Wie ist es eigentlich

Wenn man mit Flipflops im finnischen Winter landet

Aufgezeichnet von Sven Broder; Foto: Pexels 

Für Cargo-Manager Philippe Queloz und seine Frau gab es leider keinen Platz mehr im Flugzeug. Deswegen erzählt er hier von kalten Füssen in Helsinki statt kühlen Drinks in Hongkong.

Als wir am Flughafen Zürich ankamen, war die Welt noch in Ordnung. Ich hatte zwar mitbekommen, dass sich der Flieger nach Hongkong langsam füllte, und die Schlange vor dem Check-in-Schalter sah auch ein wenig beunruhigend lang aus, aber für meine Frau und mich würde es schon noch Platz haben. Nur wir zwei, sie und ich – Silvester in Hongkong! Die ersten fünf Tage ohne unseren damals 2-jährigen Sohn. Raus aus dem feuchtkalten Zürich, rein in den feuchtheissen südchinesischen Sommer. Da reicht Handgepäck; Flipflops, T-Shirts, kurze Hosen. Sonnencrème nicht vergessen. Das Hotel war gebucht, ebenso ein Platz in einem schicken italienischen Restaurant in der Neujahrsnacht, viele Stockwerke über der Mega-City, freie Sicht auf das gigantische Feuerwerk. Alles top! Das war der Plan.

Ich arbeite als Cargo-Manager bei der Fluggesellschaft Cathay Pacific und hatte keine bestätigten Flugtickets, sondern zwei Stand-by-Karten für Angestellte des Unternehmens. So war ich schon oft geflogen; mit darf, wer Platz hat – und das hatte ich bis dahin immer.

Doch nun drehte in Zürich plötzlich der Wind. Geschäftsleute und Ferienreisende drängten in den Flieger. Als klar wurde, dass meine Frau und ich da garantiert nicht mehr mitfliegen können, suchte ich fieberhaft nach Alternativen. Die beste: ein Flug nach Helsinki, dann dort umsteigen auf einen anderen Flieger, der uns nach Hongkong bringen würde. Easy. «Sieht gut aus. Glaub mir, Schatz!» Als wir nach zweieinhalb Stunden in Helsinki landeten, war das Versprechen Makulatur. Wegen zu geringer Auslastung waren zwischenzeitlich verschiedene Flüge ab China nach Hongkong gestrichen und die betroffenen Passagiere auf «unseren» Flug zusammengezogen worden – Herr und Frau Queloz/Kunz waren gestrandet. In Finnland. Bei minus 20 statt plus 25 Grad Cesius.

Als wir in Downtown-Helsinki endlich unser spontan gebuchtes Hotel bezogen, war es 2 Uhr morgens, der letzte Tag des Jahres bereits angebrochen, die Stimmung mässig. Nach dem Frühstück gingen wir erstmal einkaufen: Mütze, Pullover, Schuhe, Daunenjacke. Schnee lag zum Glück noch keiner, aber es war bissig kalt – und um 16 Uhr bereits wieder dunkel. Helsinki ist industriell, eher karg, schon schön, aber nicht Hongkong. Definitiv nicht. Sicher nicht im Dezember!
Am Abend wollten wir in der Stadt das Feuerwerk bestaunen. Zuvor gingen wir was essen. Nichts Spektakuläres. Was mir nicht bewusst war; die Finnen feiern Neujahr wie wir Zürcher – am See beziehungsweise am Meer. Allerdings mit dem kleinen, aber nicht ganz unwichtigen Unterschied: Was vor Ort getrunken wird, wird selber mitgebracht. Mit einem Glas Champagner aufs neue Jahr angestossen haben meine Frau und ich deshalb erst eine Stunde nach Mitternacht, da waren wir bereits wieder zurück im Hotel. Das Feuerwerk hatte gerademal drei Minuten gedauert. Puff, Zisch. Fertig.

Die restlichen drei Tage verbrachten wir vor allem im Hotel, zwischendurch gingen wir in der Stadt ein wenig spazieren. Es wurde richtig gemütlich. Nichts war geplant, nichts musste, alles konnte sein. Meine Frau las viel, ich ging oft in die Sauna. Eigentlich haben wir die Tage zu zweit letztendlich sehr genossen: Wir hatten viel Zeit zum Schmusen – dafür wäre es meiner Frau in Hongkong ja vielleicht zu warm und zu schwül gewesen. Aber das nächste Mal werde ich ein bestätigtes Flugticket buchen. Trotzdem. Koste es, was es wolle.

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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