England

Royal Bad Boy: Dreissig Jahre Prinz Harry

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Fotos: Getty Images

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Immer unter Beobachtung: Bad Boy Harry ist dreissig – und ziemlich männlich – geworden

Harry besitzt die seltene Gabe, Menschen zu bewegen. Muss er da ausgerechnet auf eine militärische Karriere setzen?

Wir lieben Harry, aber wen liebt er? Prinz Henry Charles Albert David of Wales – und der Sinn des Lebens.

Es prangt nun eine grosse Drei auf dem royalen Rücken. Aber anders als die meisten adeligen Altersgenossen, die in diesem Alter so langsam aktiv auf Brautschau gehen und schon mal die Familienautokataloge durchblättern, lebt Harry liebestechnisch einfach weiterhin in den verregneten englischen Tag hinein. He couldn’t care less – er pfeift drauf! –, dabei möchten wir das doch offenbar so gern anders. Ständig wird Prinz Henry Charles Albert David of Wales unterstellt, auf der Suche nach der ganz grossen Liebe zu sein. «Plötzlich Prinzessin» reloaded – dann kann er seiner Auserwählten ein Krönchen aufsetzen, und es wird in einem Kleid von Sarah Burton oder Jenny Packham geheiratet. Royales Entertainment vom Feinsten, und wir müssen uns wieder eine Weile nicht mit uns selbst auseinandersetzen.

Aber Moment, wir schreiben das Jahr 2015. Wie sind wir nur so spiessig geworden? Darf man wirklich mit über dreissig nicht mehr Single sein, ohne unglaubwürdig zu werden? Ist Prinz Harry die neue Bridget Jones? Und wo ist überhaupt der kleine Prinz geblieben?

Die Welt scheint in einen handfesten Harry-Konflikt geraten zu sein. «The spare» (die Zweitbesetzung), wie Harry liebevoll von seiner Familie genannt wird, hat ein Problem. Trotz oder gerade wegen seiner ständigen Verstösse gegen das royale Protokoll – nach denen er sich jeweils mit entwaffnendem Bambiblick öffentlich entschuldigt (Nacktfotos aus Las Vegas? «Es war womöglich ein klassischer Fall von zu viel Armee, zu wenig Prinz. So einfach ist das») – lieben wir den Prinzen wie unser eigen Fleisch und Blut. Kaum einer, der Harry nicht mag, den Harry nicht zum Lachen bringt, der nicht mit dem 13-jährigen Harry geweint hat, als dieser seiner verstorbenen Mutter eine selbst gebastelte Karte ins Grab legte. Harry ist anders als William. Harry ist quasi der personifizierte kleine Bruder, der einem regelmässig ein ungläubiges, aber liebevolles Kopfschütteln entlockt, dessen verrückten Geschichten man sich jedoch nicht entziehen will. Wir begleiten den Prinzen, der schon als Zweijähriger den Paparazzi die Zunge herausstreckte, auf all seinen Wegen. Und er begleitet uns.

Alle lieben Harry, aber wen liebt jetzt eigentlich er?

Nun ist der Vierte in der Reihe der Thronfolger tatsächlich schon dreissig, Zeit, zurückzublicken, nicht nur für ihn – auch für uns. Und wir stellen fest, es folgt eine Art Gluckenreflex: Harry, du darfst nicht erwachsen werden. Denn das würde bedeuten, dass wir das auch endgültig tun müssen.

Höchstens unter einer unwiderruflichen Bedingung könnten wir uns vorstellen, Harry loszulassen: Eine schöne Prinzessin muss her, damit wir eine tränenreiche Hochzeit, tolle Schwangerschaftsmode «princess stylish» und süsse, aufmüpfige Nachkommen erleben dürfen. Dazwischen gibt es nichts, entweder Partyskandale oder Zwangsheirat. Harry, denk an deinen Entertainmentauftrag!

