Editorial von Silvia Binggeli

Schrank-Tagebuch

Text: Silvia Binggeli; Foto: Flavio Leone

annabelle-Chefredaktorin Silvia Binggeli über die neue Rubrik «Chez moi», die Bedeutung von Kleidern und die anstehende annabelle-Soirée.

Müsste Regina Rüfenacht alle ihre Kleider bis auf eins weggeben, würde sie einen Leinenkimono behalten – der sie auf all ihren Reisen begleitet. Sie trauert immer noch einem «rattenscharfen pinken» Badeanzug nach, der ihr mit zwölf geklaut wurde. Und ihr Talisman ist eine goldene ägyptische Münze ihrer Grossmutter.

Die 40-jährige Bernerin ist die erste Protagonistin unserer neuen Rubrik «Chez moi», in der wir Schweizerinnen jeden Alters mit unterschiedlichen Leben, Berufen und Stilen vorstellen. Sie werden von unseren Moderedaktorinnen bei sich zuhause gestylt und erzählen, was Mode für sie bedeutet.

Nichts ist uns täglich physisch näher als Kleider, niemand geht ohne Stoff aus dem Haus, keine Frau und kein Mann, ohne sich vorher zu überlegen, welchen Zweck dieser Stoff erfüllen soll. Vielleicht soll er nur vor Regen schützen oder bequem für eine Velofahrt zum Markt sein. In den meisten Fällen aber hat man bei der Kleiderwahl eine Situation im Kopf, eine Begegnung, eine Sitzung, eine Reise, denkt daran, wie man wirken will mit dem, was man trägt: stark, aufregend, locker, überzeugend. Oder wie man sich fühlen möchte: leicht, geschützt, verträumt, düster.

Die Wahl der Kleidung passiert mal intuitiv und schnell, mal mit Zeit und Musse, mal ganz leicht, mal genervt, weil nichts passen will. Aber höchstens in Not oder mit dem schlimmsten Kater unbewusst. Oder wie oft begegnen Sie auf der Strasse jemandem mit zwei unterschiedlichen Schuhen?

Kleider sind für manche nebensächlich, für andere bedeuten sie die Welt. Sie stehen für Verschwendung, für Ausbeutung, aber auch für Kreativität und Haltung. Kleider sind – zumindest in der Ersten Welt – auch Visitenkarte. Und Tagebuch: Ein Blick in den Kleiderschrank zeigt, wann man mit Kaufen kläglich Frust kompensiert hat, erinnert an diesen einen speziellen Kuss oder in Form eines ausgeleierten T-Shirts an dieses eine Wahnsinnskonzert. Ich freue mich darauf, in der neuen Rubrik ganz unterschiedliche Geschichten im Umgang mit Stoff, Mode und Kleidern zu erfahren.

In dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen auch das Thema der nächsten annabelle-Soirée: Für einmal haben wir ausschliesslich Männer aufs Podium eingeladen. Wir wollen sie fragen, wie sie mit unseren ganzen emanzipatorischen Ansprüchen umgehen. «Baustelle Mann» – ich würde mich freuen, Sie am 23. Oktober im Zürcher Park Hyatt begrüssen zu dürfen, mit Ihnen zu diskutieren und anzustossen. Ich überlege schon mal, was ich anziehe.

Silvia Binggeli,
Chefredaktorin
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