Kinderschicksale

Und was wird aus mir?

Text: Patrick Witte; Fotos: Adam Dean

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Dieser Bub hatte Glück: Im Sonnendorf vor den Toren von Peking kann er zu einem selbstbewussten jungen Mann heranwachsen

Zhang Shuqin (M.) führt zwei Anwältinnen durch ein Sonnendorf

Breite Unterstützung: Eine Besuchergruppe posiert fürs Erinnerungsbild mit Spendenpaketen, die sie für die Sonnendörfer gesammelt hat

In jedem Haus im Dorf wohnen bis zu zwölf Kinder

Feste Strukturen sind wichtig: Punkt 6.30 Uhr ist Tagwache. Beim Antreten zum Frühstück sind allerdings noch nicht ganz alle hellwach

Sein Dorf hat ihn ausgestossen, weil sein Vater als Schwerverbrecher im Gefängnis sitzt. Wie diesem Jungen geht es in China Hunderttausenden Kindern. Die einzige, winzige Chance für viele von ihnen: Ein Platz in einem Sonnendorf der NGO-Aktivistin Zhang Shuqin.

Sie sind verurteilte Kapitalverbrecher und Todeskandidaten, haben ihren Ehepartner erwürgt, den Nachbarn erstochen oder bei einem Raubüberfall wildfremde Menschen erschossen. Für die Mehrheit der chinesischen Gesellschaft sind schwerkriminelle Frauen und Männer blosser Abschaum, für die ehemalige Journalistin Zhang Shuqin sind sie jedoch vor allem: Eltern.

In ihren Zellen schneiden sie sich die Pulsadern auf, rennen mit dem Schädel gegen die Betonwände. Bis sie ohnmächtig werden. Nicht, weil sie ihre Taten bereuen, sondern weil sie ihre Kinder vermissen, sagt Shuqin. Sie wissen nicht, was draussen mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter passiert. Wie es ihnen geht. Wo sie sind. Aber Shuqin weiss es.

Zhang Shuqin ist die Gründerin der Sun Villages, der Sonnendörfer. Verteilt über ganz China, gibt es mittlerweile neun davon – für die Kinder von Schwerstkriminellen. Eine einmalige Einrichtung im Riesenreich. Sie sollen eine Heimat, aber vor allem eine Chance sein für diejenigen, die sonst keiner mehr haben will. Damit kratzt die 68-Jährige an einem grossen Tabu der chinesischen Gesellschaft: Eine Katze wirft niemals Hundewelpen. Mit diesem Sprichwort fasst Shuqin den Glauben vieler Chinesen zusammen, der Nachwuchs eines Verbrechers könne selbst nur ein Verbrecher werden. Sippenhaft maskiert als Naturgesetz.

Eines der bekanntesten Sun Villages liegt vor den Toren Pekings, gut fünfzig Kilometer entfernt von den glitzernden Hochhäusern der 20-Millionen-Metropole. Trotzdem fressen sich die monotonen Neubauten der mehrgeschossigen Apartmentblöcke immer dichter heran. Schwüle Hitze liegt schon morgens über dem Gelände, es riecht nach verbranntem Holz. Nachdem man das Eingangstor direkt an einer mehrspurigen Ausfallstrasse durchquert hat, folgt man einem breiten, schnurgeraden Weg mit aufgeplatztem Asphalt und sieht eine lange Reihe aus braunen Garagen mit breiten Fensterfronten, Bauschutt, Kohlenberge, sogar ein Gewächshaus – aber nur wenige Kinder.

Das Dorf wirkt wie eine Mischung aus Farmland und Baubrache, nur langsam tauchen himmelblau, zitronengelb oder rosa gestrichene Häuser zwischen den Bäumen auf. Wie hinter einem Schutzwall. Ihre Fassaden zeigen aufgemalte Blumen, Flüsse und Comicfiguren, und in den Häusern schlafen, wohnen und leben jeweils bis zu zwölf Kinder, eingeteilt nach Altersgruppen: von sechs bis zwölf und dann bis zum 18. Lebensjahr. Direkt neben den Barackenhäusern die Krippe des Dorfs, denn nicht selten werden auch Babys, nur wenige Wochen alt, an Zhang Shuqins Dörfer übergeben. Chinas Gefängnisse verbieten das Zusammensein von Müttern und Kindern in den Zellen, Familienzusammenführung ist unbekannt.