Bei seiner Vermählung würde der Brite natürlich eine Uniform (ohne Nazi-Armbinde) tragen, die liebt der Militärfan, und in denen sieht er unglaublich galant aus, obwohl er eigentlich nie der schöne Märchenprinz war. Ja, er hat Haare wie eine saftige Wiese, im Gegensatz zu Bruderherz William. Aber er war immer eher der Strubbelprinz, der mit der Boris-Becker-Frisur, bei dem der Anzug nicht sass. Doch der schusselige Sprössling hat sich zum Mann gemausert und wird von Jahr zu Jahr selbstbewusster und charmanter. Er ist der gefragteste Bachelor des Landes. Die britische «GQ» hat den Prinzen mehrmals in die Liste der Best-Dressed Men in Britain gewählt, einmal sogar unter die Top 5. Bei aller Liebe – aber da fragt man sich schon, ob Grossmutter der Redaktion kurz vor Votingende einen kleinen Erpressungsbesuch abgestattet hat.

Es stimmt, Harry ist immer wie aus dem Ei gepellt – jedoch nur im Rahmen des strengen Protokolls, das bei öffentlichen Events einzuhalten ist, und da hat er so gut wie keinen modischen Spielraum. Teilweise sind Farbe und sogar genauer Schnitt der massgefertigten Anzüge vorgegeben, gegen britische Akkuratesse an staatstragenden Anlässen ist Dresscode Black Tie die reinste Mottoparty. Wenn wir etwas genauer hinschauen und Harry in seiner Freizeit erwischen, sieht es mit der Modegenauigkeit nämlich etwas anders aus. Das wahre modische Selbst des Prinzen besteht aus Mokassins oder Segelschuhen, Windjacken, Poloshirts und schlecht sitzenden Jeans. Und das Schlimmste: Fleece, überall Fleece! Nein, das Fashion-Gen hat Harry, anders als das scheue Lächeln, nicht von seiner Mutter Diana geerbt. Aber sogar das macht ihn liebenswert. Selbst seine Nachlässigkeit in Sachen Mode finden wir irgendwie sympathisch, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass alles, was sich nicht an die Regeln hält, doch per se interessant ist, oder?

Das hat Harry längst erkannt, er ist kein geschniegelter Langweiler, sondern ein Lebemann, bei dem das Herz am rechten Fleck schlägt. Er tritt zwar von einem Fettnäpfchen ins nächste, aber verziehen wird ihm doch alles. Mit seinen Provokationen und Ausfälligkeiten tut er allerdings auch niemandem ernsthaft weh – abgesehen von der Gefährdung des Seelenfriedens der Queen vielleicht. Harry ist ein Schlawiner, nicht böse, aber ein Bad Boy. Für uns ist das amüsant, unterhaltsam und erfrischend.

Klingt fast nach einem Traumimage für die stocksteifen Royals – steckt hinter Harrys Eskapaden womöglich gar ein ausgeklügelter PR-Plan? Kaum. Aber mittlerweile dürfte auch die Queen eingesehen haben, dass ihr Dirty Harry geradezu ein Jungbrunnen für das angestaubte Image der Monarchie ist. Die Königsfamilie ist derzeit besser gecastet als «One Direction» – für jeden etwas dabei: der biedere Charles, die stilsichere Kate, der galante William, der knuffige George, everybody’s Oma, die Queen, und eben Harry, der Rabauke. Harry ist kein Prinz, wie er im Buche steht, aber das ist Albert von Monaco auch nicht, und den mag trotzdem niemand. Prinz Harry hat den Robbie-Williams-Charme, das Abenteuerlachen und ist in Sachen Coolness die Kate Moss der royalen Familie. Er hat einen ebenso ausgeprägten Blondinenfetisch wie Leonardo Di Caprio und ist am Ende einfach mehr Popstar als Prinz – und ein Popstar muss die Feste bekanntlich feiern, wie sie fallen.

