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Rose Wawuda kämpft für Gleichstellung der Geschlechter

Interview: Helene Aecherli

  • «Sechzig Prozent Frauen in führenden Positionen wären grossartig», Rose Wawuda

Forsche Kämpferin: In Kenia setzt sich Rose Wawuda als Gender Officer für die Gleichstellung von Frau und Mann ein. Und dafür, Frauen als Friedensvermittlerinnen anzuerkennen.

annabelle: Rose Wawuda, Sie setzen sich für eine Zweidrittelmehrheit der Frauen in Politik und Wirtschaft ein. Eine solche Forderung würden wir in der Schweiz nicht zu stellen wagen.
Rose Wawuda (lacht): Wenn man etwas verändern will, muss man nach den Sternen greifen. Sechzig Prozent Frauen in führenden Positionen wären grossartig. Die Männer hier haben zu lange dominiert. Aber ich bin realistisch: Unser Ziel ist erst mal dreissig Prozent.

Wie viel Widerstand gibt es?
Von offizieller Seite wenig. Dass Frauen wie Männer in Macht- und Entscheidungspositionen vertreten sein sollen, wurde 2010 in unserer Verfassung verankert. Doch steht uns viel Arbeit bevor. Denn Analphabetismus, mangelndes politisches Wissen und patriarchalische Normen binden Frauen zurück. So gehört es sich in weiten Teilen Kenias für Frauen nicht, ihre Stimme zu erheben. Politisch aktiv werden gilt als reine Männersache. Genau das müssen wir ändern.

Eine Herkulesaufgabe. Wie gehen Sie dabei vor?
Ein Jahr vor den Wahlen 2013 führte die Coalition for Peace in Africa ein politisches Trainingsprogramm durch, für das hundert Frauen aus dem ganzen Land rekrutiert wurden. Wir schulten sie zu den allgemeinen Menschenrechten, brachten ihnen bei, wie man wählt, Kampagnen lanciert, kommuniziert und Sponsoren sucht. Denn politische Partizipation ist teuer. Diese Frauen gingen danach in ihre Dörfer zurück und gaben ihr Wissen an die Frauen ihres Clans weiter.

Mit Erfolg. Im kenianischen Parlament sind heute 86 von 290 Sitzen von Frauen besetzt.
Ja, und ich hoffe, dass es nach den Wahlen 2017 noch mehr sein werden. Denn gerade als Friedensvermittlerinnen zwischen den Clans spielen Frauen eine zentrale Rolle. Diese Kunst der Vermittlung ist für unser Land vordringlich. Nur wird diese Rolle von der Bevölkerung nicht erkannt. Nun geht es auch darum, jene Frauen sichtbar zu machen, die Herausragendes leisten.

Ein Beispiel?
Im Nordosten von Kenia, in Wajir, kam es immer wieder zu Kämpfen zwischen den Stämmen. Man stritt um Macht oder Wasserplätze für die Tiere; die Frauen des einen Stamms kauften auf dem Markt nicht einmal mehr Lebensmittel von jenen des anderen Stamms. Das Schlimmste aber waren die Vergewaltigungen. Wurde ein Mädchen des einen Stamms vergewaltigt, rächten sich die Männer, indem sie ein Mädchen des anderen vergewaltigten. Eines Tages beschloss eine Frau, Frauen aller Stämme gegen die Rachevergewaltigungen zu mobilisieren. Erst redete sie mit den eigenen Frauen, dann mit Frauen der anderen Clans. Sie überzeugte sie davon, dass alle gewinnen, wenn Frieden herrscht.

Wie holten sie die Männer an Bord?
Die Initiantin der Mobilisierungskampagne erhielt über eine der alten, respektierten Frauen die Chance, bei den Männern für ihr Anliegen zu werben. Sie muss sehr überzeugend gewesen sein, denn die Männer hörten ihr zu. Danach begannen sie die Kampagne mit anderen Männern des Clans zu diskutieren und holten schliesslich die jüngeren an Bord, die die Kunde wiederum an die Männer der anderen Clans weitergaben. Irgendwann redeten alle in der Region von Frieden, die Frauen fingen sogar wieder an, auf dem Markt Milch und andere Lebensmittel voneinander zu kaufen.

Das hört sich fast zu schön an, um wahr zu sein. Die Vergewaltigungen hörten wohl kaum einfach so auf.
Nein. Aber sie wurden weniger. Und wann immer ein Mädchen von einem Mitglied eines anderen Stamms vergewaltigt wurde, schwärmten die Frauen aus, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Sie schafften es sogar, die Behörden einzubinden und die Vergewaltiger mit Gefängnis zu bestrafen.

Ist dieser Frieden nachhaltig?
Leider nein. Erst vor kurzem sind die Kämpfe zwischen den Stämmen wieder aufgeflammt.

Warum konnten die Frauen die Kämpfe nicht mehr zurückhalten?
Viele hatten wohl keine Kraft mehr. Und seit die Terrorgruppe al-Shabaab in die Region vorgedrungen ist, ist das Leben noch schwieriger geworden.Furchtbarer Höhepunkt war das Massaker an der Universität von Garissa letzten April, bei dem 148 Studentinnen und Studenten ermordet wurden.

Sind Sie entmutigt?
Nein. Ich habe gesehen, was die Frauen in Wajir zustande gebracht haben. Das zeigt, dass sie alle Fähigkeiten haben, die es braucht, um Frieden zu stiften.

Rose Wawuda (49) ist Gender Officer bei der Coalition for Peace in Africa in Nairobi und Botschafterin der NGO 1000 Frauen für den Frieden. Mehr Infos: www.1000peacewomen.org

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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