«Viele Kinder sind traumatisiert, wenn sie zu uns kommen. Je jünger sie sind, desto weniger verstehen sie, warum sie nicht mehr bei ihrer Mutter oder ihrem Vater sein können, warum die Polizei sie ihnen weggenommen hat», sagt Shuqin. Andere Kinder mussten sogar mit ansehen, wie ein Elternteil den anderen umgebracht hat. «Wie sollen sie das begreifen?» Shuqin sitzt an einem wuchtigen Konferenztisch in einer umgebauten kleinen Lagerhalle, die heute das Büro des Sun Village in Peking ist. Ihr Telefon klingelt fast pausenlos, sie drückt kaum einen Anrufer weg.

Trotz aller Reisestrapazen, all der Jahre des Kampfes wirkt Zhang Shuqin immer noch wie Anfang fünfzig. Eine Haut, glatt wie Porzellan, brünettes Haar, elegant gekleidet – nur ganz wenige weisse Härchen auf ihrem Kopf verraten, dass sie Färbemittel benutzt. Sie mag eitel sein. Doch vor allem muss Shuqin sich perfekt präsentieren. Immer noch. Nicht nur, weil sie das Gesicht der Sun Villages ist, sondern weil sie sich mit ihrer seriösen Erscheinung auch gegen die Vorurteile der Gesellschaft wehrt, gegen die Vorbehalte einiger Politiker. Immer wieder gibt es Vorwürfe, Nachfragen: warum sie nicht besser den Kindern der Opfer helfe. Dass sie mit ihren Dörfern Kriminalität sogar fördere. Denn immerhin wüssten doch Räuber, Diebe und Mörder, dass sich jemand um ihre Kinder kümmere. Shuqin kann es nicht mehr hören.

Trotzdem versucht sie, jedes Vorurteil mit Fakten zu widerlegen, nennt Zahlen, Untersuchungen, Kriminalitätsstatistiken. Nicht der Familienhintergrund bringe Kriminalität hervor, sondern Armut und mangelnde Bildung. Für sie gilt: Jedes Kind verdient die gleiche Chance. «Wenn zwei Kinder gleichzeitig ertrinken, wer fragt dann, wer das Kind eines Verbrechers und wer das eines Opfers ist?» Ventilatoren wälzen die schwüle Luft durch den Raum, an den Wänden wird auf rosa Karton die Geschichte der Sun Villages erzählt. Es ist eine Erfolgsstory. Fotos zeigen prominenten Besuch wie Königin Silvia von Schweden, daneben illustrieren Bilder, wie aus einem völlig verdreckten und in Lumpen steckenden 5-Jährigen im Lauf der Jahre im Sun Village ein erfolgreicher Universitätsabsolvent wurde.

Heute leben Kinder wie die 11-jährigen Wei-Zwillinge hier, zwei streichholzdürre Buben aus der Guangxi-Provinz, fast 2500 Kilometer von Peking entfernt. Ihr Vater kam wegen Raub und Hehlerei für 18 Jahre hinter Gitter, ihre Mutter konnte, allein und von allen geächtet, nicht mehr für die beiden sorgen. Oder Ding Ding aus Peking. Die Mutter des heute 17-Jährigen ist tot, erwürgt von seinem Vater, während Ding Ding daneben kauerte. Er war fünf und kapierte nicht im Ansatz, was passierte. Nur dass seine Mutter irgendwann aufhörte zu schreien und sich nicht mehr bewegte. Zunächst zum Tod verurteilt, reduzierte ein Gericht die Strafe des Vaters nach Einspruch auf lebenslänglich.

