über eine Trennung ausgeheult haben. Es wird wenig Partnerschaften von dieser Dauer geben, in denen eine ähnlich hohe Zahl an zerbrochenen Freundschaften beklagt wurde. Freundschaften sind stabiler, und meistens ist auch da so viel Liebe, dass die Vorstellung, mit dieser Person ein Kind aufzuziehen, wenn man sie sich mal gestattet, sehr schön und erstaunlich naheliegend ist.

Noch ein gesellschaftliches Ärgernis könnte sich mit dem Modell Elternschaft minus Romantik zum Besseren wenden: die finanzielle Lage von Frauen nach der Pensionierung. In einer Platonic-Parenting-Situation werden Frauen weniger oft bis nie die Hausfrau-und-Mutter-Wahl treffen (können), um dann nach der Trennung und bei der Renteneinschätzung zu merken, dass diese romantische Entscheidung ein riesiges Loch in ihre Altersvorsorge gefressen hat.

Letztlich ist Platonic Parenting auch einfach das, was immer mehr Ex-Paare heute praktizieren. Je mehr sich der Druck auf die Ehe vermindert – niemand glaubt mehr, dass man wegen einer Scheidung in die Hölle kommt; Frauen begeben sich immer weniger in eine finanzielle, emotionale und soziale Abhängigkeit von ihren Männern –, desto eher ist es auch möglich, nach einer Trennung freundschaftlich verbunden zu bleiben. Es sind nicht mehr nur Freakfälle, wo sich die getrennten Eltern dafür entscheiden, in einer WG-Situation weiterhin zusammenzuwohnen – aber halt ihre amourösen Bedürfnisse anderswo zu befriedigen. Die Trennung von Romantik und Elternschaft ist eigentlich die Antwort auf das private You Can Have It All: Die profunde, alles verändernde Erfahrung, ein Kind aufzuziehen, und ein Leben daneben mit Spass, Abenteuer und Freiheit – und bestenfalls kommt dazu sogar noch eine tiefe, stabile Beziehung mit dem Significant Other des Kindes.

Aber besonders reaktionäre oder romantische Gemüter sollten sich nicht allzu sehr sorgen. Den klassischen Fall Frau + Mann + Liebe = Familie wird es immer geben. Genauso wie Frau + Mann + Alkohol = Familie – Mann. Oder Frau + Torschlusspanik + Mann = Familie – Mann. Aber in Zukunft vielleicht auch vermehrt Mensch + Mensch + Freundschaft = Familie. The Kids will be alright.

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