Wie ist es eigentlich

Wenn Fehler im öffentlichen Verkehr passieren

Manfred Hausherr (52) ist seit zwei Jahren Buschauffeur und hat sich auf dem Weg zwischen Bahnhof Zürich-Enge und Affoltern am Albis verfahren. 

Es ist Samstagnachmittag, Anfang November. Hochnebel. Die Sonne haben wir länger nicht mehr gesehen. Ich bin unterwegs auf der Linie 200, ab Bahnhof Zürich-Enge in Richtung Affoltern am Albis. Nach dem Uetlibergtunnel stelle ich den Blinker, spure links ein. Plötzlich realisiere ich: Da stimmt etwas nicht. Irgendwie deckt sich das Bild nicht mit meiner Erinnerung. Da macht es klick: Mist, ich bin eine Ausfahrt zu früh abgebogen – und fahre geradewegs auf die Autobahn! Man muss wissen: Auf diesem Streckenabschnitt gibt es zwei Abzweigungen, die nur wenige Meter voneinander entfernt liegen, die erste Richtung Affoltern am Albis und etwas weiter hinten die Ausfahrt Richtung Bonstetten Dorf. Die hätte ich nehmen müssen.

Wir Busfahrer absolvieren für solche Fälle Schulungen. Es gibt ein paar Grundsätze, die man befolgen muss. Natürlich gilt es erst einmal ruhig zu bleiben – aber das ist letztlich auch immer eine Charakterfrage. Ich glaube, mir ist das gelungen. Wichtiger aber ist die Sicherheit. Man darf unter keinen Umständen ein Wendemanöver einleiten, das die Passagiere oder andere Verkehrsteilnehmer gefährden könnte – kam hinzu, dass ich mich ja schon auf der Autobahn befand! Mir wurde sofort klar, dass es nun kein Zurück mehr gab. In so einem Moment läuft es einem schon kalt den Rücken hinunter.

Ich nehme also das Mikrofon in die Hand und informiere die Passagiere, dass ich einen Fahrfehler gemacht habe. Dass der nächste Halt in Affoltern stattfindet und alle Haltestellen dazwischen ausfallen, immerhin acht an der Zahl. Der Bus ist halb voll, es sind etwa dreissig oder vierzig Leute drin. Am Wochenende sind die Fahrgäste zum Glück entspannter als unter der Woche, niemand beschwert sich. Trotzdem: Ich bin ein pflichtbewusster Mensch. Dieser Fehler ist mir einfach unangenehm.

Es gibt Fahrer – und ich habe den grössten Respekt vor diesen Menschen –, die wissen an jeder Haltestelle die Abfahrtszeit auswendig, und zwar in beiden Fahrtrichtungen. Ich gehöre leider nicht zu diesen Talenten. Nach meiner Einschätzung aber sollte es möglich sein, dass die Fahrgäste in Affoltern den Bus zurück nehmen und dann von der anderen Seite her an ihre Haltestellen kommen. Denn normalerweise kommt mir dieser Rückkurs immer am Dorfeingang entgegen.

Als ich von der Autobahn weg- und ins Dorf hineinfahre, sehe ich, dass der andere Bus tatsächlich noch an der Station steht. Ich bitte ihn per Funk zu warten. Die Gäste steigen aus und beim anderen Bus wieder ein. Dann verlasse ich den Bus ebenfalls und rapportiere der Leitstelle, was passiert ist.

Ich bin seit zwei Jahren Chauffeur, fahre diese Strecke regelmässig. Die beiden Abzweigungen sehen sich sehr ähnlich, die Platzierung der Tafeln, die Rotlichter, die Spurführung, alles ist optisch fast identisch. Aber es gibt nichts schönzureden, es war ein eindeutiger Fahrfehler. Es gibt nichts, was ich als Entschuldigung nennen könnte. Fehler passieren leider.

Ich denke jedes Mal an diesen Tag zurück, wenn ich heute an der Ausfahrt Affoltern vorbeifahre. Das ist wie ein kleines Lämpchen, das in mir aufleuchtet. Ich glaube nicht, dass mir das noch mal passieren wird. Lapidar gesagt, bin ich mit einem blauen Auge davongekommen. Und ich hatte sehr gute Fahrgäste, sie nahmen es mit Humor. Als wir auf der Autobahn durch den Islisbergtunnel gefahren sind, meinte ein Fahrgast: «Ah! Hier bin ich auch noch nie im Bus durchgefahren.» Stimmt. Normalerweise fährt da auch kein Bus durch. An diesem Samstag aber eben schon.

Aufgezeichnet von Kerstin Hasse; Foto: Pexels.com/negativespace

Kerstin Hasse

Die Junior Editor im Reporterteam findet Menschen und ihre Geschichten spannend. Egal ob die Geschichte traurig oder schön, klein oder gross ist – sie erzählt sie gern.

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