In ihrer Heimat leben diese Kinder der Verurteilten als Ausgestossene. Besonders in den Dörfern tief im Inneren des Riesenreichs wird die Familie der Täter meist gemieden. Sie gilt als lebende Erinnerung an die brutalen Taten, umweht von einem Aberglauben aus Angst und Schande. Manchmal werden die Kinder von den Grosseltern aufgenommen. Doch die leben meist selbst in Armut, sind einfache Bauern oder bitterarme Rentner. Von einer Schule oder gar Ausbildung sind die Kleinen dort so weit entfernt wie ihr Bergdorf von den glitzernden, reichen Metropolen der Ostküste. Und auch dort lastet der Fluch auf ihren Schultern. Schon mit vier, fünf Jahren landen sie auch in Peking oder Shanghai auf der Strasse. Sie müssten betteln oder stehlen, um zu überleben, gäbe es nicht Zhang Shuqin.

Insgesamt 700 Betten bieten alle neun Sun Villages zusammen, allein in Peking leben 120 Kinder. Seit der Eröffnung des ersten Dorfs 1995 hat Shuqin mehr als 10 000 Kindern geholfen und gibt den de facto Waisenkindern ein Zuhause, Schulausbildung – «und Liebe», wie sie sagt. Shuqin will eine neue Familie bieten, ohne die alte wegzudrücken. Wenn die Gefängnisleitungen es erlauben, können die Kinder aus dem Sun Village mit ihrem inhaftierten Elternteil telefonieren. Wenige Minuten nur, doch für beide Seiten unendlich wertvoll. «Die Kinder leiden natürlich, wenn sie ihre Eltern nicht mehr sehen können. Auch wenn es nur ein Telefonat ist, hilft ihnen der Kontakt sehr», sagt Shuqin. Wie den inhaftierten Eltern auch. Sie wissen nämlich, dass ihr Kind noch mit ihnen sprechen will, draussen auf sie wartet, und werden so motiviert, sich im Gefängnis gut zu verhalten, um ihre Haft so verkürzen zu können.

Das Problem ist nur: China ist mit 1.4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt, hat mehr als 2.3 Millionen Gefangene und soll jährlich mehr Menschen hinrichten als alle anderen Länder der Welt zusammen. Genaue Zahlen bleiben ein Staatsgeheimnis, aber Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International oder Death Penalty Worldwide gehen von über tausend Exekutionen allein im Jahr 2015 aus. Bei diesen Zahlen wird klar: Shuqin kann nicht allen helfen. Denn die Zahl der Kinder, die durch die Verhaftung eines Elternteils in tiefster Armut leben müssen, überstieg schon 2005 die Zahl von 600 000 – so die letzte Schätzung der chinesischen Regierung.

Manche würden diese Zahlen, diese riesige Aufgabe einschüchtern. Anders Zhang Shuqin. Seit zwanzig Jahren führt sie ihren Kampf. Und sie kannte schon vorher das Leben in Haft für Todeskandidaten und Schwerverbrecher. Denn Shuqin interviewte sie für die Gefängniszeitungen, drehte Dokumentarfilme als angestellte Journalistin des Justizministeriums. Doch statt nur die gewünschten Erfolge der Kommunistischen Partei zu vermelden, berichtete sie über die Schicksale der zerrissenen Familien und die bittere Armut der Kinder. Sie versuchte zu vermitteln und führte 1989 die ersten zwei Mädchen mit ihrer Mutter zusammen. Das Treffen für eine halbe Stunde wurde ihre Aufgabe für den Rest ihres Lebens.

«Die Sun Villages sind das Ergebnis eines langen Prozesses. Es sollte so passieren», sagt Shuqin. Weil sie sich schon als Kind um ihre Brüder und die eigenen Eltern kümmern musste. Weil sie als blutjunge Krankenschwester in den Wirren der Kulturrevolution durch die Dörfer ihrer Heimatprovinz Shangxi zog und dort mit eigenen Augen sah, wie Kinder einfach entführt und missbraucht wurden. Es hätte sich niemand um sie kümmern können. Mit ihrer Arbeit als Journalistin habe sie einfach ihre Perspektive gewechselt. Statt den Kranken zu helfen, kümmerte sie sich um die Verwundbaren in den Gefängnissen.

