Wie ist es eigentlich

Wenn man als Doppelbürger das Rütli bewirtschaftet

Aufgezeichnet von Larissa Haas; Foto: Switzerland Tourism

Keine Wiese ist wie das Rütli. Mike McCardell (37) über sein Leben als Wirt am Sehnsuchtsort der Schweiz und wie er sich unter den vielen Besuchern entspannen kann.

Die einen gehen biken, die anderen machen Musik, und ich, ich mähe das Rütli, um abzuschalten. Steuere ich den Balkenmäher über das saftige Grün, kann ich meine Gedanken schweifen lassen. Ja, beim Mähen kann ich mich entspannen.

2015 bin ich aufs Rütli gezogen, und seitdem liegt die Bewirtschaftung von Land und Restaurant in meiner Verantwortung. Damals habe ich einfach ein schönes Bergrestaurant gesucht. Keine 08/15-Beiz, nicht das «Rössli», nicht den «Bären» um die Ecke. Und dann – ganz unverhofft – bin ich zum Rütli gekommen. Ein viel frequentierter Ort; es gibt wohl keinen Tag, an dem nicht mindestens eine Person das Rütli besucht. Gast bleibt aber Gast. Ganz egal, ob nun Ueli Müller oder Ueli Maurer am Tisch sitzt. War Müller vor Maurer da, wird auch Müller vor Maurer bedient. So viel zu meiner Philosophie.

Die Nachricht, dass ich, ein schweizerisch-amerikanischer Doppelbürger, das Rütli übernehmen würde, schlug damals ein wie eine Bombe. Ich war total überrascht, warum man daraus einen derartigen medialen Rummel veranstaltet. Klar, McCardell klingt nicht gerade schweizerisch, dafür machen bei mir auf dem Rütli andere das vermeintliche Patriotismusdefizit wieder wett: Arnold von Melchtal, Amélie, Wuschu, Heidi und Ida, meine schottischen Hochlandrinder, zusammen mit den Pfauenziegen Willi und Tell und den Wollschweinen Gessler und Vogt.

Auch meine Gäste sind zu rund 95 Prozent Schweizerinnen und Schweizer – den zweistöckigen Reisecar oder den südostasiatischen Touristenführer sucht man hier vergebens. Gelegentlich pilgern aber Touristengruppen hierher, amerikanische Rentner etwa, braun gebrannt, grau meliert, höchst gebildet und eher gehobenerer Klasse. Bei denen kommen meine Rütlisagen-Touren wohl besonders gut an. Es scheint, als wäre das Rütli eine Art Sehnsuchtsort: Die Menschen kehren ja nicht nur wegen meiner Spezialitäten wie der Älplermagronen immer wieder hierher zurück. Da gibt es noch Dutzende andere Gründe. Paare schwören sich hier nach zwanzig Jahren Ehe den Bund des Lebens neu; und andere gehen mit dem Rütli eine besondere Liebesbeziehung ein. So hat mir ein Rütlischütze verraten, dass er seinen fünfzigsten Hochzeitstag nicht nur bei seiner Frau, sondern auch beim Rütlischiessen feiert.

Das Rütli wird teilweise als Politbühne missbraucht. Sollte es aber nicht. Es gibt genug Orte, um zu politisieren, demonstrieren und debattieren. Doch was hier politisch passiert, interessiert mich nicht. Ich bin kein Polizist, sondern Pächter.

Klar, keine Wiese ist wie das Rütli. Sie ist bescheiden, zurückhaltend und sauber – das passt zur Schweiz. Und: Ihr Kräuterduft ist einfach himmlisch gut. Sie ist immer ordentlich gepflegt und sorgfältig gemäht. Zugegeben, meine Bemühungen für ihr fast makelloses Aussehen sind schon ausgeprägter als bei anderen Wiesen, dürfen sie aber auch; schliesslich steht keine andere Wiese in der Schweiz derart im Mittelpunkt.

Selbstverständlich ist es kein Muss, einmal im Leben auf dem Rütli gewesen zu sein. Aber ganz verkehrt wäre es natürlich nicht. Na gut, ich selber bin zwar überdurchschnittlich oft auf dem Rütli, im Bundeshaus aber, da war ich noch nie.

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