Wie ist es eigentlich

Wenn der Hund plötzlich zubeisst

Franziska K. Müller mag Hunde, sehr sogar. Die Schuld, von zwei rumänischen Strassenhunden gebissen worden zu sein, weisst sie allein der Hundehalterin zu. 

Lautlos stürmen die Hunde auf meine ungarische Promenadenmischung von der Grösse eines Dackels und mich zu. Der erste Biss in den linken Unterschenkel ist heftig und geht auf das Konto eines undefinierbaren weissen Riesentiers. Den zweiten Biss in den rechten Oberschenkel verursacht ein Stafford-Mix, wie sein kräftiger Körperbau, die schräg stehenden Augen, die coupierten Ohren vermuten lassen. Alles geht blitzschnell. Die Halterin mit struppigen langen Haaren steht wenig später mit ihrem Fuss auf der Leine der Tiere. Sie hat eine Bierdose in der Hand und ist genervt. Frühmorgendliche Probleme. Ganz schlecht.

Ich halte Distanz zu den bissigen Hunden, der polnische Begleiter der Frau sagt: «50 Euro? Dann betrachtet meine Kollegin die Sache als erledigt.» Ich zeige auf die zerfetzte Strumpfhose (Wolford: 60 Euro!) und die blutigen Beine (unbezahlbar) und schreie: «Sieht das für Sie erledigt aus?» Der Mann schüttelt den Kopf.

Zehn Minuten später humple ich Richtung Polizeiposten. Die Angaben zu Namen und Hundemarken sind falsch, wie sich herausstellt. Die Beamten blicken auf meine Beine. Sie sagen «Tollwut» und «Rettung», was in Wien so viel wie «Ambulanz» bedeutet. In der Notaufnahme des Spitals starren fünf Augenpaare wortlos auf Quetschungen, Blutergüsse und Wunden, eine davon in Form eines Gebissabdrucks, die zweite weniger tief, doch schmerzhafter als die andere Verletzung. Ein junger Arzt greift zu Betäubungsmittel und Skalpell, schneidet sechs Löcher aus.

Nach einem Monat besuche ich die Wiese am Margaretengürtel erneut. In Wien gibt es viele sogenannte Kampfhunde, die aus den umliegenden Ostländern auch illegal eingeführt werden. Die allermeisten sind lammfromm und wohlerzogen. Ich hatte einfach Pech und am Ende eigentlich Glück im Unglück: Denn die bissigen Tiere liessen schnell wieder von mir ab, was keine Selbstverständlichkeit ist.

Ein schlechtes Gefühl habe ich also nur, wenn solche Tiere nicht angeleint sind oder: wenn sie von einer Halterin ausgeführt werden, die ich kenne. Die struppigen langen Haare der Kampfhundehalterin sind nun Vergangenheit. Nicht blöd, hat sie ihr Signalement verändert, oder doch blöd: Jetzt trägt sie eine giftgrüne Irokesenfrisur. Fünf Minuten später sitzt sie auf dem Polizeiposten und ist geständig, wie man mir telefonisch mitteilt.

Wochen später liegt ein Aufgebot zur freiwilligen Teilnahme an einem Täter-Opfer-Ausgleich auf dem Tisch. Der Mediator unterbreitet Evelyne (Name geändert) mein Anliegen, mit den Tieren einen Erziehungskurs zu besuchen. Evelyne antwortet nicht. Sie weint. Die Attacke ihrer ehemaligen rumänischen Strassenhunde kann sie sich nicht erklären. Sie würden alles erhalten, was sie brauchen, sagt sie. Futter. Eine Einzimmerwohnung als Tummelplatz. Hin und wieder einen Spaziergang. Was will man mehr?, schluchzt sie. «Eben: einen Erziehungskurs», antwortet der Mediator und: «Die Geschädigte wäre dann bereit, manche finanziellen Forderungen zu überdenken.» Evelyne weint nicht mehr. Sie willigt ein.

Bei der nächsten Sitzung erfahre ich: Kommt eine Einigung in Sachen Erziehungskurs zustande, bin ich dafür verantwortlich, dass Evelyne die gemachten Zugeständnisse einhält. Sie hat in der Zwischenzeit herausgefunden, dass sie eine Haushaltversicherung besitzt, die ihre Tiere einschliesst. Damit ist sie finanziell aus dem Schneider – und auf die Einigung mit mir nicht mehr angewiesen. Ist sie dennoch gewillt, einen Hundekurs zu absolvieren? «Vermutlich nur, wenn Sie bereit wären, ihr dafür einen angemessenen Betrag zukommen zu lassen», antwortet die Anwältin.

Evelyne verabschiedet sich mit dem Satz: «Man sieht sich mit den Hunden.»

Text: Franziska K. Müller; Foto: Getty Images / Misael Silva / EyeEm

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