Zhang Shuqins Weg hört sich in ihren Erzählungen an wie eine Vorherbestimmung. Nur eine Sache überrasche sie immer wieder: «Ich habe nie geahnt, dass die Sun Villages so gross werden würden.» Ihr erstes Dorf war 1997 nur eine einfache Etage in einem gemieteten Haus in ihrer Heimat Shangxi. 16 Kinder, Shuqin mitten unter ihnen. Sie wusch, putzte, kochte für sie. Jeden Tag. Manchmal vermisst sie diese Zeiten, diese Intimität, das Gefühl, eine eingeschworene Familie gegen den Rest der Welt zu sein. Heute regiert sie ein kleines Imperium mit 35 Angestellten und fast 100 freiwilligen Helfern, betreibt Lobbyarbeit. Doch vor allem besorgt sie die Spenden, um die Dörfer unterhalten zu können. Knapp zwei Millionen Franken verschlingt jedes Dorf jährlich, doch vom Staat bekommt Shuqin nichts. Deshalb baumeln an nahezu allen Häusern, Tischen und selbst Bäumen in den Dörfern kleine Karten mit dem Namen der Spender.

Shuqins Kampf ist rastlos, ihr Telefon nie ausgeschaltet. Sie sagt: «Niemand würde es mir übel nehmen, wenn ich mich zurückziehe. Ich bin fast siebzig, eigentlich ist längst Zeit für die Rente. Doch wenn ich etwas anfange, will ich es perfekt machen. Und ich habe noch Pläne.» Vor allem: Shuqin will weitere Sun Villages eröffnen, so viele wie möglich, und aktuell ist ein Dorf in Shanghai in Planung. Deshalb schnellt sie wie eine Flipperkugel durch das Land, ist immer in Verhandlungen. Mit Behörden, Unternehmern, Gefängnisleitern und vor allem Politikern. Denn ohne die Zustimmung der Politik geht in dem kommunistischen Land wenig. Und gegen ihren Willen gar nichts.

Ans rettende Ufer ihrer Sonnendörfer hat Zhang Shuqin auch Ding Ding gezogen, vor neun Jahren. Mehr als sein halbes Leben hat Ding Ding in dem barackenartigen Haus verbracht: angerostete Doppelstockbetten in einem muffigen, spartanischen Schlafsaal, ein kleines Bad mit abgeplatzten Kacheln plus ein Wohnraum mit Fernseher und Tischen zum Lernen. Mit sieben Jungen teilt Ding Ding sein Zuhause, mit seinen Brüdern, wie er sie nennt. Früher, in einer anderen Zeit, lebte er in Peking mit seinem alkoholkranken, jähzornigen Vater und seiner Mutter, die er mit seinen fünf Jahren nicht vor dem Vater schützen konnte. Vor den Schlägen, vor dem Erwürgen. Shuqin: «Ich habe ihn nie gefragt, was genau passiert ist damals. Aber die Erinnerungen werden natürlich für immer bleiben.»

Ding Ding wurde vom zuständigen Gericht zunächst in einen Tageskindergarten gesteckt. Die Familie seiner Mutter wollte, die Familie seines Vaters konnte ihn nicht unterstützen. Er war allein, doch ohne Anspruch auf einen Platz in einem Waisenhaus. Denn rein technisch gesehen hatte Ding Ding noch einen Vater. Auch wenn dieser ein Mörder ist. So blieb ihm im Alter von fünf Jahren entweder die Strasse oder das Sun Village von Shuqin. Heute sitzt Ding Ding auf den Stufen unter dem schmalen Vordach seines Hauses, sein Blick haftet, starr in der Erinnerung, am leeren, mit Grasbüscheln und Unkraut zugewucherten Betonbassin vor ihm. Zu Anfang dachte er, das Sun Village sei nur ein weiterer Kindergarten für ihn. Vorübergehend, auf Zeit. Kein schlechter Platz eigentlich. Die anderen Kinder sangen anlässlich seiner Ankunft, die Häuser hatten eine Heizung, dazu hatte er ein eigenes Bett, und morgens, mittags und abends gab es Essen. Und vor allem gab es Zhang Shuqin.