Dennoch hat Harry auch eine ernste Seite. Er ist Vorsitzender mehrerer gemeinnütziger Stiftungen und hat eine Militärausbildung absolviert. Für seinen Patriotismus und dafür, dass er unbedingt in den Krieg ziehen wollte, stand der Prinz allerdings auch schon häufig in der Kritik. Kriegsverherrlichend sei das, und ausserdem würde er seine Mitsoldaten in Gefahr bringen – ein Royal auf dem Kampffeld, ein attraktives Ziel für den Gegner.

Es ist nicht verwerflich, dass Harry, mit dreissig, nach einem tieferen Sinn im Leben sucht. Es dürfte nicht einfach gewesen sein, unter den wachsamen Augen der Öffentlichkeit – und im Land mit der härtesten Klatschpresse der Welt – aufzuwachsen. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Harry im Schatten des unfehlbaren William, des künftigen Thronfolgers, sogar die Nannies sollen den Erstgeborenen klar bevorzugt haben. Harry wurde in die Rolle des sensiblen Nesthäkchens gedrängt, des Daumenlutschers in gestreiften Seidenpyjamas, dem im Auto schlecht wurde.

Das hinterliess Spuren. Harry war und ist bisweilen noch heute auf der Suche nach Orientierung. Auch in Liebesdingen: Unter den Problemen seiner Eltern Diana und Charles litt der junge Prinz von Anfang an, er kannte die Liebe nicht anders – wie viele von uns sucht er noch nach dem perfekten Beziehungsmodell. Doch muss diese Sinnsuche ausgerechnet in einer militärischen Karriere münden? Er ist doch viel mehr als der Partyprinz, der gern jagen geht. Er besitzt die seltene Gabe, Menschen zu bewegen. Mit diesem Geschenk sollte er sich ganz auf seine Arbeit im Charity-Bereich konzentrieren. Soldaten gibt es doch wahrlich genug auf der Welt.

Jedenfalls mit der passenden Frau für diese Unterfangen hätte es neulich in Dubai fast geklappt. Wir standen – da waren sich abermals alle einig – ganz kurz vor einer royalen Hochzeit. Anastasia Plewka, das deutsche Model mit den Lana-Del-Rey-Lippen, macht sich derzeit mit ihrer «Nacht mit Harry» interessant. Sie habe den «Blaublüter» allerdings eiskalt abblitzen lassen, weil sie ein «stolzes Mädchen» sei – nicht zu stolz allerdings, um diversen Klatschblättern Interviews zu geben. Auch in den Archiven der Ex-Freundinnen ist wohl nicht mehr viel zu holen. Langzeitfreundin Chelsy Davy ist mittlerweile Anwältin und Geliebte eines Juweliers, und die talentierte Verflossene mit den Schauspielambitionen, Cressida Bonas, erobert lieber Hollywood als den Buckingham Palace - ob sie Grace Kellys Biografie abgeschreckt hat?

Wir dürfen also gespannt sein, was unser Harry als Nächstes tun wird. Auf Twitter ist er seit neustem, vielleicht demnächst auch auf Tinder? Um uns die Wartezeit zu verkürzen, läuft in den USA eine Datingshow mit dem klingenden Namen «I Wanna Marry Harry», eine Art «Bachelor» für Prinzen. Nur dass der «Prinz» ein Schauspieler ist und die unwissenden Kandidatinnen tatsächlich glauben, Prinz Harry wolle sich live im TV verkuppeln lassen. Aber keine Angst, so verzweifelt ist er noch nicht, alle Möchtegernprinzessinnen können weiter hoffen, das hält die Spannung und ist gut fürs Image. Singles sind einfach besser zu vermarkten – genau: Popstarregel Nummer eins. Auf weitere dreissig Jahre Bachelorleichtsinn! Das Leben des Prinz Harry: ein Märchen in Pop Art.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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