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Die Social-Media-Lüge

Leben

Die Social-Media-Lüge

  • Text: Gülsha Adilji; Foto: Getty Images / svetikd

Moderatorin Gülsha Adilji fragt sich: Warum sind auf Facebook & Co. eigentlich alle so grossartig? Und fordert mehr Realität in der virtuellen Welt.

Euer Leben ist gar nicht so geil und glitzernd, wie ihr auf Facebook, Snapchat und Instagram immer tut. Also hört verdammt noch mal auf, so einen Druck zu machen, und kommt mal wieder runter.

Es ist jedes Jahr dasselbe: Auf den letzten Drücker erhustle ich mir Festivaltickets, weil man, wenn man nicht dabei war, einfach «die geilste Zeit ever» verpasst. Wie ihr mich immer und immer wieder mit euren Social-Media-Lügen reinlegt. Ich müsste es besser wissen – so viel Spass kann doch kein Mensch allein haben – und falle doch immer wieder darauf rein. Stupido. Aber würde man ein Openair ausfallen lassen, könnte man nicht mehr erzählen, dass man schon seit 15 Jahren an diese Stätte der Musik, des Alkohols und des Geruchs von irgendwas Verwesendem pilgert. Sonnenbrillenköpfe, Schlammschlachten und unzählige Bilder von Bühnen auf Instagram. Und diese Hashtags. Sind die schon vorgeschrieben, oder wie schafft man es, sie betrunken oder MDMA-gelabt in sein Smartphone zu tippen, geschweige denn sie zu erdenken? #lovelive #bestfriends #camping #festival #festival16 #summer. Wenn man sich durchklickt, wird schnell klar: Kriegt man nicht auf den allerletzten Drücker noch ein Ticket via Facebook-Post, kann man genauso gut den ganzen Sommer löschen, denn dann hat man einfach nix erlebt, und die klaffende Lücke im Festival-CV erinnert einen ein Leben lang daran.

Deshalb: Openair, ich komme! Kaltes Bier, meine Lieblingsband und an jeder Ecke ein potenzieller Rumknutsch-Kandidat. Falsch. Es ist zu laut, zu heiss, zu kalt oder zu nass. Alles kostet viel zu viel, und der einzige Flirtwillige ist ein 21-jähriger HSG-Student. Man findet seine Freunde nicht, ständig muss man auf irgendjemanden warten, und vom Konzert kriegt man nichts mit, weil man kaum durch den Selfiestick-Dschungel hindurchsieht. Überall muss man anstehen. Beim Ankommen, an der Bar, für die Toilette, manchmal auch vor dem eigenen Zelt, weil sich da irgendein Fremder zum Ausnüchtern reingelegt hat. Wo bitte ist denn jetzt mein Slowmotion- Snapchat-Moment? Wo sind alle meine Freunde mit lächerlichen Festival-Kopfbedeckungen für das ausgelassene Grinse-Gruppenfoto, und wo zum Teufel ist mein ganzes Geld?

Der Social-Media-Betrug macht auch vor der Festivalnebensaison keinen Halt. Dann nervt ihr mich mit euren Weissweinabenden oder den Kurztrips in alle Herren Länder. Und dabei seht ihr immer geil aus und dünn. Wieso seid ihr so verdammt fit, schön und toll angezogen? Woher nehmt ihr die Zeit, ständig irgendwas Aufregendes zu machen und diese Kleider einzukaufen? Ihr habt die herzigsten Haustiere und die coolsten Freunde mit den interessantesten Berufen – und ich liege hier mit Kater in meinem Bett. Meine Fusssohlen sind heiss, weil ich meinen Laptop auf meinen Oberschenkeln drapiert habe, ich esse Fertignudelsuppe aus der Pfanne mit BBQ-Sauce und Senf und binge irgendeine Netflix-Serie.

Parallel schaue ich euch auf Snapchat zu, wie ihr grossartig seid.

Könntet ihr nicht ein wenig zurückschrauben, etwas weniger umwerfend sein und eure Social Media mit wenigstens einem Hauch Realität versehen? Es würde meine deprimierte Stimmung heilen helfen, und ihr spart Akku. Zudem: Es ist kaum zu glauben, was man alles machen kann, wenn man keine Instagram-Momente kreieren muss. Man kann zum Beispiel beim Anstehen am Burritostand mit dem attraktiven und wortgewandten Freund des HSG-Studenten über Glitzerpaste quatschen.