«Sie war jeden Tag bei uns, kannte uns alle mit Namen. Ihr konnte ich vertrauen.» Natürlich, es gibt noch andere Mitarbeiter im Dorf, Lehrer, Hausmeister, Köche. Ohne sie kann kein Dorf existieren. Aber Shuqin ist der Fixstern, um den alle anderen kreisen. Und der niemanden aus seiner Umlaufbahn lässt, sobald er einmal dort eingetreten ist. Auch Ding Ding unterliegt denselben Regeln wie alle Kinder. Punkt 6.30 Uhr Wecken per Trillerpfeife. Um 7 Uhr Frühstück. Ab 7.30 Uhr eine Stunde lang kollektives Säubern und Fegen der Häuser. Dann Schule. Lernen. Eine Stunde Freizeit am Nachmittag. Licht aus um Punkt 21 Uhr.

Das Programm ähnelt mit Absicht militärischem Drill, denn Disziplin und ein fester Tagesablauf garantieren Stabilität und Verlässlichkeit. Sie bilden den Rahmen, an dem sich die Kinder orientieren. Und in dem auf jeden Einzelnen eingegangen werden kann. «Wir müssen zu Anfang vor allem korrigieren», sagt Zhang Shuqin. «Viele Kinder haben mentale Probleme, sind aggressiv, wollen andere schlagen. Wir versuchen, das schlechte Vorbild ihrer Eltern wieder auszugleichen, und geben den Kindern vor allem, was sie zuvor so gut wie nie hatten: das Gefühl einer Heimat, von Sicherheit und Vertrauen.»

Shuqin wirkt mittlerweile wie eine professionelle Pädagogin. Doch zu Anfang klammerte sie sich noch an die Erfahrungen, die sie in der Erziehung ihrer eigenen zwei Töchter gemacht hatte. Erst ab 1997 arbeitete sie mit einem Kinderpsychologen aus Kanada zusammen, analysierte die häufigsten Probleme der Kinder, entwarf Konzepte. «Die Kinder müssen sich vor allem der Realität stellen: Eure Eltern sind tot oder im Gefängnis. Wenn sie das nicht können, haben sie auch keine Chance gegen die Vorurteile der Gesellschaft. Sie müssen mit Selbstbewusstsein sagen können: Ich bin nicht wie meine Eltern», sagt Shuqin. Denn in China gibt es zwei Wege zum Erfolg – eine gute Ausbildung oder, noch entscheidender, gute Kontakte. Aber die Kinder der Sun Villages können sich nur auf sich selbst verlassen. Und genau das will Shuqin ihnen beibringen.

Ding Ding hofft auf eine Karriere als IT-Berater und bereitet sich wie alle chinesischen Schüler mit 18-Stunden-Lernschichten auf die Aufnahmeprüfungen an der Uni vor. Auch wenn das abgelegene Dorf manchmal etwas langweilig für einen 16-Jährigen ist: Das Sun Village ist seine Heimat geworden, die er manchmal für Kinobesuche oder Ausflüge verlässt, aus Sicherheitsgründen immer in Begleitung. Manche Familien wollen sich an den Kindern rächen und lauern ihnen auf. Ding Ding meint, er habe seinem Vater zwar nicht verziehen, aber er könne verdrängen. «Wenn mein Vater sich im Gefängnis gut verhält.» Aber vor allem helfe ihm, dass seine Mitbewohner wie alle Kinder im Dorf den gleichen Hintergrund haben. «Mit ihnen zu reden, Erfahrungen zu tauschen, ist wichtig. Schlechte Erinnerungen sind bei uns kein Tabu, doch man muss älter werden, um sie richtig verarbeiten zu können.»

Auch Ding Ding wird mit 18 Jahren, als Volljähriger, das Sun Village verlassen. Wie alle Kinder. Dann sollen sie bereit sein für ein eigenes Leben und stark genug für den Gegenwind aus der Gesellschaft. Sie stehen allein da, doch mit einer wirklichen Chance. Shuqin ist stolz auf jeden einzelnen Uniabsolventen, auf die fünf Sun-Village-Kinder, die eine Karriere im Militär einschlagen konnten – der Bereich der chinesischen Gesellschaft mit besonders strengen Auflagen für Disziplin und einwandfreiem Verhalten. Ihr Kampf um die Kinder und gegen die Vorurteile ist erfolgreich – auch nach ihrer Zeit, da ist sie sich sicher. Doch in einem gleichen sich die Kinder und Zhang Shuqin: Wirklich verlassen werden sie die Sun Villages nie.

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